Chronik

20. August 1961

Die Absperrmaßnahmen werden fortgesetzt. Die Errichtung einer Mauer mitten durch Berlin geht weiter, es wird immer schwieriger zu fliehen. Am Abend wird am S-Bahnhof Wilhelmsruh ein "Zielschuss" auf einen Flüchtenden abgegeben.

Aus den Meldungen der West-Berliner Polizei: "In der Nacht vom 20. zum 21.8.1961 wurde in Staaken (SBZ) entlang des Nennhauser Dammes und Finkenkruger Weges durch 150 Angehörige der FDJ damit begonnen, in einer Entfernung von 3 Metern von der Zonengrenze einen zweiten Zaun zu errichten. Während von Höhe Brunsbütteler Damm bis zum Vorort Bahnhof Staaken bereits 9 Lagen Stacheldraht gespannt sind, stehen im weiteren Verlauf bis Finkenkruger Weg erst Betonpfeiler. Zum Schutz dieser Arbeiten sind vier Schützenpanzer aufgefahren. - Vier Angehörige der VOPO meldeten sich als Flüchtlinge in West-Berlin. Um 24.00 Uhr wird die "große Alarmstufe" der West-Berliner Schutzpolizei nach insgesamt sechs Tagen aufgehoben.

West-Berlin: Zweiter Tag des Besuchs des amerikanischen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson. Sechs Kfz-Konvois der US-Armee mit Truppenverstärkungen, rund 1.500 Mann, treffen in der Stadt ein. Am Nachmittag starten vier Konvois zu einer Stadtrundfahrt; sie werden von mehreren 100.000 Menschen an der Wegstrecke mit frenetischem Jubel empfangen.

Pressestimmen-West:

In der "Süddeutschen Zeitung" wirft Hermann Proebst der bundesdeutschen Politik vor, zulange an Fiktionen ("Wehe dem, der sich betrügt") festgehalten zu haben: "Leute, die jahrelang in einem Wolkenkuckucksheim dahinlebten und dabei niemals den schneidenden Widerspruch zwischen äußerlichem Wohlergehen und dem Elend ungelöster, schier nicht lösbarer Fragen unserer Existenz als Volk verspürten, geben nun laut lamentierend ihre Enttäuschung kund. Es geht landauf, landab die Rede von einer Vertrauenskrise im Verhältnis zu unseren Verbündeten. Auch dies ist Nichtpolitik, die nur üble politische Folgen zeitigen kann. Wenn unsere Bundesgenossen zu dem Schluss kämen, die Deutschen seien eben wankelmütig, unsicher und treulos von Natur, dann würden sie sich höchstens der Pflicht entbunden fühlen, sich weiterhin in unserem Interesse sonderlich abzumühen. Wie schwach und zusammenhanglos ihre politischen Reaktionen bisher auch gewesen sein mögen, wir mussten seit Jahren wissen, dass sie es waren. Und wir haben nichts dagegen getan, obgleich wir oft genug ernstlich aufgefordert wurden, unseren Beitrag an konstruktiven Vorschlägen zu liefern. Wir bleiben trotz allem in der Schuld unserer Verbündeten, denn wir haben ihre Handlungsfreiheit durch halsstarrig festgehaltene Fiktionen belastet, ohne jemals eine geistige Anstrengung an die Abwendung selbst bereiteten Schicksals zu verschwenden. Bisher konnte man sagen, es liebe der Osten die Lüge, der Westen aber den Selbstbetrug. Auch wir haben uns darin geübt, den schönen Schein für Wahrheit zu nehmen. Damit ist nun nichts mehr auszurichten. Man wird über eine Rechnung verhandeln, die das Risiko eines Krieges wegen der Deutschen ausschließt. Zum Teil werden wir sie bezahlen müssen."