Chronik

Oktober 1961

Bernd Lünser springt am 4. Oktober 1961 vom Dach dieses Hauses in der Bernauer Straße 44 in den Tod: Er verfehlt das Sprungtuch der West-Berliner Feuerwehr

Im Oktober 1961 werden in West-Berlin und in der Bundesrepublik 5.366 Flüchtlinge aus der DDR registriert.

3. Oktober: Ein ganzes Dorf flüchtet aus der DDR in die Bundesrepublik: Die Bewohner von Böseckendorf im Harz machen sich in der Nacht zum 3. Oktober auf den Weg über die Grenze: 16 Familien mit 22 Kindern, insgesamt 53 Menschen, gelangen bei Duderstadt wohlbehalten in die Bundesrepublik. Kurz zuvor hat die SED-Führung eine Aussiedlungsaktion (Aktion "Festigung") aus dem Grenzgebiet zur Bundesrepublik befohlen. Etwa 3.000 Menschen, darunter rund 1.000 Kinder, müssen innerhalb weniger Stunden ihre Häuser und Dörfer verlassen. Sie dürfen nur "lebensnotwendiges Inventar" und "besondere Liebhabereien" ("Aquarien, Hunde usw.") mitnehmen.

Gedenkkreuz für Bernd Lünser an der Sektorengrenze in Berlin-Wedding, Bernauer Straße (Aufnahme: 1962)

4. Oktober: Der 22-jährige Bernd Lünser will sich am Abend des 4. Oktober in der Bernauer Straße mit einem Wäscheseil in den Westteil von Berlin abseilen. Doch sein Fluchtvorhaben wird bemerkt. Grenzpolizisten eröffnen das Feuer. Erstmals gibt die West-Berliner Polizei einem Flüchtenden Feuerschutz; im Feuergefecht wird ein Grenzpolizist verletzt. Um seinen Häschern zu entkommen, springt Bernd Lünser in höchster Not vom Dach eines fünfstöckigen Hauses in die Tiefe, verfehlt das von der West-Berliner Feuerwehr bereitgehaltene Sprungtuch knapp und verstirbt auf der Straße.

Montage von Y-Abweisern in die Mauer (Berlin-Kreuzberg, Leuschnerdamm), Oktober 1961

5. Oktober: Der Ausbau der Sperranlagen und die Arbeiten zur Errichtung eines 100 Meter breiten Todesstreifens am Berliner Außenring werden fortgesetzt.

5. Oktober: Erneut endet ein Fluchtversuch in Berlin tödlich. Der 25-jährige Udo Düllick, von Grenzpolizisten beschossen und zum Tauchen gezwungen, ertrinkt im kalten Wasser der Spree zwischen Berlin-Friedrichshain und Berlin-Kreuzberg, nahe der Oberbaumbrücke. Augenzeugen berichten von mehreren Flüchtlingen, was sich jedoch nicht bestätigt. Am Gröbenufer, auf der Westseite der Spree, protestieren West-Berliner gegen die Unmenschlichkeit der DDR-Grenzwärter und errichten ein Mahnmal für den zunächst "unbekannten Flüchtling".

Stacheldraht als Krönung der Mauer (Berlin-Kreuzberg, Prinzenstraße), Oktober 1961

5. Oktober: Der Beschluss der amerikanischen Regierung, den West-Berliner Sender RIAS mit 300.000 Dollar zu unterstützen, stößt auf ein geteiltes Echo. "In einem wirklich freien Berlin" sei der RIAS ein Beweis dafür, heißt es im West-Berliner "Tagesspiegel", "daß die Schutzmächte ihre Verantwortung ernstnehmen und ein Beispiel dafür setzen, daß sie mit einem freien Gemeinwesen auch die Meinungs- und Redefreiheit (...) verteidigen." Für das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" gehört der RIAS hingegen zu den "größten und unerhörtesten Ärgernissen": "ein amerikanischer Sender mitten im Gebiet der DDR, der dem einzigen Zweck dient, gegen eben diese DDR, den Friedensstaat in Deutschland, zu hetzen und zu lügen, Anweisungen an Agenten und Gerüchte zu verbreiten, den Bürgerkrieg zu organisieren und die friedliche Arbeit zu desorganisieren".

