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Liste der 140 Todesopfer An der Berliner Mauer 1961-1989
Ulrich Krzemien: geboren am 13.9.1940, ertrunken am 25. März 1965 im Berliner Grenzgewässer (Aufnahmedatum unbekannt)
Den Opfern der Mauer: Fenster des Gedenkens der Gedenkstätte Berliner Mauer; Aufnahme 2010

Ulrich Krzemien

geboren am 13. September 1940
ertrunken am 25. März 1965


in der Spree in der Nähe des Osthafens
an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Kreuzberg und Berlin-Friedrichshain

Am 25. März 1965 schwimmt eine unbekannte Person gegen 21.30 Uhr zwischen den Stadtbezirken Kreuzberg und Friedrichshain vom Westufer aus durch die Spree. Zwanzig Meter vor dem Ost-Berliner Ufer, nahe der Papiermühle des Osthafens, bittet der Mann – „vermutlich in angetrunkenem Zustand", wie es in einem Grenztruppen-Bericht heißt – einen Grenzposten um Hilfe. Offenbar verlassen ihn die Kräfte.

Am 25. März 1965 schwimmt eine unbekannte Person gegen 21.30 Uhr zwischen den Stadtbezirken Kreuzberg und Friedrichshain vom Westufer aus durch die Spree.[1] Zwanzig Meter vor dem Ost-Berliner Ufer, nahe der Papiermühle des Osthafens, bittet der Mann – „vermutlich in angetrunkenem Zustand", wie es in einem Grenztruppen-Bericht heißt – einen Grenzposten um Hilfe; offenbar verlassen ihn die Kräfte. Dieser erkennt dessen Notlage möglicherweise nicht – oder meint, sie aus dienstlichen Gründen nicht erkennen zu dürfen; jedenfalls tut er nicht mehr, als ihn auf „Ausstiegsmöglichkeiten an der Ufermauer" hinzuweisen.[2] Dem Rat folgend versucht der Schwimmer unmittelbar vor einem Postenturm das Steilufer der Spree zu erklimmen und an Land zu kommen, fällt jedoch wieder ins Wasser zurück und geht unter – direkt vor den Augen des offenbar weiterhin passiven Grenzpostens, nur fünf Meter von dessen Wachturm entfernt.[3]

Erst jetzt wird der Grenzer aktiv, gibt „zur Alarmierung des Grenzbootes mit seiner Dienstwaffe fünf Schuss in die Luft ab" und verschießt eine rote Leuchtpatrone. Mehrere Boote suchen daraufhin mit Haken das Wasser nach dem Versunkenen ab; gegen 22.30 Uhr wird die Aktion ergebnislos abgebrochen. Von den Schüssen alarmiert sind auf West-Berliner Seite schon eine Stunde zuvor Löschzüge der Feuerwehr aufgefahren, Funkstreifenwagen der Polizei kommen hinzu, auch zwei Wasserretter mit Tauchanzügen. 80 bis 100 West-Berliner Passanten beobachten vom Westufer aus das Geschehen. „Sollte von Westberliner Seite der Versuch unternommen werden, mit Tauchern ins Wasser zu steigen, ist das Feuer zu eröffnen und [sind, d. Vf.] diese Grenzverletzer zu vernichten", befiehlt am Ostufer der herbeigeeilte Kommandeur der 1. Grenzbrigade.[4] Das Erscheinen der West-Berliner Polizei ist der östlichen Seite Beweis genug, dass "es sich hier um eine vorbereitete Provokation des Gegners" handele.[5]

Neunzehn Tage später, am 13. April 1965, wird flussabwärts zwischen der Brommy- und der Schillingbrücke eine im Wasser treibende Leiche entdeckt. Für die Stasi steht fest, dass es sich dabei um den am 25. März Ertrunkenen handelt; in den 1990er Jahren schließen sich die Berliner Ermittlungsbehörden dieser Feststellung an.[6] Bei dem Toten wird der Personalausweis von Ulrich Krzemien gefunden.

Ulrich Krzemien wird als viertes von sechs Kindern am 13. September 1940 in Berlin geboren.[7] Sein Vater kehrt als Wehrmachtsoldat nicht aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, so dass die Mutter in den schweren Nachkriegsjahren allein für die große Familie zu sorgen hat. Nach Abschluss der 8. Schulklasse erlernt er im VEB Bau Berlin den Maurerberuf und arbeitet danach, ab 1958, in verschiedenen Ost-Berliner Baubetrieben.

