Chronik
9. Juli 1961
Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" veröffentlicht eine Anordnung des Ostberliner Polizeipräsidenten, Generalmajor Fritz Eickemeier, vom Vortag, die dem Beschluss des SED-Politbüros vom 7. Juli folgt: "Im Interesse der Gewährleistung von Ruhe und Ordnung und zur Sicherung des Friedens ist der Evangelische Kirchentag in der Hauptstadt der DDR (demokratisches Berlin) verboten. Bekanntlich hat das Präsidium des Kirchentages das großzügige Angebot der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, einen Kirchentag in Leipzig durchzuführen, abgelehnt. Aus zahlreichen Veröffentlichungen wurde bekannt, dass die Vertreter der Militärkirche beabsichtigen, den diesjährigen Kirchentag so wie den letzten Kirchentag in München, als Veranstaltung des kalten Krieges durchzuführen und dadurch die innerdeutsche Situation zu verschärfen." Ferner heißt es: "Angesichts der in diesem Jahre notwendigen internationalen Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit den beiden deutschen Staaten und zur friedlichen Lösung der Westberlinfrage liegt es im Interesse aller friedliebenden und verantwortungsbewussten Kräfte, dass diese der Entspannung dienende Entwicklung nicht durch Provokationen gestört wird."
Der bundesdeutsche Botschafter in Moskau, Hans Kroll, beschreibt in seinem Tagebuch die in Moskau herrschende politische Stimmung: "Die sowjetische Presse und der sowjetische Rundfunk setzen ihren Nervenkrieg in der Berlin-Frage fort. Offenbar hat die enorme Zunahme der Flüchtlingszahlen nicht nur Pankow, sondern auch den Kreml nervös gemacht. Botschafter Thompson (der amerikanische Botschafter in Moskau, d. Hg.) befürchtet, dass man bald etwas gegen diese Massenflucht unternehmen wird. Aber was kann man dagegen tun? Sollte man versuchen, die Lufttransporte zu behindern, so dürfte dies mit Sicherheit zu einer akuten und überaus ernsten Krise führen. Ich fand Botschafter Thompson, aber auch meine Freunde Roberts und Dejean (der britische bzw. französische Botschafter in Moskau, Anm. d. Hg.) selten so besorgt wie jetzt." (Kroll 1967, S. 498)