Grenzpolizisten zerstören eine Laubenkolonie, um freies Schussfeld zu schaffen (Aufnahme: Sept./Oktober 1961)

6. Oktober: Mit Befehl 76/61 erlässt der DDR-Minister für Nationale Verteidigung, Armeegeneral Heinz Hoffmann, "Bestimmungen über den Schußwaffengebrauch für das Kommando Grenze der Nationalen Volksarmee". Danach ist an der innerdeutschen Grenze die Schußwaffe anzuwenden "zur Festnahme von Personen, die sich den Anordnungen der Grenzposten nicht fügen, indem sie auf den Anruf "Halt - Stehenbleiben - Grenzposten" oder nach Abgabe eines Warnschusses nicht stehenbleiben, sondern offensichtlich versuchen, die Staatsgrenze der DDR zu verletzen und keine andere Möglichkeit der Festnahme besteht (...)."

Grenzpolizisten legen im Todesstreifen zu West-Berlin (Neukölln) eine Sprengladung, um Gräben auszuheben, 24. Oktober 1961

9. Oktober: US-Senator Jacob Javits überbringt Bundeskanzler Adenauer eine Botschaft, die die amerikanischen Verpflichtungen gegenüber Berlin und der NATO bekräftigt. Auf einer Pressekonferenz erklärt Javits, dass die erste Verteidigungslinie für die USA im freien Europa liege und die Freiheit West-Berlins bewahrt werden müsse. Am gleichen Tag äußert sich auch der Regierende Bürgermeister Willy Brandt auf einer Pressekonferenz über seine Reise nach New York (5. bis 8. Oktober 1961). Brandt folgte einer Einladung der US-Organisation Freedom House und nahm als erster Deutscher die Freiheitsmedaille entgegen.

Sprengung zur Schaffung eines Grabens im Todesstreifen zu West-Berlin, 24. Oktober 1961

12. Oktober: Auf die Frage, ob er noch einmal auf den Einsatz von Gewalt gegen den Mauerbau verzichten oder eine andere Entscheidung treffen werde, antwortet US-Präsident John F. Kennedy auf einer Pressekonferenz: "Wie Sie wissen, stehen Ost-Berlin und Ostdeutschland bereits effektiv seit 1947 und 1948 unter der Kontrolle der Sowjetunion. Es gab hierbei keine Vier-Mächte-Kontrolle; sie (die Sowjets) haben dieses Gebiet kontrolliert. Es gibt viele Dinge, die in Osteuropa geschahen, die wir (...) für völlig unbefriedigend halten, nämlich die Verweigerung der Grundfreiheiten, die Verweigerung der politischen Freiheit, der nationalen Unabhängigkeit und all die anderen Dinge. Dies ist eine Frage von gleichem Interesse wie das Vorgehen, das Sie beschrieben.

Trauerkundgebung für Udo Düllick an der Sektorengrenze in Berlin-Kreuzberg, Spreeufer, 7. Oktober 1961

Dies sind Gebiete, die die Sowjetunion seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, seit über 16 Jahren, besetzt gehalten hat." Mit dem sowjetischen Außenminister Gromyko seien in den zurückliegenden Woche keinerlei Verhandlungen, sondern lediglich "Erkundungsgespräche" über die Berlin-Frage geführt worden, die die Meinungsunterschiede klarer gemacht hätten. Die Gespräche würden fortgesetzt.

12. Oktober: An der innerdeutschen Grenze bei Zicherie im Landkreis Gifhorn erschießen Grenzpolizisten den westdeutschen Journalisten Kurt Lichtenstein. Der Redakteur der "Westfälischen Rundschau" hatte sich für eine Reportage einige Meter auf DDR-Gebiet vorgewagt.

Zugemauerte Fenster von Wohnhäusern in der Bernauer Straße 18. Oktober 1961

In West-Berlin dringen bewaffnete DDR-Grenzpolizisten in den frühen Morgenstunden im Bezirk Reinickendorf auf West-Berliner Gebiet vor und umstellen ein an der Grenze liegendes Haus, in dem sie einen in der Nacht geflüchteten Grenzpolizisten vermuten. Die zu Hilfe geholte West-Berliner Polizeifunkstreife verhandelt mit den Grenzpolizisten und bewegt sie zum Rückzug. Der Leiter der Polizeiinspektion Reinickendorf schildert einem RIAS-Reporter den Grenzzwischenfall und äußert sich zum polizeilichen Schutz von West-Berlin.

