Chronik

12. November 1989 (Sonntag)

Kurz vor der Eröffnung: Grenzsoldaten halten West-Berliner am Grenzübergang Potsdamer Platz zurück, 12. November 1989

Am Morgen wird unweit des Brandenburger Tores auf dem Potsdamer Platz, der einst die Verkehrspulsader von Berlin war, ein weiterer Grenzübergang eröffnet. Der Druck auf die Mauer am Brandenburger Tor nimmt dadurch weiter ab. Eine Million DDR-Bürger besucht an diesem Tag West-Berlin. Wie am Vortag ist an Kontrollen kaum zu denken; den Passkontrolleuren bleibt während der meisten Zeit nichts anderes übrig, als sämtliche Abfertigungshandlungen einzustellen und die Tore und Schranken der Übergänge weit zu öffnen.- Die Polizeidienststellen beider Stadthälften sind erstmals seit Jahrzehnten wieder über eine Sonderleitung direkt miteinander verbunden.

Ost- und West-Berliner am neuen Grenzübergang Potsdamer Platz, 12. November 1989

Der Stab der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR wendet sich am Morgen telefonisch über die bei seinem Oberkommandierenden akkreditierten Militärverbindungsmissionen mit dem Aufruf an die Oberkommandos der amerikanischen, britischen und französischen Streitkräfte in Deutschland, "sich aus den Ereignissen herauszuhalten." Die Verantwortlichen der westlichen Streitkräfte in Berlin versichern den Sowjets noch am gleichen Tag ihre Zurückhaltung.

Mauerspechte in Berlin, 12. November 1989

DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler gibt im DDR-Fernsehen die Aufhebung des Schießbefehls bekannt. Der konkrete Einsatzbefehl an die Grenztruppen laute: "Erstens, alles zu tun und mitzuhelfen, dass der nunmehr eingeleitete Reiseverkehr ordentlich und reibungslos verläuft; Zweitens, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, damit die allgemein anerkannte fixierte Staatsgrenze von niemandem verletzt wird und dass die für diesen Zweck eingerichteten Grenzanlagen von niemandem zerstört werden dürfen. Und das alles ohne Gebrauch oder Einsatz von Schusswaffen." Zugleich werden alle Sperrgebiete an der Mauer bzw. innerdeutschen Grenze aufgehoben. Damit besteht nunmehr freier Zugang zu allen Ortschaften in den Grenzgebieten.

Erklärung des Neuen Forum zum Mauerfall, 12. November 1989

Das Neue Forum ruft dazu auf, die durch die Grenzöffnung zu befürchtenden negativen wirtschaftlichen Folgen nicht hinzunehmen und appelliert an die Bürgerinnen und Bürger: "Lasst Euch nicht von den Forderungen nach einem politischen Neuaufbau der Gesellschaft ablenken! (...) Wir werden für längere Zeit arm bleiben, aber wir wollen keine Gesellschaft haben, in der Schieber und Ellenbogentypen den Rahm abschöpfen. Ihr seid die Helden einer politischen Revolution, lasst euch jetzt nicht ruhig stellen durch Reisen und Schulden erhöhende Konsumspritzen!"