Chronik
18. August 1961
Der Potsdamer Platz wird über Nacht zugemauert. Um 1.25 Uhr laden sechs Kranwagen am Potsdamer Platz Betonplatten ab, wie sie bisher nur an den Grenzübergängen als feste Sperren aufgestellt worden sind. Um 2.10 Uhr kommen Feuerwehrzüge, Mörtelwagen und Maurerkolonnen an. Von Volkspolizisten bewacht beginnen Maurer, eine langgezogene Sperrmauer zu errichten. Um 5.00 Uhr rücken die Baukolonnen ab. Zurück lassen sie eine Mauer aus Betonplatten, auf die zwei Reihen Hohlblocksteine gesetzt wurden, etwa 1,60 Meter hoch, mit eingemauerten Eisenstäben für Stacheldraht: Der Bau der Berliner Mauer hat begonnen.
Zur moralischen Aufrüstung der Grenz- und Volkspolizisten entwickelt die SED-Bezirksleitung Berlin einen "Operativplan", der die Entsendung von Schriftsteller und Künstler an die Grenze beinhaltet.
Die West-Berliner setzen, unterstützt vom Deutschen Gewerkschaftsbund, den S-Bahn Boykott fort. An zahlreichen S-Bahnhöfen stehen Demonstranten und tragen Protestplakate mit Aufschriften wie: "Keinen Pfennig mehr für Ulbricht! Schluss mit der Ostkontrolle unserer S-Bahn! Der S-Bahn-Fahrer zahlt den Stacheldraht!" - DDR-Reichsbahndirektor Otto Arndt lässt auf den S-Bahnhöfen Plakate kleben und ein Flugblatt verteilen, in dem er die Fahrgäste bittet, sich durch keine Boykottmaßnahmen beeinflussen zu lassen.
In einer Rundfunk- und Fernsehansprache rechtfertigt Walter Ulbricht die Absperrungsmaßnahmen vom 13. August mit dem Hinweis auf angebliche Anzeichen für einen offenen Angriff, Bürgerkrieg und militärische Provokationen vonseiten der Bundesrepublik gegenüber der DDR. Manche Bürger hätten gefragt, fährt Ulbricht fort, "ob es denn unbedingt notwendig gewesen sei, bei unseren Maßnahmen (...) mit Panzern und Geschützen aufzufahren. Ich möchte es ganz unmissverständlich sagen: Jawohl, das war notwendig! (...) Den Provokateuren ist von vornherein die Lust genommen worden, gefährliche Zwischenfälle heraufzubeschwören. Es ist bei der Durchführung all unserer Maßnahmen weit, weit weniger passiert als bei einer durchschnittlichen Rock-and-Roll-Veranstaltung im Westberliner Sportpalast. Für manche Leute war es sicherlich auch recht nützlich, zur Kenntnis zu nehmen, dass die deutsche Arbeiterklasse heute nicht mehr wehrlos ist, sondern über Panzer und Geschütze und alles, was zur Verteidigung notwendig ist, verfügt."
Bonn: Auf einer Sondersitzung des Bundestages prangert Bundeskanzler Konrad Adenauer in einer Regierungserklärung die Absperrmaßnahmen als brutale Verletzung der Menschenrechte und des Berliner Vier-Mächte-Status an. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, fordert eine westliche Initiative, um die Verletzung der Menschenrechte in Berlin vor die Vereinten Nationen zu bringen.
Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Heinrich Krone, hält nach der Bundestags-Sitzung in seinem Tagebuch fest: "Der Bundestag protestiert. Der Kommunismus hat seine Macht weiter gefestigt. 17 Millionen sitzen hinter dem Stacheldraht. Völlig abgeschlossen von uns. Nur wenige kommen noch durch. Mitten durch Berlin geht die trennende Mauer. Die Stunde der großen Desillusion. Das deutsche Volk hatte vom Westen mehr als eine Protestnote erwartet. Stimmen werden laut, die das Vertrauen in den Westen anzweifeln."
Ost-Berlin: Der sowjetische Stadtkommandant in Berlin, Oberst A. J. Solowjew, weist in seinem Antwortschreiben das Protestschreiben der drei westlichen Stadtkommandanten vom 15. August 1961 als "vollständig unangebrachte" Einmischung in Maßnahmen der Regierung der DDR zurück.
Moskau: Auf die Überreichung der westlichen Protestnoten gegen die Abriegelungsmaßnahmen in Berlin vom 17. August 1961 antwortet die Sowjetunion bereits 24 Stunden später mit drei inhaltsgleichen Noten. Die sowjetische Regierung unterstütze "restlos" die Schritte der DDR-Regierung, heißt es darin. Sie bezeichnet die Hinweise der Westmächte auf eine Verletzung vierseitiger Deutschland-Abkommen als "haltlos" und "absurd" und verweist abschließend darauf, dass die von der Regierung der DDR getroffenen Maßnahmen "zeitweilig" gälten, bis zum Abschluss eines Friedensvertrages.
London: Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums gibt bekannt, dass sich Großbritannien im Hinblick auf die Berlin-Krise entschlossen habe, seine Streitkräfte in Deutschland um eine Division - rund 12.500 Mann - zu verstärken.
