Chronik
31. August 1961
Täglich gelingen nach wie vor Fluchtversuche von Ost- nach West-Berlin. Unterirdische Fluchtversuche durch Mischwasser- und Regenkanäle gelten seit den Schüssen auf Flüchtlinge bei überirdischen Fluchtversuchen als weniger risikobehaftet. West-Berliner Fluchthelfer sind dabei behilflich, für fluchtwillige Ost-Berliner die geeigneten Einstiegslöcher zu finden und die zentnerschweren Schachtabdeckungen durch "Deckelmänner" öffnen und nach dem Einstieg der Flüchtlinge wieder schließen zu lassen. - Die Grenzpolizisten reagieren auf die Kanalisations-Fluchten, indem die Einstiegsdeckel verschweißt und Gitter in die Kanäle eingesetzt werden.
Zwei geflüchtete DDR-Bauarbeiter berichten in West-Berlin, wie sie von ihren Baustellen in Zehdenick weg nach Berlin zum Bau der Mauer verfrachtet wurden und welche Stimmung unter den "Maurern der Mauer" herrscht.
Am zweiten Tag seines Besuches in West-Berlin spricht Bundespräsident Heinrich Lübke auf einer improvisierten Kundgebung vor dem Rathaus Schöneberg. Er versichert den West-Berlinern die Solidarität aller Deutschen.
In einer Rundfunk- und Fernsehansprache an die deutsche Nation fasst der Bundespräsident am Abend seine Eindrücke zusammen: "Was ich gestern bei meinen Fahrten entlang der Sektorengrenze gesehen habe, läßt sich nur schwer in Worte fassen. Quer durch diese Stadt läuft eine blutende Grenze. Versperrte Straßen, zugemauerte Hauseingänge und Fenster, Mauern und Stacheldraht trennen Männer von ihren Frauen, Eltern von ihren Kindern. (...) Waren bis zum 13. August die Fluchtmassen das sprechende Symbol des Unrechtsregimes in der Zone, dann sind es heute Mauern, Stacheldraht und Maschinengewehre."
Der West-Berliner Bürgermeister Franz Amrehn informiert über die Bildung zweier Senats-Sonderkommissionen. Diese Kommissionen sollen dafür Sorge tragen, dass West-Berlin in kurzer Zeit die negativen bildungspolitischen, wissenschaftlichen, sozialen und ökonomischen Folgen des 13. August bewältigt. West-Berlin soll sich in den kommenden Jahren zu einem neuen Zentrum für Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft entwickeln.
Der West-Berliner Senat gibt bekannt, dass der Lohnumtausch für West-Berliner Grenzgänger, die in Ost-Berlin arbeiten, ab dem 1. September eingestellt wird. Betroffen sind rund 13.000 West-Berliner, von denen etwa die Hälfte bei der Reichsbahn arbeitet. Man könne nicht länger erwarten, dass der Senat "aus dem Landesetat die Mittel für den Lohnumtausch aufbringe, der dem Land Berlin nur noch wertlose Ostmark zuführe."
Der Ost-Berliner Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands, Dr. Kurt Scharf, ist zur Wahrnehmung seiner Amtsgeschäfte in West-Berlin im Besitz eines Passierscheines. Bei seiner Rückkehr nach Ost-Berlin wird ihm an der Sektorengrenze der Passierschein und sein DDR-Ausweis abgenommen und die Einreise zu seinem Wohnsitz in Ost-Berlin verweigert. Als Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) sei er der Leiter einer "friedensfeindlichen, illegalen Organisation". Der Rat der EKD protestiert gegen diese Verletzung des auch in der DDR geltenden Rechts auf ungestörte Ausübung des kirchlichen Dienstes. Er zeigt sich empört darüber, "dass solch eine zynische und unredliche Form der praktischen Ausweisung des leitenden Geistlichen der EKD und die Behinderung des bischöflichen Dienstes in unserem Volk möglich ist". Präses Dr. Scharf war als Verweser des Bischofsamts für Ost-Berlin bestimmt worden, nachdem Bischof Otto Dibelius seit dem 13. August 1961 nicht mehr nach Ost-Berlin einreisen durfte.
Die SED-Führung lässt auf dem Brandenburger Tor, dem Symbol für die Einheit Deutschlands, die DDR-Fahne mit Hammer und Sichel hissen. In der "Berliner Zeitung". dem Organ der SED-Bezirksleitung Berlin, heißt es dazu am folgenden Tag, dass "Arbeiter unserer Republik im Ehrenkleid der Nationalen Volksarmee, der Deutschen Volkspolizei und der Kampfgruppen der DDR die Staatsflagge der DDR" auf das Brandenburger Tor gesetzt hätten. Ein Sprecher des West-Berliner Senats kommentiert den Vorgang gegenüber dem "Tagesspiegel" mit den Worten, dass "die Machthaber in der Sowjetzone damit die Annexion Ost-Berlins durch einen symbolischen Akt" zu vollenden suchten.
Eine streng geheime CIA-Studie befasst sich mit "Reaktionen auf mögliche US-Maßnahmen in der Berlinkrise". Eine Seeblockade der Staaten des sowjetisch-chinesischen Blockes durch die USA als eine der möglichen Antworten auf die nach wie vor befürchtete Beschränkung der Zufahrtswege nach Berlin durch die Sowjetunion beurteilt die CIA skeptisch. Eine solche Blockade würde der Einschätzung der Geheimdienstler zufolge die USA und den Westen international isolieren und eine Verurteilung durch die Vereinten Nationen nach sich ziehen. Die Studie zeigt, dass der Westen nach wie vor über keine geeignete militärische Maßnahme unterhalb des Einsatzes von Atomwaffen verfügt, um auf eine Einschränkung seiner Rechte in Berlin zu reagieren.
Pressestimmen Ost:
Unter der Überschrift "Tante Frieda und der Frieden, oder: Bürger der Deutschen Demokratischen Republik und die Westreisen" veröffentlicht das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" einen fiktiven Brief. Darin wird festgestellt, dass niemand guten Gewissens aus der DDR in jenes Land fahren könne, das "eingestandenermaßen keine friedlichen Beziehungen, sondern den Überfall auf die DDR und die sozialistischen Staaten" wünsche. Die DDR sei der der "Staat der Wahrheit und des Friedens", die Bundesrepublik dagegen der "NATO-Staat der Unfreiheit und des Krieges", der sich von Deutschland abgespalten habe.


