Chronik
20. Juni 1961
In Ost-Berlin tagt das SED-Politbüro, zehn Stunden lang. Ulbricht informiert die Politbüro-Mitglieder und -Kandidaten, dass sie die deutsche Übersetzung der russischen Niederschrift des Gespräches von Chruschtschow und Kennedy beim Leiter des Büros des Politbüros einsehen dürfen, Kopien werden ihnen nicht ausgehändigt.
Ein Plenum des SED-Zentralkomitees soll einberufen werden, so beschließt es das Politbüro, die Tagesordnung jedoch geheim bleiben. Als wichtigste Punkte sind vorgesehen: erstens Probleme der Planerfüllung und zweitens die Sicherung der DDR gegen die "Störtätigkeit von Westdeutschland".
Die wirtschaftliche Lage der DDR ist so prekär, dass die angesetzte Aussprache über den Stand der Ausarbeitung des Volkswirtschaftsplans 1962 nicht zu Ende geführt werden kann, sondern vertagt wird.
Das Politbüro beschäftigt sich angesichts der Versorgungskrise des Weiteren mit dem Entwurf eines Aufrufes an die Bauern und die gesamte Dorfbevölkerung zu vermehrten Arbeitsanstrengungen, fordert dessen Überarbeitung und legt fest, dass seine Veröffentlichung am 23. Juni 1961 erfolgen soll.
In einem zwar undatierten, aber aus diesen Tagen stammenden Brief an Nikita Chruschtschow greift Walter Ulbricht dessen vom sowjetischen Botschafter in der DDR, Michail Perwuchin, übermittelten Gedanken auf, am 20./21. Juli eine Beratung des Warschauer Paktes zu der Frage eines Friedensvertrages durchzuführen. Ulbricht: "Zweck der Zusammenkunft sollte sein die Verständigung über die politischen, diplomatischen, ökonomischen und organisatorischen Vorbereitungsarbeiten und Maßnahmen zur Koordinierung der Rundfunk- und Presseagitation." Daneben bittet Ulbricht den Kreml-Chef um eine Stellungnahme, wie die DDR die "Grenzgänger-Frage" lösen soll.


