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Bericht der West-Berliner Schutzpolizei über die Lage an der Sektor- und Zonengrenze sowie auf S- und Reichsbahngelände für den Monat August 1962


Bericht der West-Berliner Schutzpolizei über die Lage an der Sektor- und Zonengrenze sowie auf S- und Reichsbahngelände für den Monat August 1962

S 1-1/62

Berlin, den 5. September 1962
App. 2921

B e r i c h t
Über Lage an Sektoren- und Zonengrenze sowie auf S- und Reichsbahngelände
für Monat August 1962


A) Lage an der Sektoren- und Zonengrenze

I. Allgemeines

1. Der Monat August stand im Zeichen der Wiederkehr des Jahrestages der Errichtung der "Mauer".

Der Rückblick läßt erkennen, daß die der Polizei aus der Existenz der "Mauer" erwachsenden Aufgaben nicht leichter geworden sind. Daran dürfte sich auch in der Zukunft nichts ändern, denn so lange die "Mauer" steht, wird das durch sie verursachte menschliche Leid und Mitgefühl immer aufs neue die Empörung der West-Berliner Bevölkerung hervorrufen.

2. Zahlenmäßiger Gesamtüberblick über die Situation an Sektoren- und Zonengrenze vom 13.8.1961 – 31.8.1962

a) Länge der Mauer: 15 km
Länge der Stacheldrahtsperren: 130 km
(dafür wurden verwendet: ca. 6.200 km Stacheldraht)
Bauliche Anlagen mit Schießscharten: 134
Beobachtungstürme: 117
Lautsprecher: 216

b) Grepo schossen in
    170 Fällen auf Flüchtlinge,
    16 Fällen auf Polizeibeamte und in
    200 Fällen aus unbekannter Ursache.
Dabei wurden – soweit der Schutzpolizei bekannt –
    9 Flüchtlinge,
    1 West-Berliner sowie
    1 österreichischer Student erschossen und
    20 Flüchtlinge sowie
    3 West-Berliner verletzt.
Nach den Feststellungen der Schutzpolizei sind insgesamt 18 Personen an der Sektoren- bzw. Zonengrenze ums Leben gekommen.

c) Grepo warfen in 387 Fällen insgesamt 1.837 Tränengaskörper auf West-Berliner Gebiet.

d) Kommunistische Organe nahmen nach schutzpolizeilichen Unterlagen 1.020 Personen an der Sektoren- und Zonengrenze sowie 307 Personen im Interzonenverkehr fest.

e) Nach Feststellungen der Schutzpolizei flüchteten 2.618 Personen, davon 281 Angehörige der bewaffneten Organe des Sowjetzonenregimes, nach West-Berlin.

f) In 7 Fällen wurden Sprengstoffanschläge auf die "Mauer" und in 5 Fällen Brände von Sichtblenden festgestellt.

g) Polizeibeamte mußten – jeweils unter Beachtung der gültigen Waffengebrauchsbestimmungen – in 15 Fällen Schüsse der bewaffneten Organe des Sowjetzonenregimes erwidern.

Bei sonstigen Übergriffen auf West-Berliner Gebiet war der Einsatz von insgesamt 1.494 Tränengaskörpern erforderlich.

h) Polizeibeamte kontrollierten vom 1.11.1961 bis 31.8.1962 insgesamt 21.717 CD- bzw. CC-Fahrzeuge, die in beiden Richtungen die Sektoren- oder Zonengrenze passierten.

II. Im einzelnen

1. Der Jahrestag der Errichtung der "Mauer"

a) Nach einem Aufruf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland sollte der 13.8.1962 als Tag der Besinnung und des Stillen Gedenkens begangen werden.

Die Vereinigung politischer Häftlinge und verschiedene Tageszeitungen forderten jedoch, an diesem Tage einen "unüberhörbaren Protest" zu erheben und Gedenkfeiern an der Sektoren- und Zonengrenze durchzuführen.

Da am 13.8.1962 an der Sektoren- und Zonengrenze Ansammlungen und Kranzniederlegungen, insbesondere an den Gedenkstätten für die tödlich verletzten Flüchtlinge, zu erwarten waren und dabei mit starken gefühlsmäßigen Reaktionen der Bevölkerung gerechnet werden mußte, hatte die Polizei vorsorglich ausreichende Kräfte bereitgestellt, mit dem schwierigen Auftrag, unter Anerkennung der berechtigten Empörung der Bevölkerung Zwischenfälle an den Grenzen zu verhindern.

b) Verlauf des 13.8.1962

Am Vormittag des 13.8.1962 wurden unter starker Anteilnahme der Bevölkerung zahlreiche Kränze an den Gedenkstätten der tödlich verletzten Flüchtlinge niedergelegt.

