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Liste der 140 Todesopfer An der Berliner Mauer 1961-1989
Klaus Garten: Gedenkstele am Ufer des Teltowkanals in der Paul-Gerhardt-Straße

Klaus Garten

geboren am 19. Juli 1941
erschossen am 18. August 1965


nahe der Philipp-Müller-Allee in Seehof
am Außenring zwischen Teltow (Kreis Potsdam-Land) und Berlin-Steglitz

Gegen 21.00 Uhr beobachtet ein Grenzposten den 24-Jährigen dabei, wie er in Teltow-Seehof den Maschendrahtzaun eines Grundstücks in der Paul-Gerhard-Straße übersteigt, das in unmittelbarer Nähe der Grenze liegt. Der Grenzstreifen ist hier nur 20 Meter breit. Bevor der Flüchtling in Richtung West-Berlin laufen kann, eröffnet ein Posten aus ca. 200 Meter Entfernung das Feuer: Drei Schuss lösen sich aus dem Maschinengewehr – der Flüchtende fällt vom Zaun.

Als Klaus Garten, geboren am 19. Juli 1941 im sächsischen Radeberg, drei Jahre alt ist, verliert er seinen Vater im Zweiten Weltkrieg. Mit der Mutter und dem Stiefvater, einem SED-Funktionär, wächst er in seiner Geburtsstadt auf.[1] Der gelernte Karosserieklempner leistet von 1959 bis 1962 seinen Militärdienst bei der Nationalen Volksarmee in Stahnsdorf am südwestlichen Berliner Stadtrand.

Bei einem Reservistenlehrgang in Oranienburg lernt er seine spätere Frau kennen, mit der er nach dem Wehrdienst in eine Gartenlaube in ihrem Heimatort Schmachtenhagen zieht.[2] Klaus Garten bekommt eine Anstellung als Schlosser im dortigen Betriebsteil des Stahl- und Walzwerkes Hennigsdorf. Er engagiert sich als Facharbeiter für die Planerfüllung, indem er Zusatzaufgaben übernimmt und lässt sich als Mitglied der SED zum Parteigruppenorganisator in seinem Betriebsteil verpflichten.[3] Doch die Funktion bereitet ihm zunehmend Unbehagen. Von fünfzig Belegschaftsmitgliedern sind nur wenige in der Partei, wegen seiner politischen Funktion wird er von seinen Kollegen „schief angesehen".[4] In einem Bericht der Staatssicherheit ist von „Resignationserscheinungen unter den Parteimitgliedern dieses Betriebsteils"[5] die Rede.

Als die Isolierung am Arbeitsplatz zunimmt, überlegt er, zu kündigen und eine Gaststätte zu übernehmen. Aber auch Fluchtgedanken beschäftigen ihn zunehmend; im Juli 1965 spricht er mit seiner Frau darüber.[6] Seit nun schon anderthalb Jahren lebt Klaus Garten mit seiner Frau in dem einen Zimmer jener Laube, die sie gemeinsam in der Hoffnung bezogen haben, sich hier nach und nach eine menschenwürdige Bleibe zu schaffen. Doch die hoffnungslose Lage bei der Beschaffung von Baumaterial dürfte den jungen Ehemann zunehmend zermürbt haben.[7] Als kinderloses Paar haben sie kaum Chancen, eine andere Wohnung zugewiesen zu bekommen. Vermutlich auch, um Baumaterial zusammentragen zu können, versucht Klaus Garten, an ein Auto zu kommen. Doch Gebrauchtwagen sind nahezu unerschwinglich: Sie kosten bis zum Dreifachen des Neuwerts. Auf ein neues Auto hätte er mindestens zehn Jahre warten müssen.

