Chronik
14. August 1961
Rund 15.000 bewaffnete Kräfte der Volkspolizei, Grenzpolizei und Kampftruppen sind am Morgen an der Sektorengrenze im Einsatz, gut 7.000 Soldaten der Nationalen Volksarmee halten sich als zweite Staffel und größere Truppeneinheiten der sowjetischen Armee als dritte Staffel im Hintergrund bereit. Wie werden die Menschen am ersten Werktag danach, wie vor allem die Arbeiter in den Betrieben reagieren? Wird es zu einem Aufstand kommen, wird sich der 17. Juni 1953 wiederholen?
Befürchtungen dieser Art zerstreuen sich schnell: Im Präsidium der Volkspolizei laufen bald Meldungen über die ordnungsgemäße Arbeitsaufnahme in den Betrieben und auf den Großbaustellen ein, es gibt keine "Zusammenrottungen", auch "auffallendes Nichterscheinen", wie es heißt, ist nicht zu verzeichnen. Die Staatssicherheit berichtet: "Negative Diskussionen weisen keinen übermäßigen Umfang auf." Aus Schadenfreude wird teilweise Zustimmung geäußert, weil nun das Grenzgängertum beseitigt ist. Ansonsten herrschen Wut, Ohnmacht und Resignation. Wo sich in Betrieben oder im Laufe des Tages an der Sektorengrenze Widerstand regt, wird er von der Partei und den "bewaffneten Organen" im Keime erstickt. Von August bis Dezember 1961 rollt in der DDR die größte Verhaftungswelle seit dem 17. Juni 1953.
Am Vormittag tritt in Ost-Berlin das SED-Politbüro zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen und beschließt die nächsten Schritte der Abriegelungsaktion. Aufgrund der "Hetzdemonstrationen sowie der dauernden Provokationen" am Brandenburger Tor soll der dortige Grenzübergang für West-Berliner "vorübergehend", wie es heißt, geschlossen werden. Um 14.00 Uhr erteilt der Präsident der Ost-Berliner Volkspolizei den entsprechenden Befehl.
Der Minister des Innern wird darüber hinaus angewiesen, die bis dahin provisorisch mit Stacheldraht angelegten Sperren an den früheren Grenzübergängen nach West-Berlin nunmehr "fest" auszubauen - der Beschluss zur Errichtung der ersten Teilstücke einer Mauer ist damit gefaßt.
Und hatte es im "Ministerrats-Beschluss" vom 12. August 1961 noch geheißen, dass die Grenze nach West-Berlin von Bürgern der DDR nur noch "mit besonderer Genehmigung" passiert werden dürfe - und damit Hoffnungen auf die Erteilung solcher Visa genährt, so wird jetzt ein unbefristeter Arrest über die DDR-Bevölkerung verhängt: "Von der Ausstellung von Bescheinigungen für Bürger der DDR (demokratisches Berlin) für den Besuch von West-Berlin ist bis auf Weiteres abzusehen", beschließt die SED-Spitze.
Aus Protest gegen die östlichen Sperrmaßnahmen findet in West-Berlin auf Initiative des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) von 14.00 bis 14.15 Uhr eine allgemeine Arbeits- und Verkehrsruhe statt.
In Ost-Berlin und der DDR bleibt es in den Betrieben verhältnismäßig ruhig. Einer Aufstellung des FDGB zufolge finden im 3. Quartal 1961 insgesamt 36 Arbeitsniederlegungen statt.
In Bonn empfängt um 10.00 Uhr Außenminister Heinrich von Brentano die Botschafter der drei Westmächte. Sie warten auf Entscheidungen ihrer Regierungszentralen. Der Außenminister erhält im Laufe des Tages ein Telegramm von Willy Brandt mit der Aufforderung, die Bundesregierung möge initiativ werden. Der Senat von Berlin erwarte und hoffe, "dass die Bundesregierung mit ihm der Ansicht ist, dass die Westmächte auf die Rückgängigmachung dieser für Berlin unannehmbaren Regelung bestehen und auch vor fühlbaren Maßnahmen gegenüber den Initiatoren dieser Willkürmaßnahmen nicht zurückschrecken werden." Auf einer ordentlichen Senatssitzung am Morgen hat der Regierende Bürgermeister erkennen müssen, wie beschränkt die Möglichkeiten sind, die dem Senat selbst zur Verfügung stehen.