Die mittägliche Verkehrsruhe wurde in West-Berlin von fast allen Verkehrsteilnehmern eingehalten.

In Charlottenburg, Kurfürstendamm/Joachimsthaler Str., nahm die Bevölkerung gegen 2 sowjetische Offiziere, die mit ihrem Pkw ebenfalls ihre Fahrt unterbrechen mußten, eine drohende Haltung ein.

Zu Ausschreitungen ist es nicht gekommen.

Zwischen den S-Bahnhöfen

Savignyplatz – Zoo,
Jungfernheide – Siemensstadt,
Lehrter S-Bhf. – Bellevue,
Putlitzstr. – Beusselstr. und
Charlottenburg – Westkreuz

brachten Fahrgäste insgesamt 5 S-Bahnzüge durch Ziehen der Notbremse zum Halten, um die von der S-Bahn unbeachtet gelassene Verkehrsruhe zu erzwingen.

Bereits während der Verkehrsruhe zeigte es sich, daß der Aufruf, unüberhörbaren Protest zu erheben, in der Bevölkerung Widerhall gefunden hatte. Im Stadtinnern und an mehreren Stellen der Sektorengrenze führten zahlreiche West-Berliner Kraftfahrer anhaltende Hupkonzerte durch, die noch verstärkt wurden, als an verschiedenen Punkten kommunistische Lautsprecherpropaganda einsetzte. Hierbei kam es besonders an der Sektorengrenze der Bezirke Kreuzberg und Wedding zu den ersten größeren Ansammlungen.

Im Verlauf wurde gegen 12.30 Uhr in SW 61, Wilhelm-/Niederkirchner Str., aus einem Demonstrationszug von ca. 400 Personen ein Holzkreuz mit der Aufschrift "Wir klagen an" unmittelbar an der "Mauer" den Grepo entgegengehalten. Unter Einsatz eines Wasserwerfers versuchten Grepo, das Kreuz umzuwerfen; außerdem warfen sie ca. 50 TW auf West-Berliner Gebiet. Schutzpolizeikräfte warfen 80 TW in den SBS und lösten die Ansammlung auf.

Gegen 13.35 Uhr formierten sich ca. 500 Personen in SW 61, Friedrich-/Kochstr., zu einem Demonstrationszug und marschierten über Moritzplatz und Gröbenufer zur Harzer Str. Von dort kehrte der inzwischen auf ca. 800 Personen angewachsene Zug auf dem gleichen Wege in den Bezirk Kreuzberg zurück, um dann in wechselnder Stärke über Potsdamer Platz und Großer Stern gegen 19.00 Uhr den Bezirk Wedding zu erreichen. Als die Demonstranten, deren Zahl sich auf ca. 2.000 Personen erhöht hatte, in N 65, Bernauer-/Brunnenstr., die polizeilichen Sperrketten zu durchbrechen versuchten, zeigte es sich, daß ein Teil unter ihnen zu unüberlegten, von der Polizei nicht zu duldenden Handlungen bereit war. Als sie ihr Ziel, an die "Mauer" vorzudringen, infolge der polizeilichen Maßnahmen nicht erreichen konnten, richteten sich ihre Angriffe in immer stärkerem Maße gegen die Polizeibeamten selbst. Im Zuge der polizeilichen Abwehraktionen kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen mit uneinsichtigen Demonstranten, von denen 4 Personen wegen Widerstandes festgenommen werden mußten.

Auch an anderen Stellen der Sektorengrenze sammelten sich in den Nachmittags- und Abendstunden spontan zahlreiche West-Berliner an (teilweise bis zu 3.000 Personen), die gegen die "Mauer" protestierten und dabei durch anhaltende Hupkonzerte von "Korso" fahrenden Fahrzeugkolonnen unterstützt wurden. Obwohl die Demonstranten immer wieder versuchten, die polizeilichen Absperrungen zu durchbrechen und dabei teilweise eine Neigung zu Krawall-Handlungen erkennen ließen, gelang es den Polizeikräften, durch Geduld und Besonnenheit lange Zeit ohne Anwendung von Zwangsmitteln Zwischenfälle zu vermeiden.