Washington: Der Pressesekretär des Weißen Hauses, Pierre Salinger, gibt bekannt, dass sich Vizepräsident Lyndon B. Johnson als Vertreter des US-Präsidenten noch heute – in Begleitung von General Lucius D. Clay, US-Militärkommandeur für Deutschland und Held der Berliner Luftbrücke 1948/49 – nach Deutschland begeben werde. Zugleich habe John F. Kennedy angeordnet, die Berliner Garnison zu verstärken. Eine 1.500-Mann starke Kampftruppe werde über die Autobahn in Marsch gesetzt und am Sonntag, dem 20. August, in Berlin eintreffen. Die geheime Instruktion von Präsident Kennedy an Lyndon Johnson lautet: "Sehr geehrter Herr Vizepräsident! Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie diesen Auftrag in Deutschland und Westberlin kurzfristig übernommen haben. Der Hauptzweck Ihrer Mission ist, die Bevölkerung von West-Berlin zu beruhigen und zugleich ein offenes Gespräch mit Bürgermeister Willy Brandt zu führen (...) um zu versuchen, ihm klarzumachen, dass es in den kommenden Monaten sehr wichtig sein wird, vorschnelle Kritik am jeweils anderen zu vermeiden (...)." Johnsons Auftrag ist es zudem, das Antwortschreiben von John Kennedy auf Willy Brandts Brief vom 16. August zu übergeben. Der Schlüsselsatz des Kennedy-Schreibens lautet: "Da dieses brutale Schließen der Grenze ein deutliches Bekenntnis des Versagens und der politischen Schwäche darstellt, bedeutet dies offensichtlich eine grundlegende sowjetische Entscheidung, die nur durch Krieg rückgängig gemacht werden könnte. Weder Sie noch wir noch irgendeiner unserer Verbündeten haben jemals angenommen, dass wir an diesem Punkt einen Krieg beginnen müssten."
Pressestimmen-West:
In der "Deutschen Zeitung" greift Johannes Gross in seinem Kommentar "Aktion Bumerang" insbesondere Willy Brandt an: "Willy Brandt selbst sprach zu wiederholten Malen davon, dass Proteste nicht genügten, und forderte das entschlossene Handeln. Was getan werden sollte, sagte er nicht - bis heute hat er keinen Vorschlag gemacht. (...) Es war also von vornherein nichts als Demagogie, den Berlinern und dem ganzen vom Unrecht beleidigten deutschen Volk spektakuläre Gegenmaßnahmen vorzugaukeln. (...) Das Fazit: ein selbstverschuldeter Zweifel der Deutschen an der Stärke des westlichen Bündnisses. (...) Weder die wahre Gefahr noch die wirkliche Remedur wurde deutlich gemacht: Schon im ersten Augenblick hätte man sagen müssen, dass nicht West-Berlin blockiert war, sondern die Zone, dass der Kampf um die Freiheit Berlins, nicht um das Recht der Menschen, der unerträglichen Diktatur zu entfliehen, geführt wird. Aber Willy Brandt, der allen Ernstes vorgibt, sich seinem Gegner und seinem Amt gewachsen zu fühlen, versagte. Seine rhetorische Anstrengung, gerichtet gegen Ulbricht, wirkte als ein Bumerang gegen das Vertrauen in das westliche Bündnis, die Grundlage unserer Sicherheit und Freiheit."
In der "Zeit" behandelt Golo Mann "Das Ende der Bonner Illusionen": "Das Versprechen, das feindliche Imperium 'zurückzurollen', war nichts als Worte. Es wurde nichts dafür gewagt; auch dann nicht, als die Gelegenheit nach Taten schrie (Berlin 1953, Budapest 1956). Da die Politik der Macht, welcher die Bundesrepublik sich anschloss, den verheißenen Erfolg nicht hatte, musste sie den genau entgegengesetzten haben, nämlich den Vorhang an der Zonengrenze immer undurchdringlicher zu machen; denn freiwillig würde Russland einem solchen Deutschland seinen Herrschaftsteil nimmermehr ausliefern, würde ihn vielmehr fester und fester an sich binden." Golo Manns Vorschlag lautet: "Wir müssen, sei es direkt, auf dem Wege diskreter Verhandlungen, sei es durch neutrale Mittelsmänner und durch Anrufen des neutralen öffentlichen Geistes, den Kreml davon überzeugen, dass eine Veränderung des Zonenregimes in aller Interesse, auch in seinem eigenen liegt. Wir sollen nicht auf freien Wahlen und freier Wiedervereinigung bestehen, die Recht sind, aber heute nicht zu erreichen sind. Wir sollen nicht einmal auf einer ‚österreichischen Lösung' für die Zone bestehen, ihre Neutralisierung bei völliger Preisgabe der ‚sozialen Errungenschaften', weil auch dies heute nicht zu erreichen ist. Aber wir sollten den Sowjets durch hundert Kanäle sagen und sagen lassen: Schafft Zustände in der Zone, unter denen die Menschen nicht mehr täglich zu Tausenden zu entfliehen wünschen. Schafft eine Regierung, die von den Menschen angenommen und nicht mehr tödlich gehasst wird, unter der sie in leidlicher Freiheit und Rechtssicherheit leben können."
In der gleichen Ausgabe der "Zeit" betrachtet Marion Gräfin Dönhoff den 13. August als "Quittung für den langen Schlaf": "Wäre auf der Pariser Außenministerkonferenz oder auch vorher ein fester Terminkalender beschlossen worden, dann hätte Chruschtschow jetzt wahrscheinlich nicht das Risiko auf sich genommen, den Viermächte-Status von Berlin mit brutaler Gewalt einseitig zu brechen." Dönhoff fordert Protestmärsche, Demonstrationen, Unterschriftensammlungen, einen Besuch des Ministers für Gesamtdeutsche Fragen, Lemmer, in Moskau und fragt, warum nicht etwa die Vereinten Nationen angerufen würden, um abschließend festzustellen: "Gewiss, man kann gegen jeden dieser Schritte einwenden, dass er einen siegestrunkenen Diktator nicht entscheidend beeindrucken werde. Aber das Schlimmste, was ein Staatsmann in einer solchen Situation tun kann, ist doch, nichts zu tun, denn das kommt einer Bankrotterklärung gleich."