In einer Besprechung mit den westlichen Stadtkommandanten verleiht Bürgermeister Franz Amrehn seiner Enttäuschung Ausdruck, dass noch nichts an westlichen Gegenmaßnahmen erkennbar sei. Amrehn: "Ich frage mich, ob ein rechtzeitiger höherer Einsatz in Berlin nicht manches verhindert hätte. Vielleicht war gestern bereits der richtige Zeitpunkt für einen persönlichen Besuch der Kommandanten. Heute müsste schon mehr erfolgen." General Watson, der amerikanische Stadtkommandant, gibt ihm lediglich zur Antwort: "Our governments are handling the case and we expect decisions."
Am Abend eröffnet Bundeskanzler Konrad Adenauer die heiße Phase des Bundestags-Wahlkampfs in Regensburg mit heftigen persönlichen Angriffen auf Willy Brandt, den er unter Anspielung auf dessen Namenswechsel diskriminierend als ‚Herr Brandt alias Frahm' tituliert. Brandt hatte seinerseits in seiner Wahlkampfrede am 12. August in Nürnberg Adenauer vorgeworfen, die CDU-Bundesregierung "erschöpfe sich in Selbstgefälligkeit und Eigensucht und nehme ihre Zuflucht in Denkfaulheit und Dummheit."
In Washington beschäftigen sich Präsident Kennedy und seine Mitarbeiter mit den Berliner Ereignissen, auch das Außen- und das Verteidigungsministerium. Nüchtern stellt Kennedys Nationaler Sicherheitsberater McGeorge Bundy fest, dass diese "Grenzschließungs-Episode" früher oder später kommen musste. Er rät Kennedy, jetzt erst recht und möglichst schnell - innerhalb einer Woche oder von zehn Tagen - eine klare Initiative für Verhandlungen mit der Sowjetunion zu ergreifen. Für McGeorge Bundy's Mitarbeiter Walt Rostow erfordert die Grenzsperrung zwar einen Protest, rechtfertigt aber weder militärische Vergeltung noch den Abbruch der Handelsbeziehungen. Die Gedanken des amerikanischen Präsidenten selbst kreisen um die Frage, wie die Abriegelung propagandamäßig am besten gegen den Osten auszunutzen sei. Er entscheidet, keine Gegenmaßnahmen zu ergreifen, weil er keine Alternative sieht - außer Krieg.
In Paris hat der alliierte Oberbefehlshaber, General Lauris Norstad, eine Sondersitzung des NATO-Rates anberaumt. Gebhard von Walter, damals ständiger Vertreter der Bundesrepublik bei der NATO, erinnert sich: "Es kam zu keinem Entschluss. Die Mitglieder des NATO-Rates reagierten relativ zurückhaltend und eigentlich nicht sehr vertrauenserweckend. Norstad behielt sich aber vor, Präsident Kennedy Vorschläge zu machen. Wir sind dann am Mittwoch wieder zusammengekommen, und Norstad teilte kurz mit, Präsident Kennedy habe ihm die Weisung gegeben, sich jeder Aktivität zu enthalten. Es war ganz zweifellos - das war aus Norstads Worten zu erkennen, für ihn eine große Enttäuschung. Er hatte vorgeschlagen, dass er im Falle des Mauerbaus mit gepanzerten Fahrzeugen an die Mauer heranfahren, aber auf westlichem Gebiet bleiben würde, um mit Hilfe von Morgensternen, die über die Mauer geworfen würden, die Mauer einzureißen."
In einem Fernsehinterview erklärt der französische Außenminister Couve de Murville: "Was die ostdeutschen Behörden, das heißt in Wirklichkeit die Sowjetunion, hinsichtlich der Verbindungen zwischen Ost- und West-Berlin beschlossen haben, ist bestimmt sehr ernst."
