Chronik

10. August 1961

In der Zeit vom 10. August 1961, 8.00 Uhr, bis 11. August 1961, 8.00 Uhr, werden im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde 1.709 Flüchtlinge registriert.

In Ost-Berlin empfängt Walter Ulbricht den Marschall der Sowjetunion, I. S. Konew. Auf diese Weise wird bekannt, dass Konew - anstelle von Generaloberst I. I. Jakubowski - zum neuen Oberbefehlshaber der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR ernannt worden ist. Konew ist ein erfahrener General des Zweiten Weltkriegs und Miteroberer von Prag und Berlin.

Um 16.30 Uhr gibt Marschall Konew im Hauptquartier der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf bei Zossen einen Empfang für die Vertreter der alliierten Militärmissionen. Einer der West-Generäle trägt Besorgnisse wegen der Truppenbewegungen der letzten Tage vor: "Wir hören von umfangreichen Militärtransporten in Ihrem Befehlsbereich. Was, bitte, hat das zu bedeuten?" Konews Antwort: "Meine Herren, Sie können beruhigt sein. Was immer in der nächsten Zukunft geschehen mag, Ihre Rechte werden unberührt bleiben, und nichts wird sich gegen West-Berlin richten."

Walter Ulbricht hält vor den Beschäftigten des Kabelwerkes Oberspree eine Rede. Darin erklärt er, in der Bundesrepublik werde eine Revanchehetze gegen die DDR, gegen Polen, die CSSR und nicht zuletzt auch gegen die Sowjetunion in einem Ausmaß betrieben, die nur mit der von Goebbels betriebenen Kriegshetze und psychologischen Kriegsvorbereitungen Hitlers verglichen werden könne. Mit dem Abschluss eines Friedensvertrages, führt Ulbricht aus, werde die DDR "auf ihrem Territorium in vollem Maße alle Hoheitsrechte ausüben, einschließlich derjenigen Hoheitsrechte, deren Ausübung im Jahr 1955 zeitweilig der Sowjetunion überlassen wurde. Sie betreffen die Kontrolle des Personen- und Güterverkehrs, der zur Versorgung der Garnison der Westmächte in Westberlin über das Gebiet der DDR erfolgt."

Als Ulbricht einen Anlauf unternimmt, sich verächtlich über die Forderung nach freien Wahlen zu äußern, fällt ihm überraschend ein Arbeiter mit einem Zuruf ins Wort: "Und wenn ich auch der Einzige bin: Frei wählen!" Ulbricht: "Moment, warten Sie! Die Sache wollen wir doch mal klären." Zuruf des Arbeiters: "Dann werden wir sehen, was der richtige Weg ist!" Ulbricht: "Was wollen Sie denn frei wählen? Die Frage stellt die Arbeiterklasse, und die Frage stellt das Volk! (...) Die deutsche Arbeiterklasse hat in Jahrzehnten unerhörte Blutopfer gebracht! Die Arbeiterklasse hat diese Blutopfer nicht gebracht, damit der deutsche Militarismus noch einmal hochkommt! (Stürmischer, langanhaltender Applaus)."

Der Arbeiter, der nach diesem Zwischenfall verhört und von der Staatssicherheit beschattet wird, heißt Kurt Wismach und flüchtet am 13. August nach West-Berlin.

Am Abend tagt der Ältestenrat der Volkskammer. Der für den nächsten Tag vorgesehene Beschluss der Volkskammer soll beraten werden. Er liegt nicht schriftlich vor, sondern wird vom ZK-Abteilungsleiter für Internationale Beziehungen, Peter Florin, mündlich vorgetragen. "Als einzelne Mitglieder des Ältestenrats einige kleine Textverbesserungen vorschlugen", berichtet Helmut Müller als einer der Teilnehmer dieser Sitzung, "reagierte der sonst so konziliante Friedrich Ebert barsch und bestand auf Bestätigung des Vorgetragenen". So geschah es dann.

Auf einer Pressekonferenz in Washington drückt der amerikanische Präsident John F. Kennedy seine Besorgnis über den anschwellenden Flüchtlingsstrom aus der DDR aus, beharrt aber nicht auf dem Recht auf Freizügigkeit innerhalb ganz Berlins. Einer Stellungnahme zu den Äußerungen von Senator Fulbright am 30. Juli 1961 weicht Kennedy aus. Er gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Vereinigten Staaten in der Lage sein würden, eine friedliche Lösung für das Berlin-Problem zu erreichen.