In den Abendstunden rotteten sich in N 65, Brunnen-/Bernauer Str., ca. 3.000 Jugendliche zusammen. Versuche des Bezirksbürgermeisters Mattis, diese aggressive Menge zu beruhigen, blieben erfolglos. Als dann die Jugendlichen ein Baugerüst zum Einsturz brachten, mit dem Bau von Barrikaden begannen, Polizeibeamte mit Steinen bewarfen und mit Latten sowie Eisenstangen angriffen, einen Funkstreifenwagen beschädigten und den Fahrer verletzen, mußten Wasserwerfer und Polizeiknüppel eingesetzt werden, um größere Ausschreitungen zu verhindern. Im Verlauf dieses Einsatzes wurden weitere 4 Polizeibeamte verletzt, als ein Pkw gegen 21.20 Uhr in der Bernauer Str. in eine polizeiliche Sperrkette fuhr.

Gegen 21.40 Uhr rissen ca. 400 Personen in N 65, am Gartenplatz, das Straßenpflaster auf und zerstörten durch Steinwürfe 68 entlang der Gartenstr. im SBS aufgestellte Lampen. Grepo setzten einen Wasserwerfer ein, warfen ca. 60 TW und gingen mit MP in Anschlag. Von Polizeibeamten wurden 43 TW in den SBS geworfen und die Demonstranten zerstreut.

In den Bezirken Wedding und Kreuzberg wurden teilweise bis nach Mitternacht die Demonstrationen fortgesetzt. Immer wieder kam es hierbei, insbesondere in N 65, Chaussee-, Liesen- und Hochstr., und in SW 61, Gröbenufer, Moritzplatz, Prinzen- und Stallschreiberstr., zu Ausschreitungen der nicht mehr ansprechbaren Demonstranten gegen die Polizei, die die Menge erst nach heftigen Auseinandersetzungen unter Anwendung des Polizeiknüppels von der "Mauer" abdrängen konnte. Erst gegen 00.45 Uhr beruhigte sich die Lage an der Sektorengrenze.

c) Als Ergebnis der während dieser Zeit mit dem Rücken zur "Mauer" durchgeführten Polizeieinsätze ist festzustellen:

Die Polizei hat ihren Auftrag am 13.8.1962 erfüllt. Es ist zu keinen schwerwiegenden Grenzzwischenfällen oder zu Verletzungen von West-Berlinern durch Einwirkung östlicher Sicherheitsorgane gekommen.

Die Durchführung dieses Auftrages war nur möglich, weil sich die eingesetzten Polizeikräfte der großen körperlichen und nervlichen Belastung gewachsen zeigten und in kritischen Situationen äußerste Besonnenheit und Geduld bewiesen.

Wie schwer der Einsatz war, geht u.a. daraus hervor, daß den verletzten 24 Polizeibeamten nur 4 Demonstranten gegenüberstehen.

In weiten Kreisen der Öffentlichkeit wurden die Schwierigkeiten des polizeilichen Einsatzes am 13.8.1962 gewürdigt und die getroffenen Maßnahmen anerkannt.

Vom Senat wurde das Vorgehen der Polizei voll und ganz unterstützt. Sie sei mit ihrer Langmut bis an die Grenze des Zumutbaren gegangen.

2. Erschießung des Flüchtlings Peter Fechter durch Grepo und anschließende Protestkundgebung der West-Berliner Bevölkerung

a) Die Ruhe, die nach dem Jahrestag der Errichtung der "Mauer" endlich am 14.8.1962, gegen 00.45 Uhr, eintrat und in den nächsten Tagen andauerte, war nur von kurzer Dauer.

Am 17.8.1962, gegen 14.10 Uhr, versuchten in der Zimmerstr., zwischen der Charlotten- und Markgrafenstr., zwei 18jährige männliche Personen aus dem SBS über die Grenzsperren auf West-Berliner Gebiet zu flüchten. Grepo entdeckten die Flucht und eröffneten sofort das Feuer. Während es einem Flüchtling gelang, unverletzt West-Berliner Gebiet zu erreichen, wurde der 18jährige Peter Fechter, Weißensee, Behaimstr. 11 wohnhaft gewesen, von den Schüssen getroffen. Schwer verletzt blieb er zwischen dem Stacheldrahtzaun und der "Mauer" im SBS liegen. Da Grepo zunächst keine Anstalten trafen, dem Verletzten zu helfen, warfen ihm Polizeibeamte Verbandszeug zu, von dem er jedoch wegen Schwäche keinen Gebrauch machen konnte. Erst gegen 15.10 Uhr wurde er hinter einer künstlichen Nebelwand von Grepo abtransportiert, die hierbei 10 TW gegen eine Ansammlung empörter West-Berliner warfen. Als Gegenmaßnahme wurden von Schutzpolizeibeamten 10 TW in den SBS geworfen.

