Chronik

27. August 1961

Für die DDR-Landwirtschaft werden rund 20.000 "freiwillige Helfer" verpflichtet, um die verregnete Ernte einzubringen. Die Lage auf dem Lande ist aber nicht nur aufgrund der schlechten Witterung ernst, sondern vor allem als Folge der Zwangskollektivierung. Ein LPG-Bauer, dem am heutigen Sonntag die Flucht nach West-Berlin gelingt, berichtet einige Tage später über seine bisherige Arbeit und die Lage in seinem Dorf.

Der West-Berliner Bausenator Schwedler weiht die neue U-Bahnlinie G ein. Die Strecke führt von der Spichernstraße zum Leopoldplatz und wird offiziell am 28. August in Betrieb genommen. In einem RIAS-Interview hebt der Bausenator die besondere Bedeutung der neuen Strecke nach der Teilung der Stadt hervor.

Pressestimmen West:

Die West-Berliner Zeitung "Der Tag" berichtet, dass die manchem West-Berliner auf den ersten Blick unpopulär erscheinende Schließung der Passierscheinstellen notwendig war, um zu vermeiden, "dass auf Westberliner Gebiet ein ganzes Netz sowjetzonaler Dienststellen etabliert werde und so auf kaltem Wege Bedingungen einer sogenannten Freistadt geschaffen würden." "Der Tagesspiegel" macht darauf aufmerksam, dass der Senat schon am 23. August die Öffnung solcher Büros in West-Berlin abgelehnt habe.

Pressestimmen Ost:

Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" befasst sich auf der Titelseite mit der Schließung der Passierscheinstellen in West-Berlin. Die Schlagzeilen lauten: "Brandt-Polizei verbietet Besuch im demokratischen Berlin - Westberliner brutal terrorisiert - Schlägertrupps: 'Schlagt alle tot, die in den Ostsektor wollen!' - Westberliner von Brandt wieder eingesperrt".

DDR-Nationalpreisträger Fritz Cremer bezieht auf einer außerordentlichen Plenartagung der Mitglieder der Deutschen Akademie der Künste Stellung zum Brief der West-Berliner Schriftsteller Günter Grass und Wolfdietrich Schnurre. Dem SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" zufolge führt Cremer aus: "Schon wieder höre ich demokratisch getarntes faschistisches Geschrei jenseits des Brandenburger Tores. Ich habe es gehört durch die Mauern meines Ateliers am 17. Juni 1953, und ich hörte es zur Zeit der ungarischen Konterrevolution. (...) Wer nicht hören will, muß fühlen. Stacheldraht kann beseitigt werden. Nur böswillige Dummköpfe und demoralisierte Egoisten können eine Verewigung dieses Zustandes wünschen. Aber tausendmal lieber Stacheldraht um ein friedliches Land, als dieses kriegsverwüstet, atomverpestet und menschenleer. Und wenn man allein durch ihn die alten und neuen Verderber Deutschlands, die Lumpen aller Schattierungen und jeden Kalibers in Schach halten kann, so bin ich dafür, die Maßnahmen zu ergreifen, die uns in Verantwortung vor unserem Volke aufgezwungen wurden."