Klaus Garten macht sich auf die Suche nach einem Unfallauto; als Karosserieschlosser traut er sich zu, es wieder flott zu machen. Als er im August 1965 Urlaub hat, fährt das junge Ehepaar am 17. des Monats in die „Hauptstadt der DDR", um irgendwie an ein taugliches Schrottauto zu gelangen. In Pankow wird Klaus Garten an die „Deutsche Handelszentrale" (DHZ) in Teltow verwiesen. Die weite Tour – er muss mit Bahn und Bus über Schönefeld die Weststadt umfahren – unternimmt er ohne seine Frau, die sich am Nachmittag mit der S-Bahn wieder auf den Heimweg macht.[8]

Bei der „Deutschen Handelszentrale" in Teltow kann man ihm allerdings auch keine Hoffnung machen, denn auch hier, wo etwa ausrangierte Dienstfahrzeuge verkauft werden, gibt es endlos lange Wartelisten. Zudem werden die eintreffenden Autos an den Wartenden vorbei unter der Hand verkauft. Gleichviel, ob Klaus Garten an diesem Tag noch bei der DHZ reingeschaut hat oder nicht – dieses Jahr mag seinem guten Glauben an den DDR-Sozialismus den Rest gegeben haben. Der junge Mann, der sich bisher als SED-Genosse und „Längerdienender" für seinen Staat engagiert hat, dürfte endgültig auf dem harten Boden der Realität gelandet sein. Spätestens zu diesem Zeitpunkt beschließt er, die DDR zu verlassen. Von seiner Armeezeit in Stahnsdorf her kennt er sich mit den örtlichen Gegebenheiten aus.

Gegen 21.00 Uhr beobachtet ein Grenzposten den 24-Jährigen dabei, wie er in Teltow-Seehof den Maschendrahtzaun eines Grundstücks in der Paul-Gerhard-Straße übersteigt, das in unmittelbarer Nähe der Grenze liegt. Der Grenzstreifen ist hier nur 20 Meter breit. Bevor der Flüchtling in Richtung West-Berlin laufen kann, eröffnet ein Posten aus ca. 200 Meter Entfernung das Feuer: Drei Schuss lösen sich aus dem Maschinengewehr – der Flüchtende fällt vom Zaun.[9] Nach einigem Suchen finden die Grenzposten ihn im Kfz-Sperrgraben, wohin er sich mit einem stark blutenden Oberschenkelsteckschuss geschleppt hat. Auch zwei hinzugerufene Grenzsoldaten treffen am Tatort ein, doch anstatt den Verletzten zu verbinden oder abzutransportieren, ducken die vier Posten sich in den Sperrgraben, denn von der sehr nahen West-Berliner Seite her sucht die Polizei inzwischen das Grenzgelände mit Handscheinwerfern ab. Immer mehr Anwohner sammeln sich auf der Westseite der Grenze und versuchen, in der zunehmenden Dunkelheit etwas zu erkennen.[10] Die West-Berliner Polizei registriert, dass gegen 21.50 Uhr ein Verletzter von sechs Grenzern in einer Zeltplane geborgen wird.[11]

Die Grenzer hingegen glauben sich bei ihrer Bergungsaktion unbeobachtet: „Unsere Handlungen wurden gedeckt ausgeführt und konnten vom Gegner nicht eingesehen werden"[12], berichtet einer der Beteiligten, und: „Wir transportierten den Grenzverletzer kriechend auf dem Rücken tragend."[13] Sicher ist, dass sie, um vom Westen aus nicht gesehen zu werden, beim Transport des Verletzten durch den Sperrgraben zum Platz am Beobachtungsturm, wo er schließlich notdürftig verbunden wird, einen erheblichen Umweg in Kauf nehmen. Bis zur ersten medizinischen Hilfe vergeht fast eine Stunde. Mit erheblichem Blutverlust wird Klaus Garten schließlich abtransportiert: Aber nicht in das nur einen Kilometer entfernte Krankenhaus der Diakonie, sondern in das Haftkrankenhaus des MfS in Hohenschönhausen, ein Weg von mindestens einer Stunde. Noch in der Nacht erliegt Klaus Garten seinen Verletzungen.[14]

35 Jahre später nimmt die Berliner Staatsanwaltschaft Ermittlungen im Fall Klaus Garten auf. 1995 werden diese aber wieder eingestellt, da der mutmaßliche Todesschütze angibt, nur einen Warnschuss abgegeben zu haben, was vom Gericht nicht widerlegt werden kann.[15]

