Chronik
8. August 1961
In der Zeit vom 8. August 1961, 8.00 Uhr, bis 9. August 1961, 8.00 Uhr, werden im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde 1.741 Flüchtlinge registriert.
Das SED-Politbüro kommt in Ost-Berlin von 10.00 Uhr bis 14.30 Uhr zu seiner regulären Dienstags-Sitzung zusammen. Die Wirtschaft der DDR, so wird beschlossen, "muss bis Ende 1961 unabhängig sein von westdeutschen Lieferungen." Da zudem die Gefahr bestehe, dass beim Abschluss eines Friedensvertrages mit der DDR die NATO ein Handelsembargo gegen die DDR beschließe, sei die Frage zu prüfen, "wie man erreichen kann, dass das Embargo der NATO mithilfe der Kapitalisten unwirksam gemacht wird."
Dem "Spiegel" zufolge melden der Bundesnachrichtendienst sowie die alliierten Geheimdienste ihren Regierungen starke Truppenbewegungen auf Straßen und Schienen der DDR. Am übernächsten Tag warnt der BND die Bundesregierung: Maßnahmen in Berlin gegen den Flüchtlingsstrom seien bald zu erwarten.
Zu den dennoch nach dem 13. August erhobenen Vorwürfen, der BND habe die Ereignisse nicht vorausgemeldet und die Politik nicht gewarnt, nimmt der damalige Präsident des BND, Reinhard Gehlen, in seinen Erinnerungen Stellung: "Ich habe noch im Jahre 1961 eine ausführliche Dokumentation erstellen lassen, aus der zweifelsfrei hervorging, dass der Dienst sehr wohl seine Aufgabe zur rechtzeitigen Unterrichtung der damaligen Bundesregierung erfüllt hatte. In zahlreichen Einzelmeldungen vor dem 13. August war auf die außerordentliche Zuspitzung der Situation an den Übergängen in Berlin hingewiesen worden. (...)
Viele Informationen zeigten in aller Deutlichkeit auf, dass der Zeitpunkt für rigorose Maßnahmen zur Abschnürung nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Als schließlich aus zuverlässigen Quellen berichtet wurde, dass Ulbricht von sowjetischer Seite freie Hand für die Unterbindung der Fluchtwelle gegeben war, blieb nur der Stichtag offen. Eine bevorstehende hermetische Abschließung der Zonengrenze, insbesondere in Berlin, wurde vorher gemeldet, auch über die Lagerung von leichtem Sperrmaterial wurde berichtet.
Es ist später behauptet worden, dass der Aufklärung des Dienstes die Bereitstellung des zum Mauerbau erforderlichen schweren Materials verborgen geblieben sei. Diese Feststellung läßt außer acht, dass die Mauer in ihrer massiven Form erst am Ende einer Operation stand, von der die Initiatoren am Anfang selbst nicht wußten, ob sie gelingen würde."
Im Anschluß an das Pariser Außenministertreffen unterstreicht der Ständige NATO-Rat hinsichtlich Berlins seine bereits in der Erklärung vom 16. Dezember 1958 dargelegte und im Abschlusskommuniqué vom 10. Mai 1961 wiederholte Entschlossenheit, "die Freiheit Westberlins und seiner Bevölkerung zu bewahren."
Der amerikanische Außenminister Dean Rusk, der die Bereitschaft der Vereinigten Staaten mitteilt, sechs weitere Divisionen nach Europa zu fliegen, "wenn die Sowjets eine ernste Kriegs-Krise heraufbeschwören sollten", stellt den Ständigen-NATO-Ratsmitgliedern die Frage, was sie zu tun bereit seien, um die Allianz zu stärken. Rusk drängt darauf, die gegenwärtige NATO-Stärke von 22 Divisionen in Europa auf 30 Divisionen zu erhöhen. Derzeit beabsichtige die US-Regierung noch nicht, die sechs US-Divisionen nach Europa zu transportieren.
Die Deutschen signalisieren zwar ihre grundsätzliche Bereitschaft zu erhöhten Rüstungsanstrengungen. Bundeskanzler Konrad Adenauer möchte aber unter keinen Umständen entsprechende Beschlüsse vor dem 17. September, dem Tag der Bundestagswahl, bekannt geben, um die Wähler nicht durch sichtbare Kriegsvorbereitungen zu verschrecken. Großbritannien verhält sich sehr reserviert, das Land steckt in einer Zahlungsbilanzkrise, hat große wirtschaftliche Schwierigkeiten und kein Geld für eine Erhöhung des Rüstungsetats. Auch Frankreich hält sich bedeckt, noch ist das Algerien-Problem nicht gelöst.
Am Abend empfängt der französische Staatspräsident Charles de Gaulle den amerikanischen Außenminister Dean Rusk. In aller Schärfe prallen die unterschiedlichen Standpunkte zu Berlin-Verhandlungen mit den Sowjets aufeinander. Der französische Staatspräsident lehnt jegliche Verhandlungen über Berlin mit Chruschtschow ab: Wenn die Amerikaner verhandeln wollten, so täten sie das auf eigene Rechnung. De Gaulles Begründung lautet: Um sich mit Chruschtschow zu einigen, müsse man Kompromisse schließen. Entweder werde man kein Verhandlungsergebnis erzielen - oder aber man werde Positionen preisgeben müssen. Wenn man aber Positionen preisgebe, werde die Situation in Berlin immer schwieriger werden, unter Umständen sogar unhaltbar. Und wenn die Verhandlungen schief gingen und Berlin für den Westen verloren gehe, dann würde man auch Deutschland verlieren und Frankreich käme in eine sehr schwierige Lage.