Nachdem das britische Außenministerium in London am Sonntag jeden Kommentar abgelehnt hatte und auch nicht bestätigen wollte, dass das ostdeutsche Vorgehen einen schweren Verstoß gegen die bestehenden alliierten Abkommen darstelle, bezeichnet heute ein Sprecher des britischen Außenministeriums die Behinderungen des Verkehrs zwischen West- und Ost-Berlin als illegal. Sie stünden im Gegensatz zum Vier-Mächte-Status der Stadt. Besonderes Gewicht legt der Sprecher auf die Feststellung, dass der starke Flüchtlingsstrom, der der Schließung der Übergänge in Berlin vorausging, allein auf das Versagen des kommunistischen Systems zurückzuführen sei und nicht auf irgendwelche westliche Propaganda. Außenminister Lord Home und Premierminister Harold Macmillan, die beide in Urlaub sind, haben nach Angaben des Sprechers nicht die Absicht, nach London zurückzukehren. Sie stünden in ständiger telefonischer Verbindung mit der Zentrale in London.
In einem offenen Brief fordert der Schriftsteller Günter Grass die Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes, Anna Seghers, auf, ihre Stimme zu erheben und "gegen die Panzer, gegen den gleichen, immer wieder in Deutschland hergestellten Stacheldraht anzureden, der einst den Konzentrationslagern Stacheldrahtsicherheit gab."
Pressestimmen-West:
Die Welt: "Es war früh am Sonntagmorgen. Ein westdeutscher Rundfunksender brachte die ersten Meldungen über die neuen Sperrmaßnahmen des Ulbricht-Regimes im Herzen von Berlin; brachte Kunde darüber, dass der einzige verbleibende Fluchtweg aus dem 'deutschen Arbeiter- und Bauernstaat', den Zehntausende in den letzten Wochen benutzt hatten, mit Waffengewalt gesperrt worden war. Wir saßen noch erstarrt und erschüttert vor unserem Lautsprecher, als der Ansager fortfuhr: 'Und nun bringen wir unsere beliebte Sendung: ‚Beschwingte Weisen am Wochenende'. Es folgten moderne und ältere Schlager, Foxtrott, Charleston und Cha-Cha-Cha. (...) Einen Tag, nur einen winzigen Tag lang, hätten wir uns angesichts der deutschen Tragödie, die sich jetzt in Berlin abspielt, die Abkehr von der leichten Musik gewünscht."
Im "Westdeutschen Tageblatt" kommentiert Stefan Sturm: "Berlin glich gestern Abend einem Pulverfass. Schon ereigneten sich Zwischenfälle, die sich unter Umständen zu blutigen Zusammenstößen ausweiten können. In dieser Situation ist kühle Besonnenheit notwendig. (...) Die Krise zeigt erneut, wie notwendig es ist, dass endlich ein Gespräch zwischen Ost und West eingeleitet wird, um zu verbindlichen Absprachen zwischen den Großmächten zu kommen. Ein Funke kann das Pulverfaß Berlin hochgehen lassen. Unter allen Umständen müssten alle Beteiligten dieser Gefahr vorbeugen. Die Entwicklung könnte im Atom-Chaos enden. Jedes Mittel sollte recht sein, um einen 'heißen Krieg' zu vermeiden."
Die "Rheinische Post" berichtet, dass am gestrigen Sonntag die "Atmosphäre voller Hochspannung" gewesen sei; jeden Augenblick "war eine gewaltsame Entladung zu befürchten". Dann heißt es weiter: "Es liegen schwere Wochen vor uns, schwere und gefährliche Wochen. Nicht in dem Sinne, dass die Kriegsgefahr mit dem Anschlage Ulbrichts unvermeidlich geworden wäre. Es gibt auch eine andere Gefahr, die Gefahr der Kapitulation auf Raten, der ‚lautlose Verlust der Freiheit', wie es Kennedy kürzlich genannt hat. Soviel ist sicher: Wenn das kommunistische Lager den Eindruck gewinnt, dass der Bruch von internationalen Vereinbarungen und Abmachungen in Berlin ohne ernsthaften Widerstand hingenommen wird, dann wird er morgen die Schraube der Erpressungen und Drohungen noch schärfer anziehen."