Gegen 18.45 Uhr beobachteten Polizeibeamte, wie Zimmer-/Friedrichstr. an einem Fenster ein weißes Schild mit blauer Aufschrift "Er ist tot" gezeigt wurde. In der Nachrichtensendung bestätigte der "Berliner Rundfunk" in den Abendstunden diese Mitteilung.

b) In den folgenden Tagen kam es an der Sektorengrenze des Bezirks Kreuzberg, teilweise aber auch im Stadtinnern, zu zahlreichen Demonstrationen von West-Berlinern, die erregt gegen die Ermordung des Flüchtlings protestierten und sich dabei trotz der zunächst mit größter Zurückhaltung getroffenen polizeilichen Maßnahmen mehrfach zu Ausschreitungen gegen die eingesetzten Polizeikräfte und auch gegen die amerikanische Schutzmacht hinreißen ließen.

18.8.1962

Nachmittags in der Zimmerstr. Ansammlungen empörter West-Berliner.

Jugendliche errichten gegenüber der Stelle, an der Peter Fechter erschossen wurde, ein Holzkreuz.

17.00 Uhr, Kochstr., Steinwürfe gegen sowjetischen Autobus mit Wachablösung für das sowjetische Ehrenmal. Eine Scheibe zersplittert.

23.50 Uhr, Friedrichstr., Demonstranten zeigen Transparent mit der Aufschrift "Schutzmacht – Mordhelfer – Morddulder". Transparent von Polizeibeamten sichergestellt, 2 Personen in polizeiliche Verwahrung genommen.

19.8.1962

Bereits in den frühen Morgenstunden Ansammlung zahlreicher West-Berliner am Mahnkreuz für Peter Fechter.

17.55 Uhr, Friedrichstr., erneute Steinwürfe gegen sowjetischen Autobus mit Wachablösung. Einige Scheiben zertrümmert. Mehrere hundert Jugendliche warten auf Rückkehr des Autobusses und errichten Koch-/Wilhelmstr. mit 2 auf Trümmergrundstück lagernden Autowracks eine Straßensperre, die jedoch von Polizeibeamten beseitigt wird.

21.15 Uhr, Friedrichstr., ca. 800 Personen formieren sich zu einem Demonstrationszug, um vor dem Rathaus Schöneberg gegen die Erschießung von Peter Fechter zu protestieren. Auf dem Wege dorthin verstärkt sich der Zug auf ca. 4.000 Personen. In einer improvisierten Kundgebung spricht der Regierende Bürgermeister zu den überwiegend jugendlichen Demonstranten. Nach der Ansprache bildet ein Teil von ihnen erneut einen Demonstrationszug, marschiert über Wittenbergplatz und Kurfürstendamm nach Halensee und zerstreut sich dort. Zahlreiche, meist motorisierte Demonstranten begeben sich wieder an die Sektorengrenze und versuchen von 02.00 – 04.00 Uhr immer wieder zur Mauer vorzudringen.

Grepo werfen TW und setzen am Moritzplatz einen Wasserwerfer ein. Polizeibeamte erwidern Tränengaswürfe und drängen Demonstranten zurück.

20.8.1962

S ordnet auf Grund der Zwischenfälle ab 15.00 Uhr bis auf weiteres Alarmstufen an ("E I" für alle EKdo, "B I" für die Abt. der Berpol).

17.30 Uhr, Kochstr., größere Ansammlungen.

17.45 Uhr, Kochstr., trotz umfangreicher polizeilicher Absperrungen erneute Steinwürfe auf sowjetischen Autobus mit Wachablösung.

6 Fensterscheiben werden zertrümmert und 2 sowjetische Soldaten vermutlich verletzt.

Weitere Verstärkung der Ansammlungen. Als Jugendliche im Raum Friedrichstr. Straßenlaternen demolieren, die polizeilichen Absperrungen zu durchbrechen versuchen und Polizeibeamte mit Steinen bewerfen, müssen sie unter Einsatz von Wasserwerfern und Polizeiknüppeln abgedrängt werden.

Demonstrationszüge, die sich in der Friedrichstr. in einer Stärke bis zu 2.000 Personen bilden und in verschiedene Richtungen marschieren, werden ebenfalls – teilweise unter Anwendung von Zwangsmitteln – aufgelöst.

