Chronik

Chronik 1989

Überblick

„Die Mauer ... wird in fünfzig und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben", erklärt Erich Honecker noch Ende Januar 1989. Tatsächlich erscheint die DDR den meisten Zeitgenossen zu dieser Zeit stabil, obwohl das aufziehende wirtschaftliche Desaster am Zustand der Industrieanlagen, der Bausubstanz der Altstädte, der Straßen sowie der Luft- und Wasserverschmutzung erkennbar wird. Mehr
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    • 1. Dezember

      1989

      Sitzung der DDR-Volkskammer: Mit den Stimmen der SED-Fraktion streichen die Abgeordneten die führende Rolle der SED aus der DDR-Verfassung. Mehr
    • 2. Dezember

      1989

      Beginn einer zweitägigen Gipfelkonferenz von US-Präsident Bush und Staats- und Parteichef Gorbatschow auf Malta. Die Deutschland-Frage wird zum Hauptthema.
    • 3. Dezember

      1989

      Mitglieder der alten SED-Führung (Harry Tisch, Günter Mittag, Gerhard Müller und Hans Albrecht) werden am Morgen in Untersuchungshaft genommen.
    • 3. Dezember

      1989

      Ost-Berliner Kunst- und Kulturschaffende klagen vor dem Gebäude des Zentralkomitees ihre Forderungen von der Demonstration am 4. November ein; Aufnahme 3. Dezember 1989
      Letzte Tagung des SED-Zentralkomitees: Um sich von der alten Parteiführung abzusetzen und in der Hoffnung, ihre eigene Position retten zu können, erzwingen die neugewählten, nicht mehr von oben eingesetzten Ersten SED-Bezirkssekretäre den Rücktritt von Politbüro und Zentralkomitee – und von Egon Krenz als SED-Generalsekretär.


      Zu Beginn der Sitzung gibt Hans Modrow den vorzeitigen Abgang eines ZK-Mitglieds bekannt: Alexander Schalck-Golodkowski habe die DDR in der Nacht zuvor mit unbekanntem Ziel verlassen. Protokoll der 12. Tagung des SED-Zentralkomitees, 3. Dezember 1989 (Abschrift eines Tonmitschnitts)
      Schalck, der nach West-Berlin geflohen ist und sich am 6. Dezember der West-Berliner Justiz stellt, hinterlässt einen Abschiedsbrief, über dessen Inhalt das Zentralkomitee nichts erfährt. Darin teilt Schalck mit, er habe veranlasst, daß von ihm teilweise im Ausland angelegte Guthaben der DDR dem Vorsitzenden des Ministerrates angezeigt würden. Sie seien die „letzte Einsatzreserve bei Eintritt der Zahlungsunfähigkeit des Staates, die nach meiner Auffassung Ende dieses Jahres bzw. Anfang nächsten Jahres eintreten wird (...)." Schreiben von Alexander Schalck-Golodkowski an Werner Eberlein, 2. Dezember 1989
      Um einen sauberen Neubeginn zu ermöglichen, haben mehrere Erste SED-Bezirkssekretäre vor Beginn der ZK-Tagung die Annullierung der gefälschten Kommunalwahl vom Mai 1989 gefordert. Egon Krenz weist diese Forderung auf der ZK-Sitzung zurück.
      Für den dramatischen Höhepunkt der letzten Tagung des SED-Zentralkomitees sorgt der 86jährige Alt-Kommunist Bernhard Quandt. Weinend tritt er ans Mikrofon und fordert, mit der „Verbrecherbande des alten Politbüros" abzurechnen und alle standrechtlich zu erschießen, „die unsere Partei in eine solche Schmach gebracht haben, daß die ganze Welt vor einem solchen Skandal steht, den sie noch niemals gesehen hat."
      Am Ende der Sitzung wird ein Arbeitsausschuss gebildet, der einen außerordentlichen Parteitag vorbereiten soll. Ihm gehören unter anderem Gregor Gysi, der Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer und der frühere Stasi-General und Spionage-Chef Markus Wolf an.
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    • 4. Dezember

      1989

      Gegenüber Außenminister Genscher weist Michail Gorbatschow in Moskau das Zehn-Punkte-Programm als „Diktat" zurück.
    • 4. Dezember

      1989

      Mit den Besetzungen der Gebäude der MfS-Bezirksverwaltungen in Erfurt, Suhl und Leipzig beginnt das Ende der Staatssicherheit.
      Besetzung der Staatssicherheit in Leipzig: improvisierte Pressekonferenz durch den Leiter der Bezirksbehörde Generalleutnant Hummitzsch (m.), 4. Dezember 1989
    • 5. Dezember

      1989

      Der DDR-Generalstaatsanwalt leitet gegen Erich Honecker ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren wegen „Vertrauensmissbrauch" und „Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums im schweren Fall" ein, das am 8. August 1990 wegen des „Verdachts des mehrfachen Mordes" und der „mehrfachen vorsätzlichen Körperverletzung" erweitert wird. Das Ermittlungsverfahren geht im Oktober 1990 auf den Generalstaatsanwalt beim Berliner Kammergericht über.
    • 5. Dezember

      1989

      Die SED-Betriebskampfgruppen werden aufgelöst, der Waffenbestand von der Volkspolizei übernommen.
    • 5. Dezember