13. Oktober: Neun DDR-Flüchtlinge unternehmen mit einem Lastkraftwagen im Süden von Berlin, an der Grenze zu Zehlendorf, einen Fluchtversuch nach West-Berlin. Der Lkw bleibt in den Grenzanlagen stecken. Die Insassen des Fahrzeuges müssen ihre Flucht zu Fuß fortsetzen. Grenzpolizisten nehmen die Flüchtenden unter Dauerbeschuss. Doch keiner von ihnen wird getroffen, alle erreichen West-Berlin.

Aufeinandergeschichtete Betonplatten blockieren einen früheren Straßenübergang zwischen Berlin-Mitte (Ost-Berlin) und Wedding (West-Berlin), 18. Oktober 1961


14. Oktober: Bei dem Versuch, vom östlichen Spreeufer an der Schillingbrücke an das West-Berliner Ufer zu schwimmen, wird der 25-jährige Werner Probst von Grenzpolizisten entdeckt und beschossen. Tauchend schwimmt er weiter durch das kalte Wasser. Als er bereits die Ausstiegsleiter an der West-Berliner Kaimauer erreicht hat, wird er von einer Kugel tödlich in die Brust getroffen.

Nachrichtensendung des

14. Oktober: In der Bernauer Straße werden weitere Fenster von Grenzhäusern zugemauert. Auf den Dächern werden Stacheldraht und Drahthindernisse gezogen, die früheren Straßenübergänge mit einem Meter breiten und zwei Meter langen Betonplatten zusätzlich blockiert.

16. Oktober: In der abendlichen RIAS-Nachrichtensendung "Die Zeit im Funk" spricht der RIAS-Journalist Hans-Peter Herz mit einem nach West-Berlin geflohenen Grenzpolizisten über die Gründe seiner Flucht sowie die Stimmung in seiner Einheit und in der Bevölkerung.

Der Krieg der Lautsprecher: Einsatz eines Lautsprecherwagens der Grenzpolizei gegen die Sendungen des

Grenzpolizisten dazu zu bewegen, nicht auf Flüchtende zu schießen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben des am 18. August 1961 eingerichteten Studios am Stacheldraht, mobiler Lautsprecherstationen, die vom Westteil Berlins Informationen in den Ostsektor ausstrahlen. "Wer einen Menschen erschießt, der von Deutschland nach Deutschland gehen will, begeht einen Mord. Niemand soll glauben, er könne sich eines Tages, wenn er zur Rechenschaft gezogen wird, auf höheren Befehl berufen. Mord bleibt Mord – auch wenn er befohlen worden ist", wird den Grenzpolizisten etwa am 6. Oktober an der Sektorengrenze zugerufen. Gegenpropaganda und Tränengas sind die Antwort aus Ost-Berlin.

17. Oktober: In Moskau beginnt der XXII. Parteitag der KPdSU. Er zieht sich über zehn Tage hin. In seinem Rechenschaftsbericht erklärt Parteichef Nikita Chruschtschow, dass der Termin einer Unterzeichnung des Friedensvertrages dann nicht mehr von Bedeutung sei, wenn die Westmächte ihre Bereitschaft "zur Regelung des deutschen Problems" zeigten. Chruschtschow erklärt weiter: "Wir werden dann nicht darauf bestehen, den Friedensvertrag unbedingt bis zum 31. Dezember 1961 zu unterzeichnen." Damit signalisiert der Kreml-Chef, dass er das Berlin-Ultimatum aufheben möchte und wegen eines separaten Friedensvertrages mit der DDR kein unkalkulierbares Risiko eingehen will. – SED-Chef Walter Ulbricht drängt demgegenüber in seiner Parteitags-Ansprache drei Tage später auf den schnellstmöglichen Abschluss eines Friedensvertrages und auf die Umwandlung von West-Berlin in eine entmilitarisierte Freie Stadt. Den Bau der Mauer bezeichnet er als "Errichtung eines antifaschistischen Schutzwalls". - Ein weiterer Schwerpunkt des KPdSU-Parteitages ist erneut der stalinistische Personenkult. Es wird beschlossen, den Leichnam Stalins aus dem Mausoleum auf dem Roten Platz zu entfernen.