Bei diesen Einsätzen werden insgesamt 15 Zivilpersonen sowie 9 Polizeibeamte verletzt und 11 Personen, vorwiegend wegen Widerstandes, festgenommen.

21.8.1962

S ordnet ab 13.00 Uhr Alarmstufe "B II" für die BerPol und ab 17.00 Uhr Alarmstufe "E II" für alle EKdo an.

Bereitschaftspolizisten ziehen zur Vermeidung weiterer Zwischenfälle im Raum Friedrichstr., Wilhelmstr., Puttkamerstr., Anhalter Str. und Stresemannstr. Auf Ruinenflächen, die am Vortag Schauplatz von Ausschreitungen Jugendlicher waren, Stacheldraht und feste Sperren. Außerdem wurden Verkehrsumleitungen durchgeführt. Die Wachablösung für das sowjetische Ehrenmal benutzt erstmals Schützenpanzerwagen. Amerikanische MP, 3 Funkwagen und 4 Kradfahrer der Schutzpolizei übernehmen die Begleitung.

Keine Zwischenfälle.

Auf Grund der Ausschreitungen an den Vortagen und zur Verhinderung weiterer schwerer Zwischenfälle führen Schutzpolizeikräfte in den Nachtstunden im Raum Friedrichstr. eine Razzia gegen verdächtige Personengruppen durch.

128 Personen werden vorübergehend in polizeiliche Verwahrung genommen.

Nach dem 21.8.1962 beruhigte sich die Lage an der Sektorengrenze des Bezirks Kreuzberg wieder, so daß am 23.8.1962 die Stacheldrahtsperren im Raum Friedrichstr. abgebaut, die Verkehrsumleitungen reduziert und die Alarmstufen herabgesetzt werden konnten.

Am 27.8.1962 ordnete S für die BerPol und am 28.8.1962 für die EKdo Normalzustand an.

Zur Gewährleistung einer reibungslosen Fahrt der sowjetischen Soldaten zum und vom sowjetischen Ehrenmal, die Ende August noch immer in Schützenpanzerwagen erfolgte, blieben umfangreiche Sicherungsmaßnahmen bestehen.

c) Die Empörung über die Ermordung des Flüchtlings Peter Fechter kam nicht nur in den Handlungen der West-Berliner Bevölkerung, sondern auch in einer entsprechenden Berichterstattung und Kommentierung dieses Zwischenfalls zum Ausdruck, wobei immer wieder die besonders schwierige Situation gewürdigt wurde, in der sich die Polizei befindet.

Innensenator Albertz, der unmittelbar nach der Erschießung des Flüchtlings am Tatort erschien, sagte u.a.:

Dieser Zwischenfall zeige erneut, daß der Zustand für alle, die mit der Sicherheit von Amts wegen betraut sind und dabei die Pflicht haben, flüchtenden und schwer verwundeten Mitbürgern zu helfen, unerträglich geworden ist. Er habe wieder den schweren Konflikt erleben müssen, in den West-Berliner Polizeibeamte geraten, wenn vor ihren Augen Mitbürger verbluten.

Der amerikanische Stadtkommandant protestierte energisch beim amtierenden sowjetischen Stadtkommandanten gegen den "Akt barbarischer Unmenschlichkeit" und warnte, "daß Wiederholungen solcher Vorfälle letztlich nicht mehr ertragen werden können und die schlimmsten Folgen nach sich ziehen werden".

Eine Mitteilung der US-Mission "Wir bemühen uns, einen Weg zu finden, damit bei einer Wiederholung eines solchen Vorfalles den Opfern der ostdeutschen Brutalität geholfen werden kann" wurde am 21.8.1962 verwirklicht. Seitdem wird am Checkpoint Charlie ein alliierter Sanitätswagen bereitgehalten, der angeschossenen Flüchtlingen im SBS an Ort und Stelle Hilfe bringen soll.

Die kommunistische Presse gab folgende Darstellung des Zwischenfalls bekannt:

"Am 17. August 1962, gegen 14.20 Uhr, versuchten zwei flüchtende Verbrecher, die Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik nach West-Berlin in der Nähe der Zimmerstraße gewaltsam zu durchbrechen, wobei sie von West-Berliner Polizei aktiv unterstützt wurden. Da die Flüchtenden auf wiederholte Aufforderungen und Warnungen durch Angehörige der Grenzsicherungsorgane nicht reagierten, mußte von der Schußwaffe Gebrauch gemacht werden. Während einer der Verbrecher nach West-Berlin entkommen konnte, ist der andere im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen."

