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Todesopfer

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Klaus Schröter
Den Opfern der Mauer: Fenster des Gedenkens der Gedenkstätte Berliner Mauer; Aufnahme 2010

Klaus Schröter

geboren am 21. Februar 1940
am 4. November 1963 angeschossen und infolgedessen ertrunken


in der Spree in der Nähe des Reichstagsgebäudes
an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Mitte und Berlin-Tiergarten
Klaus Schröter hat seine Flucht lange und sorgfältig vorbereitet. Sein Weg soll unter Wasser durch die Spree führen. Nach und nach stellt er sich die dafür erforderliche Ausrüstung zusammen. Er verkauft seinen Fernseher, um sich ein Atemgerät anzuschaffen, lässt sich Pressluftflaschen in die Wohnung liefern und näht sich einen Taucheranzug, den er mit Bleigewichten beschwert.„Aus Opposition habe ich eine ganzes Jahr lang Trauerkleidung getragen." [1] Der stumme Protest der Mutter von Klaus Schröter richtete sich gegen die Behörden der DDR, die ihr übel mitspielten: Die Tatsache, dass Grenzsoldaten auf ihren Sohn geschossen und seinen Tod verschuldet haben, wird ihr verschwiegen, die Zustimmung zur Urnenbeisetzung abgepresst – und zudem muss sie sich sagen lassen, dass es nicht mehr Mode wäre, in schwarz zu gehen. „Welches Interesse an meinen persönlichen Angelegenheiten!", erklärt sie dazu nach ihrer Ausreise aus der DDR. „Auch das kann einem ja zu denken geben, mehr noch, alles das sind Beweise für das, was getan worden ist." [2]
Klaus Schröter, angeschossen und ertrunken im Berliner Grenzgewässer: MfS-Foto Klaus Schröters Fahrrad auf der Marschallbrücke
Klaus Schröter stammt aus Friedersdorf bei Bitterfeld, wo er im Februar 1940 geboren wird und mit zwei Brüdern aufwächst. Seine Eltern haben ein Siedlungshäuschen, das zu DDR-Zeiten dem Braunkohlenbergbau weichen muss. [3] Schon als Schüler technisch interessiert, macht er bei der Filmfabrik Agfa im nahe gelegenen Wolfen eine Ausbildung zum Elektromonteur. Mit 18 Jahren wird er von seinem Betrieb zum Studium der Elektrotechnik an die Ingenieurschule „Hanno Günther" im brandenburgischen Velten delegiert. Nachdem er das Studium erfolgreich abgeschlossen hat, tritt er im September 1961 eine Stelle als Elektroingenieur in Ost-Berlin an. Dafür bedarf es zu diesem Zeitpunkt – wenige Wochen nach dem Mauerbau – zwar einer besonderen Zuzugsgenehmigung. Sie zu erhalten ist für den jungen Elektroingenieur, der fortan beim VEB Starkstromanlagenbau in der Schlegelstraße in Berlin-Mitte arbeitet, kein Problem. Auch in Berlin ist Klaus Schröter beruflich erfolgreich. Schon nach kurzer Zeit nimmt er ein Zusatzstudium auf und ist nebenbei als Dozent an der Volkshochschule Pankow tätig. [4]
Klaus Schröter, angeschossen und ertrunken im Berliner Grenzgewässer: Tatortfoto des MfS vom durchschnittenen Stacheldraht am Spreeufer zwischen Berlin-Mitte und Berlin-Tiergarten
Doch im April 1963 reicht Klaus Schröter seine Kündigung ein. Er ist enttäuscht darüber, dass ihm sein Betrieb einen erhofften Stellenwechsel verwehrt. Die Betriebsleitung will seinen Entschluss nicht akzeptieren und zwingt ihn, die Kündigung zurückzunehmen. [5] Diese Erfahrung habe, so glauben Freunde und Kollegen von Klaus Schröter, den letzten Anstoß gegeben, lange gehegte Fluchtpläne zu verwirklichen. Obwohl er während seines Studiums in der FDJ-Leitung der Ingenieurschule mitgearbeitet hat, ist der 23-Jährige keineswegs vom Sozialismus überzeugt. Seiner Mutter gegenüber macht er, wie sie sagt, nie ein Hehl daraus, dass er die SED und deren Regime ablehnt. [6] Und ein Kollege, dem drei Jahre nach dem Tod Klaus Schröters die Flucht gelingt, erinnert sich: „Wir waren beide mit den politischen Verhältnissen in der DDR unzufrieden und hatten daher seit Errichtung der Mauer Fluchtpläne besprochen." [7]
Klaus Schröter, angeschossen und ertrunken im Berliner Grenzgewässer: Tatortfoto des MfS vom Löschboot der Ost-Berliner Feuerwehr in der Spree nahe des Reichstagsgebäudes bei der Verschleierung der Bergung
In die konkreten Vorbereitungen ist aus guten Gründen niemand eingeweiht. Selbst ein Freund, den Klaus Schröter noch am Abend vor seinem Fluchtversuch besucht, ist ahnungslos: „Ich wusste, dass er zu irgendeinem Zeitpunkt nach West-Berlin fliehen wollte, dass er dies schon in der kommenden Nacht vorhatte, darüber haben wir nicht gesprochen. Klaus wollte auch nicht den genauen Termin bekannt geben, damit er mich nicht in Schwierigkeiten bringt." [8]