Im Mittelpunkt des XXII. KPdSU-Parteitages steht die Beratung des Parteiprogramms. Es verspricht die Errichtung des Kommunismus in nur 20 Jahren. Bis 1981, so Chruschtschow in seiner Programmrede, werde "der Traum, 100 Jahre zu leben, ohne zu altern", Wirklichkeit. Auf wirtschaftlichem Gebiet prognostiziert er "einen Überfluss an materiellen und kulturellen Gütern". Die Sowjetunion werde die kapitalistischen Länder übertreffen und den höchsten Lebensstandard auf der Welt bieten. Geradezu hymnisch kommentiert das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" am 20. Oktober 1961: "Die Verwirklichung dieses Programms bedeutet den Anbruch der glücklichsten Ära in der Menschheitsgeschichte."

17. Oktober: In einer Rede vor dem britischen Oberhaus versichert Außenminister Lord Home, dass alle Pläne seiner Regierung zur Lösung des Deutschland-Problems von der Voraussetzung ausgehen, dass "die Deutschen genau wie jedes andere Volk Anspruch auf Selbstbestimmung" haben. Die Abschwächung des Chruschtschow-Ultimatums auf dem XXII. KPdSU-Parteitag bezeichnet er als "sehr ermutigend". Lord Home spricht sich für eine Fortsetzung der Sondierungsgespräche mit den Sowjets aus, um in Verhandlungen über die Berlin-Frage eintreten zu können.

18. Oktober: Der DDR-Innenminister verleiht der für die Berliner Sektorengrenze zuständigen 1. Grenzbrigade die "Fahne für kasernierte Einheiten". Die Fahne, so heißt es in der Verleihungsurkunde, "ist das Symbol der Ehre, Tapferkeit und des Ruhmes. Sie mahnt jeden Kämpfer und Kommandeur an seine heilige Pflicht, der Deutschen Demokratischen Republik ergeben zu dienen, sie mutig und opferbereit zu schützen".

Auszeichnung der 1. Grenzbrigade (Berlin) mit der Fahne für kasernierte Einheiten

23. Oktober: Die Soldaten der 1. Motorisierten Schützendivision der DDR-Volksarmee appellieren an alle Angehörigen der Bundeswehr, die "Fronten zu klären" und zu entscheiden, auf welcher Seite der Barrikade sie stünden: "Steht Ihr auf der Seite derer, die einen Friedensvertrag und damit den Frieden wollen – oder steht Ihr auf der Seite jener, die den Friedensvertrag verhindern, die den Krieg auslösen wollen; also auf der Seite der Militaristen? Hier oder dort – das ist die alles entscheidende Frage, das ist heute der Prüfstein für jeden Deutschen."

23. Oktober: Zur "Eindämmung bzw. Verhinderung weiterer Übergriffe" der DDR-Grenzpolizisten werden die West-Berliner Sektor- und Zonengrenzposten mit Maschinenpistolen und Tränengaswurfkörpern ausgerüstet. Jede von der östlichen Seite ausgelöste Tränengasaktion und der Einsatz von Rauchkörpern darf fortan mit gleichen Mitteln erwidert werden. Bei der Anwendung der Schusswaffe gilt, dass das Schießen in den Ostsektor Berlins bzw. in die DDR verboten ist. Grundsätzlich sind zunächst Warnschüsse abzugeben. Ist durch deren Abgabe das polizeiliche Ziel nicht zu erreichen, dürfen gezielte Schüsse abgegeben werden. Dabei, heisst es in einem Schreiben des West-Berliner Innensenators, sei "der Grundsatz, nicht zu töten, zu beachten!"