In der "Stuttgarter Zeitung" kommentiert Robert Haerdter: "Sie haben mit der Abriegelung Ost-Berlins etwas getan, woran sie niemand hindern konnte, weil sie auf ihrem Territorium, das ihrer polizeilichen Macht ausgeliefert ist, nach Willkür schalten und walten können. Welche Waffe wollte sich erheben, diesen Akt zu widerrufen, welcher Soldat wäre bereit, für das Menschenrecht der Flucht unserer Landsleute drüben zu sterben? Das Recht der Freizügigkeit (...) ist mit den Jahren ein so hauchdünnes Papier geworden, dass es von der großen Politik nicht mehr eingeklagt werden kann. Aber die Abriegelung der westlichen Sektoren der Stadt vom östlichen ist eklatanter Rechtsbruch, denn sie verstößt gegen die Vereinbarungen, die zwischen den Vier Mächten getroffen worden sind und die einseitig nicht einmal von der Sowjetunion selbst gekündigt werden können, geschweige denn von Leuten, die in dieser Sache überhaupt keine Rechte haben."
"Hannoversche Presse": "Nun, so bedrohlich die Zeichen im Augenblick sein mögen und so ernst die Tage und Stunden, die wir gerade durchleben, das Schlimmste, eben ein neuer Krieg ist wohl eine unbegründete Sorge. (...) Die alles beherrschende Frage ist die nach der Antwort des Westens. (...) Es ist unmöglich, dass der Westen diese ungeheure Brüskierung, die auch ein Test auf die Ernsthaftigkeit seines Widerstandswillens gegen jede Gewalt darstellt, hinnimmt. In diesem Fall ist äußerste Härte in der Sache unerlässlich. Die Spannung, mit der man diese Antwort erwartet, ist fast unerträglich."
Presse der DDR:
Der Kommentator im "Neuen Deutschland" begrüßt "Klare Verhältnisse": "Seit dem Anbruch des Sonntags herrschen Ordnung und klare Verhältnisse an den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik, besonders an der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin. (...) Geschützt werden jetzt die Kinder vor den Kindesräubern; geschützt werden die Familien vor den erpresserischen Spitzeln der Menschenhandelszentralen; geschützt werden die Betriebe vor den Kopfjägern; geschützt sind die Menschen vor den Unmenschen, die Ordnung vor den Ordnungsbrechern, die Arbeitsamen vor den Arbeitsscheuen und Spekulanten, Ruhe und Sicherheit unserer Bürger vor den kalten Kriegern."
Die "Tribüne" kommentiert unter der Schlagzeile "Paroli den Säbelrasslern": "Das ist ein Schlag, der gesessen hat. Direkt auf die Schnauze des tollgewordenen militaristischen Untiers schmetterte die Faust der Arbeiter- und Bauernmacht. Das Gejaule aus Verblüffung und Schmerz, das seit gestern früh durch die Bonner und Schöneberger Amtsstuben, durch die Adenauer-Redaktionen und den Westzonen-Äther hallt, ist Musik für Arbeiterohren. Tiefe Genugtuung erfüllt uns Gewerkschafter der DDR über den Beschluss unserer Regierung, durch den das Westberliner Rattenloch des Kalten Krieges verriegelt wird."
Weitere Schlagzeilen: "Das Volk" (Erfurt): "Das Rattennest ist zugestopft – Alle Schichten der Bevölkerung stimmen einmütig den Maßnahmen der Regierung zu" – "Freies Wort" (Suhl): "Die Bäume der Militaristen werden nicht in den Himmel wachsen – Zustimmung in allen Schichten der Bevölkerung des Kreises Suhl zu den Maßnahmen unserer Regierung" – "Volksstimme" (Karl-Marx-Stadt): "Schläge gegen die Todfeinde unseres Volkes" – "Sächsische Zeitung" (Dresden): "Ein Sieg des Friedens."


