10. Fluchthilfe
In West-Berlin bilden sich nach der Grenzschließung zahlreiche Fluchthelfergruppen. Häufig sind es ehemalige Flüchtlinge, die ihre Familienangehörigen, Freunde und Bekannten in den Westen nachholen wollen. Anfangs stammen die meisten Fluchthelfer aus dem Umfeld der West-Berliner Universitäten. Für Kommilitonen, die durch den Mauerbau von ihren Studienplätzen im Westen abgeschnitten sind, suchen sie undichte Stellen in den Sperranlagen und Wege durch die unterirdische Kanalisation, spüren Lücken im Kontrollsystem der Grenzübergänge auf, fälschen Pässe, bauen Verstecke in Fahrzeugen und graben Tunnel unter der Sektorengrenze.
Der Ausbau der Sperranlagen und des Kontrollsystems an den Übergängen erzwingt die ständige Entwicklung neuer und immer aufwendigerer Fluchtwege. Und mit dem Aufwand steigen die Kosten. Schon 1962/63 werden Fluchtwilligen nicht selten zwischen drei und fünf Tausend D-Mark in Rechnung gestellt.
Gerade weil die große Politik hilflos und ohnmächtig auf den Mauerbau reagiert, finden Fluchthilfeaktionen in der Bevölkerung begeisterte Zustimmung. Politiker, aber auch Geheimdienste und Polizei, unterstützen sie zunächst. Doch mit Beginn der Entspannungspolitik setzt ein Wandel ein: die Politik geht auf Distanz und betrachtet Fluchthilfe zunehmend als Störfaktor für das Verhandlungsklima zwischen Ost und West.
Seit Mitte der 1960er Jahre professionalisiert sich die Fluchthilfe immer mehr. Zunächst wird sie auf die Grenzen mittelosteuropäischer Länder zum Westen erweitert. Dann erfährt sie 1972 durch das Transitabkommen zwischen der DDR und der Bundesrepublik vorübergehend neuen Aufschwung. Doch mit der immer lückenloseren Überwachung der Transitstrecken, der Einschleusung von Spitzeln und durch Mordanschläge auf Fluchthelfer gelingt es der Staatssicherheit im Verlauf der 1970er Jahre, die Oberhand zu gewinnen. Die stärkere Genehmigung von Ausreisen durch die DDR-Behörden seit 1984 und die sich anschließende Ausreisebewegung entziehen der Fluchthilfe weitgehend die Grundlage.
Mehreren tausend Menschen verhelfen Fluchthelfer zur Freiheit. Viele, die verraten werden und in die Fänge der Staatssicherheit geraten – Fluchtwillige und Fluchthelfer – zahlen einen hohen Preis: zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, bleibt ihnen im Gefängnis nur die Hoffnung, von der Bundesregierung freigekauft zu werden.



