Chronik

17. August 1961

Eine Maurerkolonne erhöht die Mauer auf der Sandkrugbrücke (Grenzübergang Invalidenstraße) um zwei Lagen Hohlblocksteine; sie ist jetzt etwa 1,70 Meter hoch. Am Brandenburger Tor und Umgebung werden zusätzliche Sperren aus Betonklötzen und Stacheldraht installiert. Häuser in der Harzer Straße (Treptow), deren Ausgänge nach West-Berlin gehen, werden zugemauert bzw. zugenagelt.

Wieder fliehen mehrere Volkspolizisten nach West-Berlin. Im RIAS berichten sie über ihre Alarmierung in der Nacht zum 13. August, ihre Eindrücke und Gefühle während ihres Dienstes an der Grenze in den zurückliegenden Tagen.

Der britische Botschafter in der Bundesrepublik, Christopher Steel, erklärt in Berlin: "Was immer in Ost-Berlin geschieht, wir stehen zu West-Berlin." Britische Truppen rammen Eisenpfähle um das in ihrem Sektor gelegene sowjetische Ehrenmal in der Straße des 17. Juni und umzäunen es anschließend mit Stacheldraht. In einer offiziellen britischen Mitteilung heißt es, das Ehrenmal solle vor "irgendwelchen Demonstranten" geschützt werden. Später fügt der britische Botschafter hinzu, der Stacheldrahtverhau solle auch den sowjetischen Posten vor dem Ehrenmal ihre Isolierung zeigen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland bittet in gleichlautenden Telegrammen Walter Ulbricht und den Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert, "sofort durch großzügige Gewährung von Passierscheinen, Reisebescheinigungen und Aufenthaltsgenehmigungen den elementaren menschlichen Bedürfnissen und Rechten der Angehörigen ein und desselben Volkes zu entsprechen, und überhaupt die Abschnürung der einen Hälfte Deutschlands von der anderen zu beseitigen. Wir meinen, mit der Erfüllung dieser unserer Bitte wird dazu geholfen, dass die Menschen in Frieden miteinander leben."

Der Schriftsteller Stephan Hermlin verteidigt in seiner Antwort auf den offenen Brief von Günter Grass und Wolfdietrich Schnurre Stacheldraht und Panzer: "Das Unrecht vom 13. August? Von welchem Unrecht sprechen Sie?" Zwar habe er kein Danktelegramm an die SED-Führung geschickt, so Hermlin, gebe aber "den Maßnahmen der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik meine uneingeschränkte ernste Zustimmung."

Der Arbeiter, der es am 10. August 1961 gewagt hatte, Walter Ulbrichts Rede in den Kabelwerken Oberspree zu unterbrechen und freie Wahlen zu fordern, spricht im RIAS über seine Erlebnisse während der Versammlung und die Folgen, die seine Zwischenrufe für ihn hatten. Es handelt sich um den 33-jährigen Walzer Kurt Wismach, der bereits in der Nacht vom 13. auf den 14. August 1961 nach West-Berlin geflohen ist.

Die drei Westmächte überreichen in Moskau Protestnoten gegen die Absperrmaßnahmen in Berlin. Sie bezeichnen die Beschränkung der Bewegungsfreiheit in Berlin als "flagrante und besonders ernste Verletzung des Vier-Mächte-Status" der Stadt und betrachten die Absperrmaßnahmen als "illegal". Sie seien geeignet, zur Vermehrung der bestehenden Spannungen und Gefahren beizutragen. Abschließend heißt es, die drei Regierungen erwarteten, dass die sowjetische Regierung "diesen illegalen Maßnahmen ein Ende" setze. - Aufmerksame Beobachter stellen fest, dass eine direkte Forderung auf Rücknahme der Maßnahmen nicht gestellt wird.

Paris: Nach einer Sitzung des französischen Verteidigungsrates unter Vorsitz von Staatspräsident Charles de Gaulle wird bekanntgegeben, dass Beschlüsse über eine Verstärkung der Land- und Luftstreitkräfte sowohl in Deutschland als auch auf dem eigenen Territorium gefasst worden seien.