Klaus Schröter hat seine Flucht lange und sorgfältig vorbereitet. Sein Weg soll unter Wasser durch die Spree führen. Nach und nach stellt er sich die dafür erforderliche Ausrüstung zusammen. Er verkauft seinen Fernseher, um sich ein Atemgerät anzuschaffen, lässt sich Pressluftflaschen in die Wohnung liefern und näht sich einen Taucheranzug, den er mit Bleigewichten beschwert. Schließlich macht er sich am Morgen des 3. November 1963 mitsamt seiner Ausrüstung noch vor Sonnenaufgang per Fahrrad auf den Weg nach Berlin-Mitte.

Auf der Marschallbrücke, die unweit der Sektorengrenze zwischen Reichstagsufer und Schiffbauerdamm über die Spree führt, lässt Klaus Schröter das Rad stehen. Unterhalb der Brücke durchtrennt er den Stacheldrahtzaun, der den Zugang zum Wasser versperrt, läuft eine Treppe in der Ufermauer hinunter und steigt ins Wasser. Dabei wird er von einem Grenzsoldaten entdeckt, der auf einem Wachturm an der Ecke Reichstagsufer/Ebertstraße im Einsatz ist. Um den Fluchtversuch zu verhindern, eröffnet er, kaum dass er den Flüchtling wegtauchen sieht, ebenso wie zwei andere Grenzer das Feuer. [9] Klaus Schröter erleidet durch einen Streifschuss eine Verletzung am Hinterkopf, verliert das Bewusstsein und ertrinkt. [10] Als er nach langwieriger Suche gegen 7.45 Uhr tot aus der Spree gezogen wird, legt ein Löschboot der Ost-Berliner Feuerwehr einen Wasservorhang, um westlichen Beobachtern die Sicht zu nehmen. So kann die West-Berliner Polizei seinerzeit nur mutmaßen, „dass von der sowjetsektoralen ‚Grepo’ ein Flüchtling erschossen worden ist, der dann später aus der Spree geborgen wurde." [11]

Dreißig Jahre später kommen die Umstände, die zum Tod von Klaus Schröter geführt haben, jedoch ans Licht. Zwar streiten die Schützen, 1994 vor Gericht gestellt, ihre Schuld ab und behaupten, sie hätten damals nur ungezielt ins Wasser geschossen, um nicht wegen Befehlsverweigerung bestraft zu werden. [12] Doch die Richter sehen es als erwiesen an, dass zumindest einer von ihnen mit bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt hat und sprechen ihn des Totschlags schuldig. [13]

In der DDR wurde geleugnet, dass Klaus Schröter von Grenzposten erschossen worden ist. [14] So behauptet damals der Ost-Berliner Stasi-Mitarbeiter, als er der Mutter die Todesnachricht überbringt, dass man ihren Sohn im Grenzbereich tot aus der Spree geborgen habe und die Todesursache „Ertrinken nach vorangegangener Gehirnprellung" sei. [15] Dabei gibt sich der Stasi-Mann als Staatsanwalt aus und bedrängt die Mutter, der Einäscherung zuzustimmen. „Ich war so fertig und hatte solche Angst, dass ich alles machte, was er wollte. Er legte einen Brief hin, gab mir einen Kugelschreiber u(nd) diktierte." [16]

Ebenso wie die Angehörigen werden die Kollegen von Klaus Schröter über die wahren Todesumstände im Unklaren gelassen. Als das MfS erfährt, im Betrieb würden „Gerüchte kursieren, dass Schröter beim versuchten Grenzdurchbruch erschossen worden wäre", beraumen Stasi-Mitarbeiter mit Unterstützung der Betriebsleitung eine „Zusammenkunft" an, um die vermeintlichen Gerüchte zum Verstummen zu bringen. [17] Klaus Schröter, so wird bei dieser Gelegenheit mitgeteilt, habe sich beim illegalen Versuch, die DDR mit einem Tauchgerät zu verlassen, eine Gehirnprellung zugezogen, an deren Folgen er ertrunken sei. [18] Auch habe er als Ingenieur wissen müssen, dass ein Durchtauchen der Spree selbstmörderisch sei; diejenigen im Betrieb, die Schröters Absichten kannten, trügen „in gewissem Grade ebenfalls Schuld am Ausgang dieses Unternehmens". [19] Glauben schenken seine Kollegen den offiziellen Verlautbarungen allerdings nicht. Sie sind vielmehr davon überzeugt, dass Klaus Schröter von Grenzposten erschossen worden ist. In den Nachrichtensendungen von West-Berliner Rundfunkstationen haben sie gehört, dass am fraglichen Morgen am Reichtagsufer Schüsse gefallen sind. [20]

