Chronik
24. August 1961
Bei einem Versuch, durch den Humboldthafen nach West-Berlin zu fliehen – was in den Tagen zuvor an dieser Stelle vielen gelungen war – wird der 24jährige Schneidergeselle Günter Litfin von Transportpolizisten erschossen.
Günter Litfin hatte bis zum 13. August 1961 in West-Berlin gearbeitet und wollte dorthin zurückkehren. Die Todesursache ist laut Obduktionsbefund vom 24. August 1961: Hals- und Mundbodendurchschuss, vermutlich kombiniert mit Ertrinken. Die Einschussöffnung liegt an der rechten Halshinterseite, die Ausschussöffnung an der linken Kinnseite.
Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" diffamiert am nächsten Tag das hinterrücks erschossene Opfer als Verbrecher. Unter der Überschrift "Verbrecher wollte entfliehen" wird folgende Meldung abgedruckt: "Die Volkspolizei teilt mit: In den Nachmittagsstunden des 24. August 1961 wurde auf dem Bahngelände unweit Bahnhof Friedrichstraße eine wegen verbrecherischen Handlungen verfolgte Person mehrfach aufgefordert, sich der Volkspolizei zu stellen. Da sie diesen Aufforderungen nicht nachkam, wurden Warnschüsse abgegeben. Die Missachtung dieser Warnschüsse hatte die Abgabe eines gezielten Schusses zur Folge. Daraufhin fiel die Person in den Humboldthafen und ist wahrscheinlich ertrunken."
Auf Westberliner Seite werden an den sieben Grenzübergängen Kontrollzelte errichtet, in denen die aus Ost-Berlin einreisenden Personen von Beamten der Kripo bzw. Zivilbeamten der Senatsverwaltungen überprüft werden.
Alle vierzehn Geschäftsstellen der SED in West-Berlin werden polizeilich geschlossen und versiegelt. Am 25. August werden auch die fünf Geschäftsstellen des FDGB sowie alle acht Geschäftsstellen der FDJ in West-Berlin geschlossen.
Aus den Meldungen der West-Berliner Polizei: "Am 24.8.1961, gegen 19.30 Uhr, fuhren 1 sowj. Jeep mit 1 Offizier und 1 Bus mit sowj. Soldaten über den Sektorgrenzübergang Friedrich-/Zimmerstr. zur Wachablösung am russischen Ehrenmal nach Westberlin ein. Auf ihrer Fahrt durch Kreuzberg und Schöneberg wurden sie von einer ständig anwachsenden Anzahl meist jugendlicher Moped-, Krad- und Pkw-Fahrer begleitet. Im Kreisverkehr Yorck-/Bülow-/Goebenstr. blockierten diese die Fahrt der sowj. Fahrzeuge. Durch Funkwagenstreifen konnten Personen, die sich bereits am Jeep zu schaffen machten, um ihn umzuwerfen, zurückgedrängt und die Weiterfahrt ermöglicht werden."
Infolge des S-Bahn-Boykotts geht bis Ende August die Zahl der Fahrgäste in West-Berlin um 90 Prozent zurück: von 500.000 vor dem 13. August auf rund 50.000.
Washington: Die CIA kommt in einer Analyse über die zu erwartenden nächsten sowjetischen Schritte und Taktiken in Bezug auf Berlin zu dem Ergebnis, dass mit weiteren drastischen Maßnahmen unmittelbar nicht zu rechnen sei, Chruschtschow vielmehr die Wirkung der Maßnahmen des 13. August abwarten werde und im Übrigen an seinem Ziel, dem Westen entweder in Verhandlungen Konzessionen abzuringen oder aber unilateral einen Friedensvertrag mit der DDR zu unterzeichnen, festhalten werde.
In der Alliierten Kommandantur wird - in Übereinstimmung mit dem Senat von Berlin - ein Befehl vorbereitet, der am nächsten Tag veröffentlicht wird (BKO vom 25.8.1961): Die Einrichtung und der Betrieb von Büros zur Ausgabe von Aufenthaltsgenehmigungen für Bürger West-Berlins zum Betreten des sowjetischen Sektors auf dem Boden von West-Berlin wird verboten.
Willy Brandt legt in einer Rundfunk- und Fernsehansprache die Gründe für diese Entscheidung dar: "Zunächst einmal ist bereits die Ausgabe von Aufenthaltsgenehmigungen für den Ostsektor illegal. Aber sehr viel schwerwiegender ist der Versuch, durch Anordnungen vom Osten her auf Westberliner Gebiet tätig werden zu wollen. Diesen Versuch kann man nur zurückweisen, denn es wäre ein Teil der 'freien Stadt' im Chruschtschow'schen Sinne, wenn in West-Berlin praktisch Dienststellen oder Hilfsdienststellen der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik etabliert würden. Dieser Entschluss, solche Dienststellen nicht zuzulassen, gleichgültig, ob sie auf dem Gebiet der S-Bahn oder in gesondert dafür geschaffenen, als Reisebüros getarnten Lokalen eingerichtet werden, dieser Entschluss ist uns nicht leichtgefallen. Wir wissen, dass diese Haltung von der anderen Seite zum Vorwand genommen wird, um vielen West-Berlinern den Besuch ihrer Bekannten und Verwandten im Ostsektor unmöglich zu machen."
Die Prognose des Regierenden Bürgermeisters erweist sich als richtig: Bis zum ersten Passierscheinabkommen Ende 1963 können West-Berliner ihre Bekannten und Verwandten nicht mehr sehen, den Ostteil der Stadt nicht mehr besuchen.