Pressestimmen-West:

Die "Neue Zürcher Zeitung" berichtet unter der Schlagzeile "Enttäuschung bei der Berliner Bevölkerung" über die Stimmung in West- und Ost-Berlin: "In Westberlin, vor allem in den Industriebetrieben der Bezirke Neukölln, Wedding und Reinickendorf, nimmt infolge des Ausbleibens von Gegenmaßnahmen der Westmächte und der Bundesrepublik gegen die Annexion Ostberlins die Erbitterung zu. Vor einzelnen Eingängen der Stadtbahn in Westberlin stehen heute Abend viele Gewerkschafter, welche die Passanten auffordern, auf die Benutzung des unter kommunistischer Regie stehenden Transportmittels zu verzichten, um nicht den Kommunisten Westgeld für den Kauf von Stacheldraht zu geben. (...) In der Bevölkerung Ostberlins herrscht eine Stimmung der Resignation und des Hasses. (...) Wenn man am Abend über den Kurfürstendamm in Westberlin geht, kommt einem die Straße, die vor dem 13. August zum großen Teil von Ostberlinern bevölkert war, leer vor. Die Westberliner realisieren erst jetzt vollständig, was am 13. August geschah: die vollständige Spaltung der Stadt und ihre Abtrennung von der Umwelt."

Die "Frankfurter Rundschau" kommentiert: "Das Gerede von 'westlichen Gegenmaßnahmen' gegen die Schließung der Sektorengrenze ist mittlerweile verstummt, nachdem die Westmächte deutlich abgewinkt haben. Die Enttäuschung darüber ist in Bonn groß, größer aber noch ist der Schock, dass die Westmächte ihrem treuen Verbündeten Konrad Adenauer so rücksichtslos die kalte Schulter zeigen. Jetzt fragt man sich nur noch, wie viele deutsche Interessen die Westmächte bereit sind zu opfern, um einen Weltkrieg zu vermeiden."

In einem Kommentar von Annamarie Doherr heißt es ebenfalls in der "Frankfurter Rundschau": "Die Berliner, die bisher glaubten, besonders enge Partner des Westens zu sein, müssen jetzt sehen, dass auch sie zum bloßen Objekt der Politik der Westmächte geworden sind. Das ist bitter, auch wenn das Ziel der Westmächte, den Frieden zu bewahren, gewiß von allen geteilt wird. Aber die Berliner sind unversehens und mit einer Härte, die noch vor einigen Tagen unvorstellbar war, mit einer Realität konfrontiert worden, die ihnen aus vielen Gründen, darunter auch einer gewissen Farbenblindheit, bisher nicht vertraut war: dass die vertragliche Fixierung der deutschen Spaltung der Preis ist, den Chruschtschow für die Erhaltung des Weltfriedens fordert und den die Westmächte in der einen oder anderen noch auszuhandelnden Form offenbar bereit sind zu zahlen."

In der "Süddeutschen Zeitung" heißt es: "Manchem, der sich mit den Berichten über eine stets erneuerte Notstandsplanung für Berlin beruhigt hatte, wird jetzt erst klar, dass sich dieses sogenannte Contingency Planning nicht auf den Fall einer Absperrung des Ostsektors bezog. (...) Dem Westen bleibt, wenn er nicht einen Dritten Weltkrieg riskieren will, nichts anderes übrig, als hinzunehmen, so wie er vor fünf Jahren die Niederschlagung des ungarischen und vor acht Jahren die des mitteldeutschen Aufstandes hinnehmen musste. Wer diese Realitäten erst heute begreift, sollte die Schuld nicht den Westmächten zuschreiben, sondern jenen deutschen Politikern, die sie ihrem Volk bisher bewusst verschleiert haben."

DDR-Presse:

Kommentar des "Neuen Deutschland": "Seit Sonntag stehen in Berlin Grenzpfähle. Die Bevölkerung der DDR schützt diese Pfähle, weil diese Pfähle der Bevölkerung der DDR den besten Schutz vor den westdeutschen Militaristen bieten. (...) Die Sicherungsmaßnahmen rund um Berlin bedeuten zweifelsohne eine beträchtliche Stärkung der DDR."