Chronik

2. Juli 1961

Ereignismeldung der West-Berliner Polizei: "Die Lage an der Sektor- und Zonengrenze ist unverändert. Der Interzonenverkehr verlief normal. - Am 2.7.1961, gegen 16.15 Uhr, wurde der 18-jährige Harald L., Halensee (Westberlin, d. Hg.), Johann-Sigismundstraße wohnhaft, beim Schwimmen an der Glienicker Brücke in Höhe der nördlichen Grenzboje, durch ein Streifenboot des Vopo an Bord genommen und nach Belehrung über den Grenzverlauf wieder entlassen."

In einer außenpolitischen Rede vor dem SPD-Parteivorstand führt Willy Brandt angesichts des bevorstehenden Bundestags-Wahlkampfes aus: "Das deutsche Volk wird in den nächsten Monaten daran gemessen werden, ob es gleichzeitig einen Wahlkampf um die bessere innere Ordnung dieses Staates führen und trotzdem gemeinsam handeln kann, wenn es um Existenzfragen geht. Das Teilungsdiktat (Chruschtschows, Anm. d. Hg.) wäre nicht nur die Spaltung Deutschlands, sondern die Spaltung ganz Europas."

Als die zwei wichtigsten Aufgaben der Gegenwart stellt Brandt heraus: 1. die Mobilisierung aller Kräfte im Innern und 2. die Aufklärung über die wahre deutsche Situation in der ganzen Welt. Dazu gehöre auch, der ganzen Welt das Ausmaß und die Gründe der Fluchtbewegung aus der DDR klar zu machen.

Moskau: Gegenüber dem britischen Botschafter in der Sowjetunion, Sir Frank Roberts, droht Nikita Chruschtschow mit der nuklearen Vernichtung Großbritanniens. Einige Wochen später, während der Tagung des Politisch-Beratenden Ausschusses der Warschauer Vertrags-Staaten Anfang August, berichtet Chruschtschow laut Tagungsprotokoll selbst über diese Begegnung:

"Die westliche Presse hat ein großes Geschrei über mein Gespräch mit dem britischen Botschafter erhoben, hat so berichtet, als ob ich ihm gedroht hätte. Ich werde Ihnen erzählen, worüber ich mit dem englischen Botschafter gesprochen habe. Ich habe ihm Folgendes gesagt: 'Herr Botschafter, wie viele Atombomben muss man über Großbritannien abwerfen, um es unschädlich zu machen?' Er antwortet: 'Sechs Bomben, so sagt man bei uns.'

'Ich habe gehört', sage ich, 'dass bei Ihnen in England über diese Frage gestritten wird. Die einen sagen sechs, das sind die Pessimisten, und Sie gehören zu ihnen; die anderen, die Optimisten, sagen nicht sechs, sondern neun Bomben. Ich werde Ihnen ein Geheimnis unseres Generalstabes preisgeben: Wir schätzen Großbritannien höher ein, und bei uns sind einige Dutzend Atombomben bereitgestellt, mit denen wir einen Schlag gegen Großbritannien führen und es tatsächlich unschädlich machen werden.'

'Ist dies eine Drohung? Nein, das ist die Realität!' (Tagungsprotokoll zit. nach Bonwetsch/Filitow 2000, S. 184)