Chronik
30. August 1961
Der West-Berliner Polizeipräsident setzt eine Belohnung von 10.000 DM für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Schützen führen, der am Vortag einen bislang unbekannten Flüchtling (Roland Hoff) getötet hat. Entsprechende Fahndungs-Plakate werden auf Berliner Litfaßsäulen und entlang der Sektorengrenze geklebt. Der Generalstaatsanwalt beim West-Berliner Kammergericht erklärt, dass in allen Fällen, in denen Flüchtlinge erschossen werden, ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes eingeleitet werde.
In wütenden Reaktionen verunglimpft das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" in den folgenden Tagen die erschossenen Maueropfer Günter Litfin und Roland Hoff als "Verbrecher" und "finstere Elemente". Günter Litfin wird als Homosexueller diffamiert, der bei "verbrecherischen Handlungen" ertappt worden sei. Roland Hoff wird als "vorbestrafter Schläger" beschimpft, "der der Volkspolizei zu entkommen versuchte, weil man ihn wegen eines neuen Deliktes festnehmen wollte". Die Grenzwachen hätten "ihre Pflicht getan, als sie gegen Versuche, die Grenze gewaltsam zu durchbrechen, von ihrer Waffe Gebrauch machten". Das Fahndungsplakat gegen den mutmaßlichen Mörder von Roland Hoff wird als "infame Mordhetze" bezeichnet. "Wir lassen keinen Zweifel daran", heißt es in einem mit "Dr. K." unterzeichneten Artikel des "Neuen Deutschland", "daß die Urheber der Mordhetze sich eines Tages werden verantworten müssen."
In der "Märkischen Volkszeitung" bekräftigen namentlich nicht genannte "Genossen" einer nicht näher bezeichneten "Einheit der Deutschen Grenzpolizei an der Staatsgrenze der DDR nach Westberlin im Raum Teltow/Kleinmachnow" in einem offenen Brief an die "Fa. Brandt, Stumm und Lemmer (Anheizer der Frontstadtstimmung), zur Zeit noch Westberlin": "Wer die Staatsgrenze unserer DDR antastet, läßt Haare, Zähne oder das Leben."
In der Ost-Berliner Chausseestraße erhängt sich der 50jährige Arzt Dr. Wilhelm P. "Nach den Angaben der Ehefrau", so heißt es in einem Bericht der Ost-Berliner Volkspolizei, soll Dr. P. unter starken seelischen Depressionen gelitten haben. Der Tote war stark westlich eingestellt, sein Sohn ging in West-Berlin zur Schule und P. war davon überzeugt, daß man ihm in der weiteren Folge seine Praxis entziehen würde."
Bundespräsident Heinrich Lübke besucht West-Berlin. Nach einem ausführlichen Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister informiert sich Heinrich Lübke im Notaufnahmelager Marienfelde über die Lage der Flüchtlinge. Danach unternimmt der Bundespräsident eine ausgedehnte Fahrt entlang der Sektorengrenze.
Kaum 24 Stunden nach den tödlichen Schüssen durchschwimmt erneut ein Flüchtling den Teltowkanal. Wieder wird das Feuer eröffnet, aber in diesem Fall gelingt die Flucht.
Bislang sind 51.422 Jugendliche der FDJ-Kampagne "Das Vaterland ruft – schützt unsere sozialistische Republik" gefolgt und haben sich "freiwillig" zum Dienst in der Nationalen Volksarmee der DDR bereiterklärt. Über den dabei angewandten Druck berichtet ein junger Dreher aus Hennigsdorf, dem mit seiner Frau die Flucht nach West-Berlin gelungen ist.
Eine Serviererin aus Chemnitz berichtet über die panikartige Stimmung am 13. August. Fluchtartig hätten die Urlauber mit Kind und Kegel das FDGB-Heim verlassen, in dem sie beschäftigt war.
Ein RIAS-Reporter beschreibt aus der Vogelperspektive eines Hubschaubers die Zerstörung des Stadtbildes durch den Berlin zerschneidenden Todesstreifen. Der Flug geht entlang der Sektorengrenze von Rudow bis zum Brandenburger Tor.
In einem Lagebericht an das KPdSU-Zentralkomitee informiert das sowjetische Verteidigungsministerium über die Verlegung von amerikanischen Truppenteilen aus der Bundesrepublik nach West-Berlin, die möglicherweise Atommunition mit sich führten. Bestätigten die US-Streitkräfte am Grenzkontrollpunkt Helmstedt/Marienborn auf Anfrage der sowjetischen Kontrolleure, dass sie Atomwaffen nach West-Berlin transportierten, werde man sie stoppen. Leugneten sie es jedoch, werde man sie durchlassen müssen. - Zwei Tage später, am 1. September, gibt das sowjetische Verteidigungsministerium Entwarnung: eine gründliche geheime Überprüfung der Waggons der inzwischen in Marienborn eingetroffenen US-Streitkräfte mit Radiometern habe ergeben, dass sie keine radioaktiven Waffen mit sich führten.
US-Präsident John F. Kennedy gibt in Washington bekannt, dass er General Lucius D. Clay am 15. September als persönlichen Beauftragten nach Berlin entsenden wird.
Pressestimmen Ost:
Unter der Überschrift "Gestern bei Siemens - heute bei uns" veröffentlicht das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" Gespräche mit ehemaligen "Grenzgängern", die bis zum 13. August bei Siemens in West-Berlin beschäftigt waren. Einführend wird erklärt: "Lange haben wir sie gemahnt. Als wir am 13. August unsere Schutzmaßnahmen trafen, nahmen wir ihnen zugleich die Entscheidung ab: Es gibt für sie heute nur noch den Weg, echte Bürger der DDR zu werden. Sie arbeiten heute schon unter uns. Wir wünschen aber, dass sie auch bald erkennen, dass das nicht nur notwendig, sondern auch gut ist. Für sie selbst, für den rechtmäßigen deutschen Staat."


