Chronik
16. Juni 1961
Ost-Berlin: "Ulbricht verlangt volle Lufthoheit - DDR will Berlin-Frage und Flüchtlingsproblem gleichzeitig lösen", überschreibt Annamarie Doherr ihren Bericht über Ulbrichts Pressekonferenz in der "Frankfurter Rundschau".
Das "Niemand-hat-die-Absicht"-Zitat, das Doherr Ulbricht entlockt hat, wird erst nach dem Mauerbau berühmt werden: In ihrem Bericht spielt es fast keine Rolle. In den Vordergrund ihres Kommentars rückt Annamarie Doherr die Härte, die Ulbricht an den Tag gelegt habe: "Die neue Platte, die Ulbricht aufgelegt hat, enthält zunächst nur eine einzige Melodie. Der SED-Chef will verhandeln, mit den Westmächten, mit der Bundesregierung, mit dem Berliner Senat. Er versicherte bereitwillig, dass er nicht die Absicht habe, unfriedliche Mittel anzuwenden, aber er lässt auch keinen Zweifel, dass er eine Kraftprobe nicht scheuen werde. Ulbricht sparte nicht mit Versprechungen und Lockungen.
Er wies auf den reibungslosen Ablauf von 95 Prozent des Berlin-Verkehrs hin, die bereits von den DDR-Behörden kontrolliert würden; er bot Verkehrsgarantien an, ja selbst die Einschaltung der Vereinten Nationen. Aber er nannte eine Bedingung, die jede Verhandlungsbereitschaft auf westlicher Seite von vornherein ersticken muss, weil sie an die Grundsätze der westlichen Freiheitsordnung rührt: West-Berlin, das Tor für die Flüchtlinge aus der DDR, soll endgültig zugeschlagen werden. Eine Illusion ist jedenfalls nicht mehr möglich: Es wird hart auf hart gehen." (Frankfurter Rundschau)
Westliche Politiker reagieren an diesem und den folgenden Tagen auf die Ansprache des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow vom 15. Juni 1961: Der britische Außenminister Lord Home sagt in Chicago, die Berlin-Krise sei nichts anderes als eine Folge davon, dass der Kommunismus in der Sowjetzone im fairen Wettbewerb mit der freien Gesellschaft versagt habe. Der französische Außenminister Couve de Murville warnt in Genf den sowjetischen Außenminister Gromyko vor den ernsten Folgen, die jeder Versuch der Ulbricht-Regierung haben müsste, die westlichen Zugänge nach Berlin zu sperren.
Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Heinrich Krone, hält sich zu politischen Gesprächen mit der französischen Regierung in Paris auf. In seinem Tagebuch berichtet er über sein Gespräch mit dem französischen Staatspräsidenten: "Das Gespräch mit de Gaulle dauerte eine dreiviertel Stunde. Es begann pünktlich und wurde konzentriert geführt. Fragen, Antworten; zunächst von der Seite de Gaulles; ich hatte das vorgeschlagen. Ich wisse, so hatte de Gaulle gesagt, wie er zu Berlin stünde und dass er zum Letzten entschlossen sei; von mir wollte er wissen, wie stark Berlin sei, ob die Bevölkerung dort aushalte und ob die deutsche Bevölkerung den Weg der Härte und Festigkeit mitgehe. Die Fragen spitzten sich auf eine Antwort von mir zu, die wiederum eine Frage war: die, ob der General mich fragen wolle nach einem zweiten 17. Juni. Er verstand mich, dass damit gerechnet werden müsse, wenn die Türe zum Westen ganz und endgültig zuginge.
De Gaulle will nicht, dass England sich in Europa hineinintegriert. England sei eine Insel vor Europa, und daraus ergäben sich Konsequenzen. Ich hatte auch Couve de Murville die Frage nach England gestellt und fast wortwörtlich die gleiche Antwort erhalten. Der General denkt an ein Europa, in dem Frankreich führt und dabei mit uns in enger Sozietät steht. So weit ging unser Gespräch jedoch nicht; ich sprach von der NATO, unserer klaren Einstellung zu ihr; das schlösse einen Bund zwischen Frankreich und Deutschland im NATO-Bündnis nicht aus.
Das Gespräch schloss mit dem Satz, ich möchte beste Grüße an meinen Freund Konrad Adenauer ausrichten." (Krone 1995, S. 508)