Noch am Tag seines Todes sucht ein Mitarbeiter der Staatssicherheit in den Vormittagsstunden die Ehefrau von Klaus Garten auf und holt sie zur Vernehmung nach Oranienburg ab. Ohne sie über den Tod ihres Mannes zu unterrichten, wird sie über ihre Ehe, die beruflichen Probleme ihres Mannes und dessen Fluchtabsichten befragt. Erst einige Tage später teilt man ihr mit, dass ihr Mann bei einem Fluchtversuch ums Leben gekommen sei. Nähere Einzelheiten erfährt sie erst, als ihr eine damals in West-Berlin lebende Verwandte einen Zeitungsausschnitt aus der "BZ" vom 18. August 1965 zuschickt, in dem über den tödlich verlaufenen Fluchtversuch ihres Mannes berichtet wird.[16] Um die Todesumstände von Klaus Garten geheim zu halten, verpflichtet die Staatssicherheit seine Witwe, nur die nächsten Angehörigen über die tatsächlichen Hintergründe seines Todes zu unterrichten. Allen anderen gegenüber soll behauptet werden, Klaus Garten sei bei einem Motorrad- oder Autounfall ums Leben gekommen.[17]

Die Leiche von Klaus Garten wird am 20. August 1965 im Krematorium Berlin-Baumschulenweg eingeäschert, die sterblichen Überreste kurz darauf auf dem Friedhof von Schmachtenhagen beigesetzt.

Text: Martin Ahrends/Udo Baron

Fussnote Anzeigen
[1] Vgl. Ermittlungen der VfS Groß-Berlin/Abt. IX zur Leichensache Klaus Werner Garten, 20.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 22-23. [2] Vgl. Protokoll der Vernehmung der Ehefrau von Klaus Garten durch das MfS, 18.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 12-16, hier Bl. 13. [3] Vgl. Beurteilung des Kollegen Klaus Garten durch den VEB Stahl- und Walzwerk "Wilhelm Florin", 19.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 11. [4] Vgl. Protokoll der Vernehmung der Ehefrau von Klaus Garten durch das MfS, 18.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 14. [5] Ermittlungen der VfS Groß-Berlin/Abt. IX zur Leichensache Klaus Werner Garten, 20.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 21. [6] Vgl. Protokoll der Vernehmung der Ehefrau von Klaus Garten durch das MfS, 18.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 14. [7] Vgl. Ermittlungen der VfS Groß-Berlin/Abt. IX zur Leichensache Klaus Werner Garten, 20.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 21. [8] Vgl. Zeugenvernehmung von E. V., verwitwete Garten, durch die Berliner Polizei, 11.3.1991, in: StA Berlin, Az. 27 Js 90/90, Bd. 1, Bl. 20. [9] Vgl. Einzel-Information Nr. 754/65 des MfS/ZAIG über einen verhinderten Grenzdurchbruch im Abschnitt Teltow-Seehof/Potsdam am 17.8.1965, 19.8.1965, in: BStU, MfS, ZAIG Nr. 1159, Bl. 11-12. [10] Vgl. Handschriftlicher Bericht des Grenzsoldaten K. über die Bergung des Grenzverletzers am 17.8.1965, 18.8.1965, in: BStU, MfS, AOP 6505/66, Bl. 17. [11] Vgl. Strafanzeige der Berliner Polizei wegen Verdachts des versuchten Totschlages gegen unbekannte Angehörige der 4. Grenzbrigade, 46. Rgt. der sogen. NVA-Grenztruppen, 18.8.1965, in: StA Berlin, Az. 27 Js 90/90, Bd. 1, Bl. 70 [12] Handschriftlicher Bericht des Grenzsoldaten K. über die Bergung des Grenzverletzers am 17.8.1965, 18.8.1965, in: BStU, MfS, AOP 6505/66, Bl. 17. [13] Ebd. [14] Vgl. Einzel-Information Nr. 754/65 des MfS/ZAIG über einen verhinderten Grenzdurchbruch im Abschnitt Teltow-Seehof/Potsdam am 17.8.1965, 19.8.1965, in BStU, MfS, ZAIG Nr. 1159, Bl. 12. [15] Vgl. Verfügung der Staatsanwaltschaft Berlin, 20.10.1995, in: StA Berlin, Az. 27 Js 90/90, Bd. 2, Bl. 389-390. [16] Vgl. Zeugenvernehmung von E. V., verwitwete Garten, durch die Berliner Polizei, 11.3.1991, in: StA Berlin, Az. 27 Js 90/90, Bd. 1, Bl. 20-21. [17] Vgl. Bericht der VfS Groß-Berlin/Abt. IX über die Leichensache Klaus Garten, 20.8.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 10, Nr. 3, Bl. 25.