Offensichtlich unter dem Druck der Weltöffentlichkeit versuchte die kommunistische Presse am 29.8.1962 eine Erklärung dafür zu geben, daß Peter Fechter an der "Mauer" verblutete. Im "Neuen Deutschland" wurde behauptet, West-Berliner Polizisten hätten ihre Schnellfeuergewehre auf die Grenzsoldaten angelegt, sie in Deckung gezwungen und damit die Bergung des Verwundeten zunächst unmöglich gemacht.

Dem Sowjetzonenregime dürfte es äußerst unangenehm gewesen sein, daß zahlreiche Personen das Geschehen auch im SBS beobachtet hatten. Diese Tatsache wird dafür ausschlaggebend gewesen sein, daß am 29.8.1962 die letzten drei Wohnungen des in der Nähe des Tatortes gelegenen Hauses Zimmerstr. 71 zwangsweise geräumt wurden.

3. Erschießung von Hans-Dieter Wesa

Am 23.8.1962, gegen 20.00 Uhr, wurde der 19jährige Trapo Hans-Dieter Wesa bei dem Versuch, am S-Bahnhof Bornholmer Str. nach West-Berlin zu flüchten, durch 3 Feuerstöße aus MP (ca. 30 Schuß) schwer verletzt. Polizeibeamte, die sich sofort zum Ort begaben, fanden den Flüchtling unterhalb der Bösebrücke, ca. 4-5 m auf West-Berliner Gebiet, mit Kopf-, Bauch- und Beckenschüssen sterbend auf. Die Feuerwehr lieferte ihn in das Jüdische Krankenhaus ein, wo ein Arzt den bereits eingetretenen Tod feststellte. Polizeibeamte stellten eine MP und 5 Magazine (davon 3 gefüllte) sicher.

Unmittelbar nach Abgabe der Schüsse wurden sämtliche Beleuchtungskörper des S-Bahnhofs Bornholmer Str. für ca. 30 Minuten ausgeschaltet.

4. Schüsse an der Zonengrenze von Staaken

Am 15.8.1962, gegen 08.15 Uhr, nahmen Polizeibeamte in Staaken, Falkenseer Chaussee, einen Feuerstoß von ca. 15 Schüssen aus Richtung SBZ wahr. Gegen 08.20 Uhr hörten sie einen zweiten Feuerstoß aus der gleichen Richtung. Gegen 09.00 Uhr wurde vom Beobachtungsturm Pestalozzistr., Nähe Heikendamm, ein Grepo abgeseilt, während ein zweiter Grepo vermutlich mit einer Schußverletzung hinkend den Turm verließ. Eine weitere Person, die an einem Steinhaufen in der Nähe des Turmes gelegen hatte, wurde auf einer Bahre liegend (vermutlich tot) weggetragen und mit den beiden Grepo in einem Sanitätswagen abtransportiert.

5. Sonstige Vorkommnisse und Beobachtungen

a) Beschädigung des Informationsbüros "Intourist"

Am 13.8.1962, gegen 19.45 Uhr, zerstörte eine unbekannte männliche Person durch einen Steinwurf eine Schaufensterscheibe des sowjetischen Informationsbüros "Intourist".

b) Beschädigung einer SED-Geschäftsstelle

Am 20.8.1962, gegen 13.45 Uhr, versuchte ein angetrunkener West-Berliner mit SED-Angehörigen in der Geschäftsstelle Charlottenburg, Tegeler Weg 13, zu diskutieren. Als er abgewiesen wurde, zerstörte er durch Steinwürfe 6 Fensterscheiben der Geschäftsstelle.

c) Arbeiten an den Grenzsperren

Bis zum 13.8.1962 hielt der verstärkte Ausbau der Grenzsperren auf östlicher Seite an. U.a. wurden auch Arbeitskommandos von Betriebskampfgruppen und Grepo-Offizieren beobachtet. Nach dem 13.8.1962 ließ die Bautätigkeit merklich nach.

Zur Zeit werden Arbeiten (überwiegend Ausbesserungsarbeiten) nur noch in geringem Maße durchgeführt.

d) Kommunistische Lautsprecherpropaganda
blieb weiterhin gering und örtlich begrenzt.

[...]

Quelle: Polizeihistorische Sammlung des Polizeipräsidenten in Berlin