Im Sommer 1959 kehrt er von der Arbeit nicht in die Wohnung seiner Mutter in Berlin-Treptow zurück. Sie meldet ihn bei der Volkspolizei als vermisst. Inzwischen sucht Ulrich Krzemien sich im Westteil der Stadt Wohnung und Arbeit. In einem Brief teilt der 19-Jährige seiner Mutter nach einigen Wochen mit, dass er von nun an im Westen leben wolle.

Solang die Sektorengrenzen offen sind, soll er häufig seine Mutter im Ostteil der Stadt besucht haben.[8] Im Juli 1961 wird er dort festgenommen und Anfang August vom Kreisgericht Berlin-Treptow „wegen illegalen Verlassens des demokratischen Berlin sowie Staatsverleumdung in Tateinheit mit Widerstand gegen die Staatsgewalt" zu einem Jahr und zwei Monaten Gefängnis" verurteilt.[9] Die Haftstrafe verbüßt er in Berlin-Rummelsburg und in der Strafvollzugsanstalt Bützow-Dreibergen. Am 29. September 1962 wird er entlassen – doch nicht an seinen Wohn- und Arbeitsort nach West-Berlin, sondern gegen seinen Willen in den Ostteil der Stadt.[10] Hier bekommt er eine Tätigkeit als Transportarbeiter im VEB Kühlautomat zugewiesen. Die Sektorengrenze der Stadt ist inzwischen geschlossen und vermauert. Ulrich Krzemien lässt sich davon nicht einschüchtern: Schon Mitte Oktober 1962 gelingt ihm die Flucht nach West-Berlin: durch den Teltowkanal, wie er seiner Mutter brieflich mitteilt. Sie erhält nun regelmäßig Post von ihrem Sohn aus der Weststadt. Bald verlobt er sich, wie sie erfährt. Dass die Beziehung nur ein gutes Jahr hält und um die Jahreswende 1964/1965 zerbricht, verwindet der nun 24-Jährige möglicherweise nicht.

Einen Tag nach dem Fund seiner Leiche wird die Mutter von Ulrich Krzemien von einem Stasi-Mitarbeiter vernommen und über den Tod ihres Sohnes informiert. Er sei bei einer Grenzprovokation ertrunken, heißt es; sie solle den Tod als Unfall ausgeben. Ihr wird eine Sterbeurkunde mit dem Todesdatum 25. März 1965 ausgehändigt, die sie aber nicht an den Wohn- und Arbeitsort ihres Sohnes nach West-Berlin übersenden darf. Sie darf den Toten auch nicht noch einmal sehen, wird genötigt, sich mit der Einäscherung und Bestattung auf dem Friedhof Berlin-Baumschulenweg einverstanden zu erklären und die Trauerfeier „nur im engen Familienkreis" stattfinden zu lassen.[11]

Am 15. April wird der Tote obduziert; im Obduktionsbericht und –gutachten wird das Sterbedatum nun auf den 31. März 1965 datiert; so teilt es ein Stasi-Mitarbeiter offenbar den Obduzenten mit.[12] Auf Grund seiner Verwesung kann der Tote anhand des Fotos im Pass, den er bei sich trägt, zunächst nicht als Ulrich Krzemien identifiziert werden. In einem Vergleich des Obduktionsergebnisses mit den Angaben, die die Mutter und zwei seiner Geschwister am 10. Mai über persönliche Kennzeichen Ulrich Krzemiens machen, stimmen fast alle seiner Merkmale überein.[13]

Ende 1990 schreibt eine in Ost-Berlin lebende Schwester von Ulrich Krzemien an den Berliner Senat: Sie glaubt, ihr Bruder sei an der innerstädtischen Grenze zwischen Rudow und Johannisthal, in der Nähe der Massantebrücke, erschossen und am 15. April 1965 aus dem Teltowkanal geborgen worden. Ein „DDR-Staatsanwalt" – als solche gaben sich die Stasi-Mitarbeiter in der Regel gegenüber den Angehörigen von Mauertoten aus – habe ihr die Nachricht vom Tod ihres Bruders damals mit diesen Angaben übermittelt. Auf ihr Drängen hin habe er zugegeben, dass er erschossen worden sei – und ihr zugleich untersagt, darüber zu sprechen.[14]

