Chronik

19. August 1961

Zusammen mit anderen Personen seilt sich der 47jährige Kraftfahrer Rudolf Urban aus seiner im Ostteil Berlins gelegenen Wohnung in der Bernauer Straße auf den im Westen gelegenen Bürgersteig ab, kommt dabei zu Fall und erleidet einen Unterschenkeltrümmerbruch. Am 17. September 1961 verstirbt er im Krankenhaus an den Unfallfolgen.

Aus den Meldungen der West-Berliner Polizei: "Die im SBS und in der SBZ errichteten Grenzsperren wurden weiter ausgebaut. - Vom 18.8.1961, 23.15 Uhr, bis 19.8.1961, 5.30 Uhr, wurden im sowjetisch besetzten Sektor (SBS), Ebertstr., zwischen Potsdamer Platz und Hindenburgplatz und zwischen Clara-Zetkin-Straße (Dorotheenstr.) und Reichstagsufer, je eine Betonmauer errichtet. Angehörige der VOPO begannen gegen 22.00 Uhr, die Mauern zusätzlich mit Stacheldraht zu versehen. - In N 4 und N 58 sind alle in den Westsektor führenden Ausgänge und die Kellerfenster der unmittelbar an der Sektorgrenze im SBS gelegenen Häuser zugemauert bzw. vernagelt worden. Nach Aussagen von Fahrgästen wurde auch der nördliche Ausgang des U-Bhfs. Bernauer Straße zugemauert."

West-Berlin: Nach Gesprächen mit Konrad Adenauer in Bonn trifft der amerikanische Vizepräsident Lyndon B. Johnson in Begleitung von General Lucius D. Clay am Nachmittag in West-Berlin ein. Beide werden von Hunderttausenden begrüßt. In einer Ansprache unterstreicht Johnson die amerikanische Garantie für West-Berlin: "Ich bin zu Ihnen über den Ozean gekommen im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten, John F. Kennedy. Der Präsident wünscht, ich wünsche, die gesamten Vereinigten Staaten wünschen Sie wissen zu lassen, dass die Zusage, die Freiheit West-Berlins und seiner Zugangswege zu verteidigen, fest und bindend ist (...). Zu der Bevölkerung Ost-Berlins sage ich: Verliert nicht den Mut und das Vertrauen. Tyranneien sehen anfänglich immer so aus, als seien sie für die Ewigkeit gemacht. Aber ihre Tage sind gezählt."

London: Ein Sprecher des britischen Verteidigungsministeriums gibt bekannt, dass Großbritannien 16 Panzerwagen und 18 gepanzerte Lastwagen zur Verstärkung der britischen Garnison in Berlin entsenden wird. Der britische Premierminister Harold Macmillan, der scheinbar unbekümmert seinen Urlaub in Schottland genießt, setzt auf Verhandlungen mit der Sowjetunion, hält nichts von Gegenmaßnahmen im Allgemeinen und ironisiert im Besonderen die eigene kleine militärische Geste. Seinem Tagebuch vertraut er an: "Viel Telefonieren, morgens und abends, mit Alec Home wegen der 'Berlinkrise'. Die ostdeutschen Behörden haben jede Bewegung von Ost- nach West-Berlin unterbunden. Der Flüchtlingsstrom hatte derartige Ausmaße angenommen (...), dass sie wahrscheinlich fast gezwungen waren, diesen Kurs einzuschlagen. Teils, weil der westdeutsche Wahlkampf im Gange ist, teils aber auch, weil die Amerikaner sich sehr erregen, ist die Situation gespannt und könnte gefährlich werden. (...) Wirksame Verhandlungen können zwar erst nach dem 18. September (dem deutschen Wahltag) stattfinden, aber wenn jetzt vorbereitende Maßnahmen ergriffen werden, so sollte das beruhigend wirken. (...) Kennedy hat mir eine Botschaft über die Frage der Entsendung zusätzlicher Truppen nach Berlin geschickt. Militärisch gesehen ist das Unsinn. Aber ich habe mich bereit erklärt, ein paar gepanzerte Fahrzeuge usw. als Geste zu entsenden. (...) Die Gefahr besteht natürlich darin, dass beide Seiten emsig bluffen und die Katastrophe durch einen kleinen Fehler ausgelöst werden könnte."