      1989

      Nach Verhandlungen mit der Bundesregierung gibt die DDR bekannt, daß Visumzwang und Zwangsumtausch für Westbesucher ab 1. Januar 1990 entfallen sollen.
    • 6. Dezember

      1989

      Egon Krenz tritt auch als Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates zurück. Eine kurzfristig anberaumte Beratung des Nationalen Verteidigungsrates kann nicht mehr stattfinden; das Gremium, dem die Einsatzleitungen auf Bezirks- und Kreisebene unterstehen und der im Notstandsfall alle exekutiven und legislativen Befugnisse auf sich konzentrieren kann, ist verhandlungsunfähig. Mehr
    • 7. Dezember

      1989

      Konstituierende Sitzung des Zentralen Runden Tisches der DDR: Wolfgang Berghofer, SED (li.), Gregor Gysi, SED (mi.) und Wolfgang Schnur, Demokratischer Aufbruch (re.), 7. Dezember 1989
      Die erste Sitzung des zentralen „Runden Tisches" in Ost-Berlin, an der SED, Blockparteien, Massenorganisationen und Opposition teilnehmen, spricht sich für Neuwahlen, eine neue Verfassung und die Auflösung des in „Amt für Nationale Sicherheit (AfNS)" umbenannten Ministeriums für Staatssicherheit aus. Mehr
    • 8./9. Dezember

      1989

      Beginn eines zweitägigen außerordentlichen Parteitages der SED. Ein Antrag auf Selbstauflösung der SED findet keine Mehrheit. Gregor Gysi wird neuer SED-Vorsitzender.
    • 9. Dezember

      1989

      Auf einem EG-Gipfeltreffen in Straßburg wird das Recht der Deutschen auf staatliche Einheit anerkannt – aber dennoch knistert die Luft: Nicht alle europäischen Nachbarn finden an der Perspektive eines vereinigten Deutschland Gefallen. Mehr
    • 11. Dezember

      1989

      Wiederum zahlreiche Montags-Demonstrationen in der ganzen DDR. Die Forderung nach deutscher Einheit wird im Süden lautstärker erhoben als im Norden.
    • 12. Dezember

      1989

      Als Folge der vom Staatsrat beschlossenen Amnestie werden die ersten Häftlinge freigelassen. Die Amnestie gilt nicht für Kapitalverbrechen und andere schwere Delikte.
    • 14. Dezember

      1989

      Die Modrow-Regierung beschließt angesichts der anhaltenden Proteste gegen die Staatssicherheit die Abberufung des Mielke-Nachfolgers Schwanitz aus dem Kabinett und die Auflösung des AfNS.
    • 16. Dezember

      1989

      SED-Parteitag in Dresden: Die Partei nennt sich nun SED-PDS (v. l. n. r. Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer und der neue Vorsitzende der SED-PDS Gregor Gysi); Aufnahme 17. Dezember 1989
      Beginn des zweiten Teils des außerordentlichen SED-Parteitages. Die Partei benennt sich in SED-PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) um.
    • 19. Dezember

      1989

      Treffen der Regierungschefs in Dresden: Helmut Kohl redet auf dem Altmarkt, 19. Dezember 1989.
      Bundeskanzler Helmut Kohl wird anlässlich eines Treffens mit Ministerpräsident Hans Modrow in Dresden begeistert von der Bevölkerung empfangen. Mehr
    • 19. Dezember

      1989

      In Ost-Berlin findet eine Kundgebung der SED-PDS statt. Gregor Gysi spricht sich auf dem Platz der Akademie für die Eigenständigkeit der DDR und gegen die Wiedervereinigung aus.
    • 20. Dezember

      1989

      Im Weihnachtsgeschäft entwickelt sich der Verkauf von Mauer-Stücken weltweit zum Renner.
    • 21. Dezember

      1989

      DDR-Verteidigungsminister Theodor Hoffmann hebt in seinem Befehl 101/89 für die DDR-Grenztruppen endgültig und offiziell den Schießbefehl auf. Es heißt darin: „Die Anwendung der Schusswaffe, mit Ausnahme zur Abwehr von Angriffen auf das Leben der Angehörigen der Grenztruppen oder anderer Bürger der DDR, ist zuverlässig auszuschließen."
    • 22. Dezember

      1989

      Ministerpräsident Hans Modrow und Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnen unmittelbar am Brandenburger Tor eine Grenzübergangsstelle.

    • 24. Dezember

      1989

      Gothaer begrüßen die erstmals ohne Visum einreisenden Bürger aus der Bundesrepublik, 24. Dezember 1989.
      Vorgezogener Beginn des visafreien Verkehrs für Bundesbürger und West-Berliner in die DDR und nach Ost-Berlin. Mehr
    • 31. Dezember

      1989

      Silvester 1989: Unter den Linden
      Erste gemeinsame deutsch-deutsche Sylvesterparty am Brandenburger Tor. Nach dem Bau der Mauer 1961 siedelten bis Ende 1989 insgesamt knapp 500.000 DDR-Bürger mit Genehmigung in die BRD über, 15.287 wurden von der Bundesregierung „freigekauft", 460.000 flüchteten.
    • Dezember 1989

      Im Dezember siedeln 43.221 DDR-Bürger in die Bundesrepublik über.
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