Allen Einschüchterungsversuchen zum Trotz lassen es sich Kollegen und Freunde des Toten nicht nehmen, am 14. Dezember 1963 zur Beerdigung nach Friedersdorf zu fahren. Dort wird die Urne im Grab von Klaus Schröters Vater beigesetzt. Die Todesumstände erwähnt der Pfarrer mit keinem Wort, als Predigttext wählt er jedoch einen Bibelvers aus dem Römerbrief: „Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat." [21]

Text: Christine Brecht

[1] Niederschrift der Zeugen-Vernehmung der Mutter von Klaus Schröter durch die Bielefelder Polizei, 12.12.1966, in: StA Berlin, Az. Js 86/90, Bd. 1, Bl. 84-92, Zitat Bl. 92.
[2] Abschrift eines Schreibens der Mutter von Klaus Schröter an den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen, 7.11.1966, in: Ebd., Bl. 69-72, Zitat Bl. 71. [3] Vgl. LStU Sachsen-Anhalt (Hg.), Tod in der Spree. Zur Erinnerung an Klaus Schröter, erschossen auf der Flucht am 4.11.1963, Magdeburg 2001.
[4] Vgl. Ermittlungsbericht [des MfS]/KD Berlin-Mitte, 5.11.1963, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 4, Bl. 15-16. [5] Vgl. ebd.
[6] Vgl. Niederschrift der Zeugen-Vernehmung der Mutter von Klaus Schröter durch die Bielefelder Polizei, 12.12.1966, in: StA Berlin, Az. Js 86/90, Bd. 1, Bl. 85-87.
[7] Niederschrift der Zeugen-Vernehmung eines Freundes von Klaus Schröter durch die West-Berliner Polizei, 15.11.1966, in: StA Berlin, Az. Js 86/90, Bd. 1, Bl. 74-75, Zitat Bl. 74. [8] Niederschrift der Zeugen-Vernehmung eines Freundes von Klaus Schröter durch die Berliner Polizei, 29.10.1991, in: Ebd., Bl. 155-159, Zitat Bl. 156. [9] Vgl. Bericht der NVA/1.GB/GR 33 zum versuchten Grenzdurchbruch am 4.11.1963 gegen 4.00 Uhr am Reichstagsufer im Abschnitt des GR 33, 4.11.1963, in: BArch, VA-07/16931, Bl. 27-30.
[10] Vgl. Obduktionsbericht des IGM der HU, 5.11.1963, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 4, Bl. 33-39.
[11] Schlussbericht der West-Berliner Polizei, 13.1.1964, in: StA Berlin, Az. Js 86/90, Bd. 1, Bl. 42. [12] Vgl. „Mauer-Tod: Abrechnung nach 31 Jahren", Super-Illu, 15.11.1994.
[13] Vgl. Urteil des Landgerichts Berlin vom 17.11.1994, in: StA Berlin, Az. Js 86/90, Protokollband, Bl. 1-34. [14] Vgl. Bericht der VfS Groß-Berlin/Abt. IX zur Leichensache , 6.11.1963, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 4, Bl. 4-6, hier Bl. 5, sowie [MfS-]Abschlussvermerk, 8.11.1963, in: Ebd., Bl. 46.
[15] Ebd.
[16] Abschrift eines Schreiben der Mutter von Klaus Schröter an den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen, 7.11.1966, in: StA Berlin, Az. Js 86/90, Bd. 1, Bl. 69. [17] II. Bericht der VfS Groß-Berlin/Abt. IX zur Leichensache Klaus Schröter, in: BStU, MfS, AS 754/70, Bd. 2, Nr. 4, Bl. 42.
[18] Vgl. [MfS-]Bericht über die Grenzverletzung durch den Betriebsangehörigen des VEB Starkstromanlagenbau Berlin, 10.12.1963, in: Ebd., Bl. 25-28.
[19] Ebd., Bl. 27.
[20] Vgl. Niederschrift der Zeugen-Vernehmung eines Freundes von Klaus Schröter durch die West-Berliner Polizei, 15.11.1966, in: StA Berlin, Az. Js 86/90, Bd. 1, Bl. 75. [21] LStU Sachsen-Anhalt (Hg.), Tod in der Spree. Zur Erinnerung an Klaus Schröter, erschossen auf der Flucht am 4.11.1963, Magdeburg 2001, S. 32.
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