Chronik

Dezember 1961

Im Dezember 1961 werden in West-Berlin und in der Bundesrepublik 2.420 Flüchtlinge aus der DDR registriert.

Am Tag nach der Zugflucht vom 5. Dezember 1961: Demontage von Gleisen und Errichtung von Sperren auf der Schienenstrecke zwischen Albrechtshof (DDR) und dem West-Berliner Bezirk Spandau, Januar 1962

5. Dezember: Gegen 20.50 Uhr durchfährt ein aus Richtung Oranienburg-Falkensee kommender Dampfzug den ostzonalen Endbahnhof Albrechtshof, passiert die Grenze in Höhe Finkenkruger Weg und hält auf West-Berliner Gebiet. Lokführer Harry Deterling und sein Heizer Hartmut Lichy haben die Flucht gemeinsam verabredet und fluchtwillige Verwandte und Freunde informiert. 25 Passagiere bleiben im Westen, sieben Fahrgäste kehren freiwillig nach Ost-Berlin zurück. Der Dampfzug wird von einer DDR-Lok in den Osten zurückgezogen. Am nächsten Tag wird die Eisenbahnstrecke unterbrochen. Schienen werden herausgerissen und Sperren errichtet. Der Interzonenzug von Berlin nach Hamburg wird über die Bahnhöfe Wannsee und Griebnitzsee umgeleitet.

Willy Brandt während der Aussprache des Deutschen Bundestages über die Regierungserklärung, 6. Dezember 1961

6. Dezember: In der Aussprache zur Regierungserklärung konstatiert der bei der Bundestagswahl unterlegene Kanzlerkandidat und Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, das Scheitern der bisherigen Wiedervereinigungspolitik. Man müsse sich, so Brandt, verstärkt "den Menschen in der Zone" zuwenden. Die bevorstehenden internationalen Verhandlungen würden darüber entscheiden, "ob für Deutschland die Voraussetzung für eine andere Art des Verhältnisses zur Sowjetunion gegeben sind" - wovon letztes Endes die Möglichkeit der Wiedervereinigung abhänge.

Verstärkung der Sperranlagen am Grenzübergang Checkpoint Charlie, Ende 1961

6. Dezember: Rückwirkend ab dem 30. November 1961 gelten in der DDR "Neue Regelungen für Geschenksendungen". Pakete und Päckchen, in denen gebrauchte Textilien und Schuhe enthalten sind, werden fortan nur dann an den Empfänger in der DDR weitergeleitet, wenn eine Desinfektionsbescheinigung der westdeutschen Landesgesundheitsämter vorliegt. Ein Merkblatt für den Postversand von Geschenkpaketen in die Sowjetzone, vom West-Berliner Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen im November herausgegeben, ist in diesem Punkt schon überholt. Der Versand von Medikamenten ist bereits seit Ende Oktober verboten.

Blick vom Westen auf den Grenzübergang Bornholmer Straße, Aufnahme Januar 1962

8. Dezember: An den sieben Grenzübergängen von Ost- nach West-Berlin werden auf östlicher Seite Schlagbäume errichtet, "im Interesse eines ordnungsgemäßen Grenzverkehrs", wie es in einer Mitteilung des DDR-Innenministeriums heißt. Auch Schilder mit dem DDR-Staatsenblem sollen den Eindruck einer Staatsgrenze optisch hervorheben. – In den Tagen zuvor sind die Grenzübergänge bereits verengt und mit zusätzlichen Betonmauern, Panzersperren und Drahtverhauen gesichert worden. Die Sperranlagen in und um die Stadt herum werden durch die Anlage von Sicherungsstreifen und Erdbunkern sowie die weitere Errichtung von Beobachtungstürmen ausgebaut. Seit dem 13. August hat die West-Berliner Polizei den Neubau von 57 Türmen registriert.

Studentenausweis von Dieter Wohlfahrt

9. Dezember: Der 20-jährige österreichische Student Dieter Wohlfahrt betätigt sich zusammen mit Gleichgesinnten als Fluchthelfer für DDR-Bürger. Am 9. Dezember durchschneiden sie an der Grenze zu Staaken zwei Stacheldrahtzäune, um der Mutter einer Bekannten die Flucht zu ermöglichen. Doch das Vorhaben muss verraten worden sein; Grenzpolizisten lauern den Fluchthelfern auf und eröffnen das Feuer. Eine Kugel trifft Dieter Wohlfahrt in die Brust. Fast eine Stunde lang lassen die Grenzpolizisten den Schwerverletzten im Grenzstreifen liegen, ohne Hilfe zu leisten. Dieter Wohlfahrt verblutet.

Blick auf den Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße, 1961

In West-Berlin erhebt sich Protest, weil auch britische Militärpolizei und West-Berliner Polizisten dem Verblutenden nicht halfen. Von DDR-Seite wird behauptet – und von seinen Freunden dementiert, dass Wohlfahrt bewaffnet gewesen sei und die Grenzpolizei beschossen habe. RIAS-Reporter befragen Augenzeugen und gehen dem Wahrheitsgehalt der DDR-Berichterstattung nach.