Die Schwester stellt Strafanzeige gegen Unbekannt und bittet um Nachforschungen. Als sie im Oktober 1991 zu dem Fall befragt wird, sagt sie aus, dass jener „Staatsanwalt" ihr mitgeteilt habe, die von ihr genannten Merkmale und Besonderheiten ihres Bruders stimmten mit denen der im Teltowkanal gefundenen Leiche überein. Bis heute sei ihr aber nicht bekannt, „ob mein Bruder Ulrich eines Unfalltodes durch Ertrinken verstarb oder ob er als eventueller Grenzverletzer erschossen wurde." Nähere Angaben habe auch der „Staatsanwalt" dazu damals nicht gemacht.[15]

Das von der Berliner Staatsanwaltschaft eingeleitete Ermittlungsverfahren wird kurz darauf mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Die Ermittlungsbehörden folgen dem seinerzeitigen Obduktionsergebnis und dem Gutachten zur Alkoholbestimmung, demzufolge Ulrich Krzemien „eines nichtnatürlichen Todes durch Ertrinken" gestorben sei, begünstigt durch eine sehr hohe Alkoholaufnahme. Hinweise auf eine fremde äußere Gewalteinwirkung wurden nicht gefunden.[16]

Was Ulrich Krzemien – wenn es sich denn bei ihm um den unbekannten Schwimmer vom 25. März handelt – letztendlich bewogen hat, unter extremem Alkoholeinfluss in voller Bekleidung in die märzkalte Spree zu steigen und von West- nach Ost-Berlin zu schwimmen, nahm er als Geheimnis mit den Tod.

Text: Martin Ahrends/Hans-Hermann Hertle

Fussnote Anzeigen
[1] Vgl. dazu und zum Folgenden: Bericht [der VfS Groß-Berlin/Abt. IX] zur Grenzprovokation am 25. März 1965 im Bereich der 1. Grenzbrigade in Berlin zur Staatsgrenze nach Westberlin, 19.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 100-106; Meldung der NVA/Der Stadtkommandant der Hauptstadt der DDR/Generalmajor Poppe an SED-Politbüromitglied Erich Honecker über die Vorbereitung einer Provokation des Gegners im Abschnitt der 4./GR-35, 26.3.1965, in: BArch, VA-07/8373, Bl. 17-19. [2] Meldung des NVA-Stadtkommandanten Poppe an SED-Politbüromitglied Erich Honecker über die Vorbereitung einer Provokation des Gegners im Abschnitt der 4./GR-35, 26.3.1965, in: BArch, VA-07/8373, Bl. 17. [3] Ebd., Bl. 17. [4] Ebd., Bl. 18. [5] Ebd., Bl. 18. [6] Ebd., Bl. 18. [7] Vgl. hierzu und zum Folgenden: Protokoll der Vernehmung der Mutter von Ulrich Krzemien [durch die VfS Groß-Berlin/Abt. IX], 14.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 36-42. [8] Vgl. ebd., sowie: Ermittlungsbericht der VfS Groß-Berlin/Abt. VIII zu Ulrich Krzemien, 14.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 14-17. [9] Auskunft des DDR-Generalstaatsanwalts aus dem Strafregister zu Ulrich Krzemien, 26.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 26. [10] Vgl. Protokoll der Vernehmung der Mutter von Ulrich Krzemien [durch die VfS Groß-Berlin/Abt. IX], 14.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 40. [11] Vgl. die von dem zuständigen Stasi-Mitarbeiter der Abt. IX der VfS Groß-Berlin, Leutnant Meißner, handschriftlich aufgesetzte und von der Mutter von Ulrich Krzemien unterzeichnete „Erklärung", 14.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 43; siehe auch: Bericht [der VfS Groß-Berlin/Abt. IX] zur Grenzprovokation am 25. März 1965 im Bereich der 1. Grenzbrigade in Berlin zur Staatsgrenze nach Westberlin, 19.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 100. [12] Obduktions-Gutachten zu Ulrich Krzemien, 15.4.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 76-85. [13] Vgl. [VfS Groß-Berlin/Abt. IX], Merkmale zur Identifizierung der Leiche Krzemien, Ulrich, 19.5.1965, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 10, Bl. 108-109. [14] Vgl. Schreiben der Schwester von Ulrich Krzemien an den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, 30.11.1990, in: StA Berlin, 2 Js 14/91, Bl. 5. [15] Zeugenbefragung der West-Berliner Polizei, 25.10.1991, in: StA Berlin, 2 Js 14/91, Bl. 39. [16] Vgl. Schlussvermerk der West-Berliner Polizei, 29.10.1991, in: StA Berlin, 2 Js 14/91, Bl. 43-46.