Chronik
8. Juli 1961
In einer Rede vor Absolventen der sowjetischen Militärakademie appelliert der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow an die Westmächte, Verhandlungen über einen deutschen Friedensvertrag aufzunehmen und bekräftigt erneut, dass die Sowjetunion andernfalls entschlossen sei, die Berlin-Frage einseitig zu lösen. Als Gegenmaßnahme zu Forderungen von Präsident Kennedy nach einer Erhöhung des amerikanischen Verteidigunghausshaltes, kündigt Chruschtschow an, den sowjetischen Verteidigungshaushalt um 3,144 Milliarden Rubel (etwa 14 Milliarden DM) zu erhöhen und die für 1961 geplante Reduzierung der sowjetischen Truppenstärke zurückstellen zu wollen.
US-Präsident John F. Kennedy diskutiert in Cape Cod im engsten Kreis der militärischen und politischen Berater die Lage nach dem Acheson-Gutachten. Der Ausgangspunkt ist: Die USA sind in Europa militärisch zu schwach, um einen konventionellen Landkrieg zu führen. Sollte die Sowjetunion die Zugangswege nach Berlin sperren, würde die NATO es schwer haben, mit konventionellen Mitteln dagegen anzugehen. Entschlossen, "eine größere Auswahl als die zwischen Demütigung und einem totalen Atomkrieg zu haben" verlangt Kennedy von Verteidigungsminister McNamara eine Prüfung der Militärstärke und Vorschläge.
Der "Tagesspiegel" berichtet, dass SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt eine Konferenz über einen Friedensvertrag für Gesamtdeutschland, an der alle 52 Kriegsgegner Deutschlands teilnehmen, für einen "sehr erwägenswerten Gedanken" hält. Brandt habe vor der Presse in Bonn betont, er sehe in einer derartigen Konferenz zwar nicht die einzige Möglichkeit zur Lösung des Deutschland-Problems. Sie böte jedoch die Gelegenheit, von der Themenstellung der Sowjets wegzukommen und sie zu einer Erklärung zu zwingen, wie sie sich zum Selbstbestimmungsrecht der Deutschen stellen.