24. Oktober: Noch während des XXII. Parteitages bringt die Sowjetunion eine 50-Megatonnen-Atombombe zur Explosion. Die Zündung der Superbombe löst weltweite Proteste aus. Über die notwendige Trägerrakete für den Transport einer solchen Bombe verfügt die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

US-Soldaten eskortieren ein Zivilfahrzeug über den Grenzübergang am Checkpoint Charlie, Oktober 1961

25.–28. Oktober: Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie: Die DDR beschwört seit einigen Tagen in Berlin eine Kraftprobe mit den westlichen Alliierten herauf, indem sie am Übergang Friedrichstraße ("Checkpoint Charlie") den unbehinderten und unkontrollierten Zugang der Alliierten nach Ost-Berlin in Frage stellt.

Am 22. Oktober wird der stellvertretende Chef der US-Mission in Berlin, Edwin A. Lightner, von der Volkspolizei zur Kontrolle gestoppt. Er ist in Zivil und möchte mit seiner Frau eine Theatervorstellung in Ost-Berlin besuchen. Die Amerikaner betrachten die DDR-Kontrollmaßnahme als Anmaßung und Angriff auf die alliierten Rechte. Amerikanische Militär-Eskorten begleiten danach wiederholt Wagen mit amerikanischen Zivilisten durch den Übergang, ohne vom Kontrollpersonal angehalten zu werden.

US-Militärfahrzeuge sichern die Einfahrt eines Zivilfahrzeuges über den Grenzübergang Checkpoint Charlie nach Ost-Berlin ab, Oktober 1961

Am 23. Oktober verfügt das DDR-Innenministerium, dass sich Mitglieder der amerikanischen Militärmission in Zivil bei der Einfahrt nach Ost-Berlin ausweisen müssen.

Am 25. Oktober läßt General Lucius Clay am Checkpoint Charlie zehn US-Panzer auffahren um zu demonstrieren, dass sich die Amerikaner - ob in Zivil oder in Uniform - das Recht auf unkontrollierte Fahrten in ganz Berlin nicht nehmen lassen wollen. Zeitgleich fahren britische Panzer im Tiergarten auf. Der amerikanische Stadtkommandant Watson verhandelt in Ost-Berlin mit dem sowjetischen Stadtkommandanten Solowjew. Nach Watson’s Rückkehr werden die US-Panzer zurückgezogen.

Am Nachmittag des 26. Oktober gehen die US-Panzer jedoch wieder in Stellung, da Grenzpolizisten erneut einen US-Major, der Zivilkleidung trägt, nicht passieren lassen.

Am 27. Oktober nimmt die Sowjetunion die Herausforderung an und stellt am Checkpoint Charlie ebenfalls Panzer auf. 16 Stunden stehen sich je 30 amerikanische und sowjetische Panzer in der Friedrichstraße gegenüber. Gleichzeitig werden britische Raketengeschütze und Panzerspähwagen an der Sektorengrenze am Brandenburger Tor in Stellung gebracht. General Clay telefoniert am Abend mit US-Präsident Kennedy – der KGB hört mit; umgekehrt belauschen die amerikanischen Dienste den Funkverkehr der Sowjets.

Am 28. Oktober ziehen sich die Panzer auf beiden Seiten zurück. Die Sowjets machen den ersten Schritt.

General Clay hat sein Ziel erreicht: die Präsenz sowjetischer Panzer unterstreicht die Zuständigkeit und Verantwortung der Sowjetunion für ganz Berlin und dementiert die Souveränität der DDR. SED-Chef Walter Ulbricht aber erreicht sein Ziel ebenfalls: Die US-Streitkräfte und Angehörigen der US-Mission in Berlin müssen am nächsten Tag auf Anweisung Washingtons die Testfahrten von Militärpersonen in Zivil nach Ost-Berlin einstellen.

30. Oktober: Im Lautsprecherkrieg an der Sektorengrenze ertönt folgende Durchsage der "DDR-Organe" an die Ost-Berliner: "Liebe Berliner! Wir bitten Sie weiterzugehen. Erschweren Sie unseren Grenzsicherungsorganen nicht ihre verantwortungsvolle Arbeit. Ihre Neugierde mißbrauchen die Westberliner Frontstadtpolitiker und die in ihrem Auftrage arbeitende Revolverpresse zu Provokationen gegen unseren Arbeiter-und-Bauern-Staat. Wir bitten Sie deshalb nochmals, nicht stehenzubleiben." Auf Anweisung der britischen Besatzungsmacht muss die West-Berliner Polizei die Sektorengrenze auf der Westseite des Brandenburger Tores mit Stacheldraht-Rollen verdrahten – aus Vorsorge gegen Übergriffe von West-Berlinern auf die Sperranlagen.

