Chronik
26. August 1961
In einem Bericht an das KPdSU-Zentralkomitee über die Lage in Berlin nimmt das sowjetische Verteidigungsministerium Bezug auf die Tötung von Günter Litfin zwei Tage zuvor. Sowjetische Vertreter in Ost-Berlin, so wird gemeldet, hätten der SED-Führung und DDR-Militärs auf Grund dieses Zwischenfalls die Anweisung gegeben, "keine Handlungen zuzulassen, die zu einer Verschärfung der Situation führen könnten".
Zur Verhinderung weiterer Fluchten wird im Norden Berlins, in der Gleimstraße, ein Stacheldrahtnetz als zusätzliche Sperrmaßnahme zu Mauer und Stacheldrahtzäunen ausgespannt.
Ein Bürger der Bundesrepublik berichtet über die niedergeschlagene Stimmung, wie er sie während eines Besuches in der DDR und in Ost-Berlin wahrnahm.
Einem Wachtmeister und Offiziersanwärter der Polizeischule Halle gelingt die Flucht nach West-Berlin. Einige Tage später berichtet er im RIAS über die Stimmung bei der Grenzpolizei, die Handhabung des Schießbefehls und die ablehnende Haltung der DDR-Bevölkerung gegenüber der Grenzpolizei.
Trotz westalliierten Verbots vom Vortag öffnen um 8.00 Uhr Passierscheinstellen des DDR-Innenministeriums auf den S-Bahnhöfen Zoologischer Garten und Westkreuz der Deutschen Reichsbahn. Dort werden an West-Berliner Bürger Antragsformulare für die Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung in Ost-Berlin ausgegeben. Schnell regt sich Protest unter der West-Berliner Bevölkerung. Es wird ein Boykott der DDR-Büros gefordert. Im Bahnhof Zoo bringen West-Berliner ein Schild mit der Aufschrift an: "Eintritt zum KZ - eine Mark West. Willst Du dorthin?" Die Streitgespräche zwischen den Antragstellern und Gegnern werden so heftig, dass die Polizei die Ausgabestellen abschirmen muss.
Am frühen Nachmittag werden die Passierscheinstellen auf Weisung aller drei westlichen Stadtkommandanten durch die West-Berliner Polizei geschlossen. Eine erneute Öffnung wird untersagt.
In gleichlautenden Antworten weisen die Westmächte die sowjetische Note vom 23. August 1961 scharf als "kaum verhüllte Aggressionsdrohung gegen die alliierten Luftwege von und nach Berlin" zurück. Die Beeinträchtigung ihres freien Zugangs nach Berlin durch die Sowjetregierung oder ihr ostdeutsches Regime werde die "ernstesten Konsequenzen" haben.
In Protestnoten an den sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin, Michail Perwuchin, kritisieren die Botschafter der USA, Frankreichs und Großbritanniens unter anderem die Zuweisung von nur einer Grenzübergangsstelle für westalliiertes Personal in Berlin (Checkpoint Charlie) als Verletzung alliierter Übereinkünfte.
Die DDR protestiert in einer Note an die US-Regierung gegen die Verlegung von amerikanischen Truppen nach West-Berlin "unter missbräuchlicher Benutzung der Verbindungswege der DDR". Der "provokatorische Marsch der US-Kampfgruppe durch das Hoheitsgebiet der DDR" verkompliziere die bestehende Lage. Die DDR könne sich durch solche Provokationen dazu gezwungen sehen, "alles zu tun, um einen Missbrauch seines Territoriums für friedensgefährdende Zwecke auszuschließen."
In einer RIAS-Ansprache weist der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, erneut die in der sowjetischen Note vom 23. August 1961 erhobenen Vorwürfe, er sei der "Transportminister für Provokateure, Revanchisten, Extremisten, Wühlagenten, Spione und Diversanten jeder Art" energisch zurück. Die Bundesregierung halte, so versichert er, "trotz Stacheldraht und Wachtürmen das politische Tor für die Wiedervereinigung offen. Diese kann nur durch die Gewährung des Selbstbestimmungsrechts an alle Deutschen erreicht werden."


