Chronik

11. November 1989 (Samstag)

Begrüßung am Grenzübergang Helmstedt, Marienborn

8.00 Uhr
In der Eberswalder Straße im Norden Berlins wird ein neuer Grenzübergang eröffnet, später am Tag kommt ein neuer Übergang in der Schlesischen Straße/Puschkinallee zwischen den Berliner Bezirken Treptow und Kreuzberg hinzu.

An diesem Samstag strömen weit über eine Million Ost-Berliner und Bewohner des Umlandes nach West-Berlin. Der Autoverkehr bricht zusammen und im Zentrum, auf dem Kurfürstendamm und auf dem Tauentzien, stockt selbst der Fußgängerverkehr. Vor den Banken und Sparkassen, die 100,- DM Begrüßungsgeld auszahlen, bilden sich lange Schlangen. In den Geschäften, die DDR-Mark annehmen, beträgt der Umtauschkurs zumeist 10 zu 1; das durchschnittliche Monatseinkommen eines DDR-Bürgers schrumpft im Westen auf weniger als 100,- DM zusammen.

Öffnung des neuen Grenzübergangs Schlesische Straße/Puschkinallee in Berlin, 11. November 1989

In kilometerlangen Schlangen rollen die Trabis über die innerdeutschen Grenzübergänge gen Westen, die Interzonen-Züge sind bis zu 400 Prozent ausgelastet. Kaum jemand bekommt mit, dass die Situation am Brandenburger Tor am frühen Morgen zu eskalieren droht. Nach stundenlangem Hämmern und Meißeln steht der Versuch, das südlich an die Panzermauer angrenzende Mauersegment herauszulösen und eine erste Bresche in die Mauer zu reißen, vor einem durchschlagenden Erfolg.

Der Brief eines Offiziershochschülers an seine Angehörigen veranschaulicht das Wechselbad der Gefühle, das die jungen, auf den "Schutz der Staatsgrenze der DDR" vereidigten Soldaten vom 9. bis 11. November am Brandenburger Tor durchleben.

Kinder klopfen Steinbrocken aus der Mauer an der Bernauer Straße, 11. November 1989

9.00 Uhr
In Bonn kommt die Bundesregierung zu einer Sondersitzung zusammen; zwischen durch telefoniert Bundeskanzler Kohl mit dem französischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand. – In Ost-Berlin beginnt zur gleichen Zeit eine Parteiaktivversammlung des MfS, in Strausberg bei Berlin, dem Sitz des DDR-Verteidigungsministeriums, versammelt sich das Parteiaktiv der Armee. Informationen über die Abrissaktion am Brandenburger Tor werden Verteidigungsminister Keßler in die Sitzung hinein gereicht; ihr Tenor ist: ein Sturm auf das Tor stehe bevor.

DDR-Grenzer am Morgen des 11. November 1989 auf der Mauerkrone am Brandenburger Tor

10.00 Uhr
Verteidigungsminister Keßler ruft den Chef der Landstreitkräfte, Generaloberst Horst Stechbarth, an. Ob er bereit sei, mit zwei Regimentern nach Berlin zu marschieren, um die Mauer am Brandenburger Tor zu räumen, hört Stechbarth seinen Minister fragen. Unter Hinweis darauf, dass die Folgen einer Truppenbewegung nach Berlin in der gegebenen Situation unabsehbar seien, habe er den Minister mit dem Einwand, ob es wirklich keine anderen Mittel gebe, gebeten, die Sache noch einmal zu überdenken.

Grenzsoldaten der DDR haben die Panzermauer besetzt, um das Besteigen zu verhindern, 11. November 1989

10.13 – 10.22
Bundeskanzler Helmut Kohl telefoniert mit SED-Generalsekretär Egon Krenz. Krenz ist der Ansicht, dass durch die "Vorleistungen", die die DDR erbracht habe, eine "gute Atmosphäre" für die Klärung von Problemen im ökonomischen Bereich und auch im Reiseverkehr entstanden sei. "Denn diese Dinge", so gesteht er ein, "können wir allein nicht lösen." Der Bundeskanzler begrüßt die Öffnung der Grenze, reagiert auf die Wünsche seines Gesprächspartners jedoch zurückhaltend.

Grenzsoldaten der DDR haben die Panzermauer besetzt, um das Besteigen zu verhindern, 11. November 1989

12.00
Bundeskanzler Helmut Kohl versichert KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow in einem Telefonat, dass er keine Destabilisierung der DDR wünscht. "Keine Drohung, keine Warnung, nur die Bitte, Umsicht walten zu lassen", hält Kanzlerberater Horst Teltschik in seinem Tagebuch als Reaktion Gorbatschows fest. "Nun bin ich endgültig sicher, dass es kein gewaltsames Zurück mehr geben wird." Das Vertrauensverhältnis, das Bundeskanzler Kohl in den zurückliegenden Monaten vor allem zu Michail Gorbatschow und George Bush aufgebaut hat, zahlt sich aus.

Auf der Mauerkrone am Potsdamer Platz, 11. November 1989

Zwischen 12.00 und 13.00 Uhr
In der Zwischenzeit hat sich die Lage am Brandenburger Tor entspannt: Grenzsoldaten haben mit friedlichen Mitteln die Mauer geräumt und sie anschließend selbst besetzt; West-Berliner Polizisten riegeln mit Mannschaftswagen die Zugänge zum Mauerareal ab. Die "erhöhte Gefechtsbereitschaft" für die NVA-Einheiten wird aufgehoben. Die Gefahr eines militärischen Eingreifens ist vorüber.

14.00

Erste Mauerspechte am Werk, 11. November 1989

Am Checkpoint Charlie treffen der West-Berliner Polizeipräsident Georg Schertz und der stellvertretende Kommandeur des Grenzkommandos Mitte zusammen. Günter Leo dankt Schertz für den "besonnenen, aber beherzten und konsequenten Einsatz" der West-Berliner Polizei am Morgen, der "zur Entspannung der dort zugespitzten Situation" geführt habe. Man verabredet, einen direkten Kontakt herzustellen – seit Jahrzehnten war er unterbrochen.

14.30
Nach der Entwarnung in der Nationalen Volksarmee kehrt auch das Ministerium für Staatssicherheit zu seinem vor dem 9. November geltenden Dienstregime zurück. Um 14.30 Uhr hebt der stellvertretende Stasi-Minister Rudolf Mittig die am Vortag von Erich Mielke befohlene ständige Anwesenheitspflicht und Einsatzbereitschaft aller MfS-Mitarbeiter auf.

DDR-Grenzsoldaten und Westberliner Polizei verteidigen gemeinsam die Mauer gegen

Nachmittags
Am Nachmittag droht West-Berlin aus allen Nähten zu platzen. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper fühlt sich von Bonn bei der Bewältigung der Besucherströme allein gelassen und kritisiert auf einer Pressekonferenz die Bundesregierung. Der Kanzler habe nicht verstanden, was sich in der DDR abspiele. Er habe nicht begriffen, dass die Menschen in der DDR die Wiedervereinigung nicht interessiere. Die neu gewonnene Identität des DDR-Volkes möge Kohl zwar nicht passen, sie sei aber Realität. Momper kritisiert auch, dass sich der Bundeskanzler vorläufig nicht mit Krenz treffen will. So würden 30 Tage ins Land gehen, ohne dass praktische Schritte unternommen würden.