Chronik

Mai 1961

Im Mai 1961 flüchten 17.791 Menschen aus der DDR. Davon sind 50 Prozent Jugendliche unter 25 Jahren.

1. Mai: In Washington verdichten sich Erkenntnisse über mögliche DDR-Maßnahmen zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms. Ein Abteilungsleiter des DDR-Außenministeriums, der sich in den Westen abgesetzt hat und in die USA ausgeflogen wird, berichtet, dass in Ost-Berlin seit Januar 1961 konkrete Planungen zur Unterbindung der Fluchtbewegung stattfinden. Zu den vorbereiteten Varianten gehöre auch der Bau einer Mauer entlang der Sektorengrenze. Auch der Bundesnachrichtendienst (BND) bleibt nicht uninformiert: eine Quelle im Hauptquartier der GSSD in Wünsdorf bei Berlin informiert ihn über den aktuellen Stand der militärischen Vorbereitungen.

2. Mai: Im Beisein des Oberbefehlshabers der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) werden auf einer Sitzung des Obersten Verteidigungsrates in Moskau notwendige militärische Maßnahmen für den Fall einer neuen Berlinkrise beraten. Die sowjetischen Truppen in der DDR sollen verstärkt und mit einer besseren Bewaffnung sowie moderneren Kommunikationsmitteln ausgerüstet werden. Einen Tag später beschließt der Nationale Verteidigungsrat der DDR im Hinblick auf eine mögliche Abriegelung West-Berlins, dass zwei neue Verbände ("Sicherungskommando" und "Brigade Berlin") aufgestellt werden. Am 5. Mai wird eine Verstärkung der Personenkontrollen auf den Zufahrtswegen nach Berlin angeordnet.

5. Mai: Nach einigen Startschwierigkeiten gelingt auch den Amerikanern ein bemannter Weltraumflug. Den insgesamt 15 Minuten dauernden Flug des Astronauten Alan B. Shepard nimmt US-Präsident Kennedy zum Anlass, um am 25. Mai zu verkünden, dass die USA am Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen und auch wieder heil zurückbringen würden. Amerika fordert die führende Raumfahrtmacht Sowjetunion zu einem Wettlauf zum Mond heraus. Beide Weltmächte setzen dafür kostenintensive wissenschaftlich-technische Programme in Gang.

8. Mai: In Oslo beginnt die Frühjahrstagung des Ministerrats des Nordatlantischen Bündnisses (NATO). Die Außenminister der drei Westmächte bekräftigen ihre Überzeugung, "dass eine friedliche und gerechte Lösung des deutschen Problems einschließlich Berlins nur auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts gefunden werden kann". Die Westmächte sind entschlossen, "die Freiheit West-Berlins und seiner Bevölkerung zu wahren." Die Sowjetunion könne durch einen separaten Friedensvertrag mit der DDR nicht die alliierten Regelungen über Berlin aufkündigen, sondern müsse weiterhin ihren Verpflichtungen nachkommen.

13. Mai: In einer RIAS-Rundfunkansprache beschäftigt sich der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, mit der Flucht aus der DDR: "Wenn Millionen Menschen mitten im Frieden bei Nacht und Nebel ihre Heimat fluchtartig und unter Zurücklassung von Hab und Gut verlassen, dann müssen die Verhältnisse unerträglich sein. Hier geht es um eine ununterbrochene flagrante Verletzung von Menschenrechten."

19. Mai: Der sowjetische Botschafter in Ost-Berlin, Michail Perwuchin, informiert Außenminister Gromyko über Bestrebungen in der SED-Führung, entgegen der sowjetischen Linie die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin sofort zu schließen. Der entscheidende Satz seines Schreibens lautet: "Die Freunde [gemeint ist die SED-Führung, d. Vf.] möchten jetzt über die Sektorengrenze zwischen dem demokratischen Berlin und West-Berlin eine Kontrolle verhängen, die es ihnen ermöglicht, ‚das Tor zum Westen zu schließen’, wie sie es nennen, den Exodus der Bevölkerung aus der Republik zu verringern und den Einfluss der ökonomischen Verschwörung gegen die DDR zu schwächen, der unmittelbar von West-Berlin ausgeht."

24. Mai: Eine interne Analyse des SED-Sicherheitsapparates kommt zu dem Ergebnis, dass die Flucht aus der DDR vielfältige Ursachen hat: politische Gründe ("Unglaube an die Richtigkeit der Politik der Partei und Regierung"), verwandtschaftliche Beziehungen und persönliche Gründe wie die Hoffnung auf ein besseres, leichteres, freieres Leben im Westen, Abenteuerlust bei Jugendlichen. 95 Prozent der Flüchtlinge benutzten den Weg über West-Berlin. Die DDR-Sicherheitsorgane allein könnten mit diesen Problemen nicht fertig werden.

26. Mai: Auf einer Präsidiumssitzung des KPdSU-Zentralkomitees erklärt Nikita Chruschtschow, dass es in der Berlinfrage vor allem darum gehe, den Flüchtlingsstrom zu stoppen und das Besatzungsregime der Westmächte in der Stadt zu beenden. Das bedeute aber nicht, so Chruschtschow, West-Berlin anzugreifen oder wieder zu blockieren. Vielmehr solle der Luftverkehr nach West-Berlin unterbrochen und zugleich angeboten werden, dass die Maschinen auf DDR-Flugplätzen bei Berlin landen könnten und dort die Kontrollen durch die DDR stattfinden sollten. Damit wären nach Ansicht Chruschtschows die Voraussetzungen geschaffen, um den bisher unkontrollierbaren Transit der DDR-Flüchtlinge von West-Berlin in die Bundesrepublik zu beenden und zugleich das Besatzungsrecht der Westmächte in Berlin auszuhebeln.

27. Mai: Ein 28-jähriger Geisteswissenschaftler aus Greifswald, der in den Westen geflohen ist, schildert die Zwangssituation, der Wissenschaftler durch die Ausrichtung jeglicher Forschungsarbeit auf die Erfordernisse des "sozialistischen Aufbaus" in der DDR ausgesetzt sind.

28. Mai: In einem von N. Poljanow namentlich gekennzeichneten Artikel in der sowjetischen Tageszeitung "Iswestija" unterstreicht der Autor die Forderung nach einem Friedensvertrag mit dem Hinweis, dass Berlin "einer Pistole" gleiche, "die auf die Brust der sozialistischen Staaten gerichtet" sei.

31. Mai: Auf dem Weg zu seiner Begegnung mit Nikita Chruschtschow am 4. Juni in Wien trifft US-Präsident Kennedy in Paris zu einem Gespräch mit dem französischen Staatspräsidenten ein. Weil der Westen in Berlin selbst militärisch hoffnungslos unterlegen sei, plädiert Charles de Gaulle dafür, gegenüber Chruschtschow Härte zu demonstrieren. Dem KPdSU-Chef müsse klargemacht werden, dass eine begrenzt gedachte sowjetische Militäraktion in Berlin zum großen Krieg, gegebenenfalls auch zum Atomkrieg führen werde.