Unterhaltung von Ost- und West-Berlinern über die Mauer hinweg - die Grenzpolizisten schreiten nicht ein (Aufnahme: 21. September 1961)

31. Oktober: Tagtäglich ist die Mauer Treffpunkt von Berlinern aus Ost und West: Bekannte, Freunde, Verwandte, Großmütter, Töchter, Söhne und Enkelkinder versuchen trotz des seit Wochen verhängten Verbots, durch Winken und Zurufe miteinander in Kontakt zu bleiben.

Pressestimmen Ost:

In der "Berliner Zeitung" vom 5. Oktober 1961, der Tageszeitung der SED-Bezirksleitung Berlin, kommentiert Frank-Joachim Herrmann unter der Überschrift "Die Uhr ist neu gestellt": "Die Realität zweier deutscher Staaten bestimmt mehr und mehr die Überlegungen im westlichen Lager. Zahlreiche Zeitungen am Rhein läuten verdrossen die Sterbeglocken des Bonner Kurses der Stärke. Und unsere Republik, der jene Bankrotteure vor zwölf Jahren kurzfristigen Untergang prophezeiten, wächst, blüht und gedeiht. Sie setzt sich durch. Und in nicht fernen Zeiten wird sich ihr Charakter zum Wohle der arbeitenden Menschen auch gegen die museal anmutende, zählebige Unordnung Westdeutschlands durchgesetzt haben."

Pressestimmen West:

Unter der Überschrift "Das Ende der Illusionen" kommentiert Richard Thilenius in der "Süddeutschen Zeitung" vom 30. September/1. Oktober 1961 die aktuelle Lage der Deutschlandpolitik: "Die sogenannte Wiedervereinigungspolitik Bonns ist, entsprechend ihrer inneren Unwahrhaftigkeit, niemals eine Politik, sondern ein Gebilde taktischer Propaganda-Phrasen gewesen, mit denen jede Möglichkeit vernebelt wurde, über die denkbaren Wege zu einer Wiedervereinigung mit der Gegenseite wenigstens einmal zu verhandeln." Die Bundesregierung unter Adenauer habe in jedem Bereich ihrer Außen- und Wehrpolitik "immer wieder getan, was zu erhöhter Spannung führen mußte. Das Ergebnis konnte nur die ständig zunehmende Verhärtung der Teilung sein, die mit dem Triumph von Ulbrichts Terror-Regime am 13. August ihren Höhepunkt erreicht hat. Was jetzt - endlich - einzustürzen beginnt, ist also keineswegs eine Politik der Wiedervereinigung, von der wir gar nicht ferner sein können als wir es heute sind. Vielmehr sind es Illusionen, die die Regierung in Bonn sich selbst und dem deutschen Volk beiderseits des Stacheldrahts vorgemacht hat. (...) Nur wenn Wahrheit und Klarheit herrschen, wird man endlich beginnen können, auf diesen Trümmern eine neue Politik der Entspannung zu entwickeln, die allein zu einer allmählichen Wiederannäherung der beiden Teile Deutschlands führen kann."

In einem Kommentar der West-Berliner Tageszeitung "Der Tag" vom 11. Oktober 1961 heißt es: "Am 13. August ist in Deutschland ein Vorhang zerrissen. Dahinter ist auch für diejenigen, die bis dahin in Illusionen lebten, die schreckliche Drohung der kommunistischen Herrschaft sichtbar geworden - einer Herrschaft der Menschenverachtung und des brutalen Terrors. (...) Niemand wäre damit gedient, wenn aus der Verzweiflung ein Ausweg in neue Illusionen gesucht würde. Auf die Dauer würde damit die Gefahr heraufbeschworen, daß wieder der selbstzerstörerische Vorwurf aufkäme, die deutsche Politik habe Chancen verpaßt, während sie sich nur weigerte, einer Fata Morgana nachzulaufen."