9. Dezember: Bundeskanzler Konrad Adenauer versucht den französischen Staatspräsidenten bei einem Treffen in Paris von der Notwendigkeit zu überzeugen, in Verhandlungen mit der Sowjetunion einzutreten. Adenauer zufolge erwidert de Gaulle: "Wenn man beginne, mit der Sowjetunion zu verhandeln, habe man schon nachgegeben, und zwar nur, weil die Sowjets es gefordert haben." Macmillan strebe eine Übereinkunft mit der Sowjetunion an, deren Inhalt ihm gleichgültig wäre, weil er "wegen Berlin einfach keinen Ärger mehr haben wolle. (...) Das liefe aber darauf hinaus, daß England das zu akzepieren wünsche, was Rußland fordere." Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, sei, dass Frankreich sich Verhandlungen verweigere. Als Adenauer fordert, Frankreich dürfe sich "nicht desinteressieren", erregt sich de Gaulle und spricht Adenauer das Recht zu dieser Feststellung ab. "Wenn Berlin noch in den Händen des Westens sei", so de Gaulle, "so sei es weitgehend auf seine Einstellung zurückzuführen" – nämlich nicht zu verhandeln. "Wenn England, Amerika und die Bundesrepublik bereit seien, Berlin herzugeben, könne Frankreich sich dem nicht widersetzen, aber es wolle daran keinen Anteil haben."

Gedenkkreuz für Ingo Krüger am Berliner Reichstagsgebäude, Aufnahme 2005

10. Dezember: Der 21-jährige Ingo Krüger, der durch den Mauerbau von seiner West-Berliner Verlobten getrennt ist, ertrinkt bei einem Fluchtversuch im eiskalten Wasser der Spree. Sieben Wochen später berichtet eine mittlerweile nach West-Berlin geflohene Augenzeugin im RIAS über die tödliche Flucht.

11. Dezember: Im Distriktsgericht von Jerusalem beginnt die Verlesung der Schuldspruchbegründung im Prozess gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Am 15. Dezember wird Eichmann wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschheit und Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt.

13. Dezember: Tausende DDR-Bürger, die gegen den Bau der Mauer protestiert oder einen Fluchtversuch gewagt haben, sind seit dem 13. August 1961 inhaftiert worden. Die DDR-Gefängnisse sind voll wie selten zuvor. Selbst für die DDR-Staatssicherheit gibt es zu viele Gefangene. Im "Kollegium", dem Führungsorgan des Ministeriums für Staatssicherheit, fordert Stasi-Minister Erich Mielke: "Wir müssen dazu übergehen, durch neue Methoden in Zusammenarbeit mit der Partei und den gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen die feindliche Tätigkeit zu unterbinden. Es ist nicht möglich, die gegenwärtig hohe Zahl von Festnahmen noch länger beizubehalten."

Der Krieg der Lautsprecher an der Berliner Mauer währt einige Jahre: Einsatz eines Lautsprecherwagens der DDR-Grenzpolizei, Aufnahme Mai 1962

14. Dezember: Der Propagandakrieg an der Mauer erreicht eine neue Qualität. Auf der Ostseite wird eine "Lärmoffensive" (RIAS) gegen West-Berlin gestartet. Mit ohrenbetäubendem Lautsprecherkrach werden die Bewohner in West-Berlin seit den Morgenstunden terrorisiert. Die "Offensive" ist aber nur von kurzer Dauer: Auf Ost-Berliner Seite befinden sich in unmittelbarer Nähe der Mauer DDR-Ministerien, das Regierungskrankenhaus, die Charité sowie andere wichtige öffentliche Einrichtungen, die gleichfalls unter der Lärmoffensive leiden.

15. Dezember: Im Abschlusskommuniqué der Tagung des NATO-Ministerrates bekräftigen die Minister ihre Entschlossenheit, "die Freiheit West-Berlins zu schützen und zu verteidigen und seiner Bevölkerung die Bedingungen für ein Leben in Freiheit und Wohlstand zu sichern. Die Westmächte informieren den Rat über ihre Absicht, erneut diplomatische Kontakte mit der Sowjetunion aufzunehmen, um zu prüfen, ob eine Verhandlungsgrundlage gefunden werden kann. Nach eingehender Erörterung stellt der NATO-Ministerrat fest, "daß die Allianz ihren entschlossenen Kurs weiterverfolgen und dabei Stärke und Zielstrebigkeit mit der Bereitschaft verbinden muß, Lösungen auf friedlichem Wege zu erreichen".

Aktion

17. Dezember: In West-Berlin werden am späten Nachmittag entlang der innerstädtischen Mauer Kerzen an mehr als 1.000 Weihnachtsbäumen entzündet. Die Aktion Licht an die Mauer soll die Verbundenheit aller Deutschen an den Weihnachtstagen unterstreichen. DDR-Grenzpolizisten bewerfen die Weihnachtsbäume an den folgenden Tagen mehrfach mit Steinen.

22. Dezember: Auf den Bermudas kommen der amerikanische Präsident John F. Kennedy und der britische Premierminister Harold Macmillan überein, Schritte zur Erneuerung der diplomatischen Kontakte mit der Sowjetunion zu unternehmen, um herauszufinden, "ob für Verhandlungen über Berlin eine vernünftige Grundlage gefunden werden kann".

31. Dezember: Heinrich Krone, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bis September 1961 und seit November Bundesminister für besondere Aufgaben, notiert in sein Tagebuch: "Es bleibt bei dem geteilten Deutschland. Noch lange. Der Westen findet sich mit dem geteilten Deutschland ab. Wir müssen ihn daran erinnern, daß es in den mit ihm abgeschlossenen Verträgen anders lautet. Sie steigen aus den Verträgen auch nicht aus; doch es ist keine Kraft in dem Wort Wiedervereinigung, Selbstbestimmungsrecht. Man sucht Koexistenz auf dem Boden des Status quo. Wir müssen der Welt immer wieder sagen, daß der Weltkommunismus keine Koexistenz kennt."