"Touristen wieder in die CSSR", Neues Deutschland, 2. November 1989
Aufgrund des Drucks der Bevölkerung wird der pass- und visafreie Reiseverkehr von der DDR in die CSSR wieder zugelassen. Erneut strömen DDR-Bürger in die bundesdeutsche Botschaft in Prag, um ihre Ausreise in die Bundesrepublik zu erwirken.
"In eigener Sache", Neues Deutschland, 3. November 1989
Das "Neue Deutschland" entschuldigt sich bei seinen Lesern für seinen Bericht vom 21. September 1989 über die angebliche Entführung eines Mitropa-Kochs von Budapest in die Bundesrepublik.
Mitteilung der DDR-Botschaft in Prag, Neues Deutschland, 4./5. November 1989
Am Morgen erteilt die Prager DDR-Botschaft dem SED-Politbüro-Beschluss vom Vorabend gemäß DDR-Bürgern das für eine Ausreise in die Bundesrepublik erforderliche Visum mit der Zusicherung, dass davon die Staatsbürgerschaftsfrage nicht berührt sei; jeder ausgereiste DDR-Bürger könne in die DDR zurückkehren.
Hans-Hermann Hertle, 6. November 1989: Empörung über den Reisegesetzentwurf
Statt politischen Druck wegzunehmen, heizte die Vorlage des Reisegesetz-Entwurfs die kritische Stimmung zusätzlich an. Wann je zuvor hatte eine DDR-Regierung das Volk schon einmal um Verständnis gebeten? Mußte nicht allein die Tatsache dieser Bitte die Untertanen stutzig, wenn nicht mißtrauisch machen?
Entwurf des Gesetzes über Reisen von DDR-Bürgern ins Ausland, 6. November 1989
Die SED-Führung veröffentlicht den angekündigten Reisegesetz-Entwurf. Der Gesamtreisezeitraum ist auf dreißig Tage pro Jahr beschränkt. Er enthält "Versagungsgründe", die nicht eindeutig und nachprüfbar definiert sind und der Behördenwillkür großen Spielraum lassen. Die Finanzierung der Reisen bleibt ungelöst.
Hans-Hermann Hertle, 7. November 1989: Suche nach einer Ausreiseregelung
Das Neiber-Papier sah vor, daß die Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter Visa zur ständigen Ausreise über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. West-Berlin unverzüglich erteilen sollten. Von einem gemeinsamen Willen zur schnellen Einführung einer generellen Reisefreiheit konnte somit am 7. November keine Rede sein.
Schreiben von Alexander Schalck-Golodkowski an SED-Generalsekretär Egon Krenz, 7. November 1989
Wenn die DDR materielle und finanzielle Unterstützungsleistungen der Bundesrepublik in Anspruch nehmen wolle, solle sie willens sein, "öffentlich durch den Staatsratsvorsitzenden zu erklären, dass die DDR bereit ist, die Zulassung von oppositionellen Gruppen und die Zusage zu freien Wahlen in zu erklärenden Zeiträumen zu gewährleisten.
Hans-Hermann Hertle, 8. November 1989: Das Ultimatum der CSSR
Bei der Regierung der CSSR und im ZK der Kommunistischen Partei, so hält ihm der stellvertretende CSSR-Außenminister Sadovsky vor, stapelten sich Anfragen und Eingaben der Bevölkerung aus Nord- und Westböhmen, in denen Unverständnis darüber geäußert werde, dass die Ausreise von DDR-Bürgern in die BRD seit dem 3. November über das Territorium der CSSR abgewickelt werde.
Bericht der Bundesregierung zur Lage der Nation im geteilten Deutschland, 8. November 1989
In der Debatte des Bundestages zur Lage der Nation macht Bundeskanzler Helmut Kohl seinen am Tag zuvor bereits von Rudolf Seiters über Alexander Schalck an die SED-Spitze übermittelten Forderungskatalog öffentlich: Wenn die SED auf ihr Machtmonopol verzichte, unabhängige Parteien zulasse und freie Wahlen verbindlich zusichere, sei er bereit, "über eine völlig neue Dimension unserer wirtschaftlichen Hilfe zu sprechen."
Hans-Hermann Hertle, 9./10. November 1989: Grenzübergang Sonnenallee: Massenabfertigung
Der Grenztruppen-Kommandant des Übergangs Sonnenallee, der den Grenzverkehr zwischen dem Ost-Berliner Stadtteil Treptow und dem West-Berliner Bezirk Neukölln regulierte, stand offenbar als einziger GÜST-Kommandant in Verbindung mit seinen Kollegen in der Bornholmer Straße. Die Entscheidungen am Treptower Übergang scheinen parallel zu denen in der Bornholmer Straße getroffen worden zu sein; möglicherweise erfolgte der Verzicht auf Kontrollen hier sogar etwas früher.
Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989, 18.00 Uhr: Schabowskis Auftritt
Trotz der nochmaligen Lektüre seines "Zettels" hätte die Konfusion Schabowskis größer nicht sein können. Einerseits bejahte er, daß die neue Regelung Reisefreiheit bedeute; andererseits betonte er im nächsten Satz, es gehe nicht um Tourismus, sondern lediglich um die Erlaubnis, die DDR zu verlassen, also um die ständige Ausreise.
Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989, 12.30 Uhr: Beschluss der geplanten Reiseverordnung durch den DDR-Ministerrat im Umlaufverfahren
Das Problem an diesem Nachmittag war, daß 29 der 44 Minister nicht in ihren Ministerien zu erreichen waren, sondern als Mitglieder bzw. Kandidaten des ZK an dessen Beratung teilnahmen. [...] So wenig wie der Wissenschaftsminister und der Kulturminister wußten auch Chemieminister Günther Wyschofsky und mit ihnen 25 weitere Minister, daß sie, während sie im ZK saßen, im Begriff waren, einen Ministerratsbeschluß zu fassen.
Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989, 12:00 Uhr: SED-Politbüro beschließt neue Reiseverordnung
Hans Modrow, im Begriff, die Regierungsverantwortung zu übernehmen, war gedanklich schon mit seiner nach der Pause anstehenden programmatischen ZK-Rede beschäftigt. Daß es um Ausreisen und Reisen ging, erinnert sich Modrow, habe er schon verstanden. Allerdings sei er davon ausgegangen, "daß es sich um einen Vorgang handelt, der einen geregelten Ablauf hat und nicht eine spontane Situation erzeugt".
Hans-Hermann Hertle, 9. November 1989: Konfusion in der militärischen Führung der DDR
Den meisten Mitgliedern des Kollegiums des Ministeriums für Nationale Verteidigung blieb die Tragweite der Entwicklung an der Grenze während der Sitzung verborgen. Trotz der Telefonate von Streletz und Baumgarten und den sich kreuzenden Informationen aus dem MfS und den Grenztruppen, "die zum Teil bei ihrem Eintreffen schon überholt waren", kam es "nicht einmal zu einem Versuch, die Lage im Kollegium zu erörtern", geschweige denn zu einer gemeinsamen Beurteilung der Lage.
Hans-Hermann Hertle, 9./10. November 1989: Brandenburger Tor – Tanz auf der Mauer
Als um Mitternacht alle Übergänge für einen unkontrollierten Reiseverkehr offen standen, rechneten weder Volkspolizei noch Staatssicherheitsdienst oder Grenztruppen damit, daß das Brandenburger Tor eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf die Berliner ausüben würde.
"Fassen Sie Vertrauen!", Neues Deutschland, 9. November 1989
In der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens richtet die Schriftstellerin Christa Wolf am Abend des 8. November einen Appell an alle Ausreisewilligen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen und in der DDR zu bleiben.
Telegramm von Egon Krenz an Michail Gorbatschow, 10. November 1989
Egon Krenz rechtfertigt in einem Telegramm nach Moskau die Ereignisse der letzten Stunden. "Eine Nichtzulassung der Ausreisen nach Berlin (West) hätte auch zu schwerwiegenden politischen Folgen geführt". Mittlerweile wäre aber die Visumspflicht wieder hergestellt, schreibt er nicht ganz der Wahrheit entsprechend.
Mündliche Botschaft Michail Gorbatschows an Helmut Kohl, 10. November 1989
Der sowjetische Botschafter in Bonn übermittelt eine mündliche Botschaft an einen Berater Helmut Kohls. Darin bittet er den Bundeskanzler, "die notwendigen und äußerst dringlichen Maßnahmen zu treffen, damit eine Komplizierung und Destabilisierung der Situation nicht zugelassen wird."
Erklärung des Neuen Forum zum Mauerfall, 12. November 1989
Das Neue Forum ruft dazu auf, die durch die Grenzöffnung zu befürchtenden negativen wirtschaftlichen Folgen nicht hinzunehmen und appelliert an die Bürgerinnen und Bürger: "Lasst Euch nicht von den Forderungen nach einem politischen Neuaufbau der Gesellschaft ablenken!"
Schreiben von Heinz Keßler an Egon Krenz, 13. November 1989
Wie würde sich die sowjetische Armeeführung in Ost-Berlin verhalten? Wie stehen die Westmächte zu den Entwicklungen der letzten Tage? Der DDR-Verteidigungsminister Keßler berichtet Egon Krenz über die Standpunkte "in dieser komplizierten Periode".
Rede von Stasi-Minister Erich Mielke in der DDR-Volkskammer, 13. November 1989
Wir haben also in dieser Beziehung tatsächlich das Wichtigste gesehen: Erhaltung des Friedens, Stärkung der Wirtschaftskraft unserer Deutschen Demokratischen Republik, darauf zu achten, daß unsere Werktätigen ihre Sorgen und Note mitteilen können. Viele wissen doch, daß sie mit uns gesprochen haben, damit wir das weitergeben können, damit das Beachtung findet.
Aufruf "Für unser Land", Neues Deutschland, 26. November 1989
Stefan Heym stellt am 28. November den Aufruf "Für unser Land" öffentlich vor. Er beinhaltet ein Plädoyer für einen reformierten Sozialismus und gegen die Vereinnahmung der DDR durch die Bundesrepublik.