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Dieter Wohlfahrt: Bericht des Kommandeurs der 2. Grenzbrigade über die Erschießung und den Fluchthilfeversuch

10. Dezember 1961


An den Kommandeur der BP Gen. Generalmajor Mansfeld

Betr.: Provokationen am 9.12.1961 im Abschnitt der 3./I.GA gegen 16.15 Uhr und 4./II./2. GB gegen 19.20 Uhr mit Anwendung der Schußwaffe und Festnahme von zwei Provokateuren sowie einer Tötung.

[...]

B. Ergebnis der Untersuchungen der Provokation in der 4.Kp. II. GA, 2. GB:

Am 9.12.61, gegen 18.30 Uhr, erschien in der Wohnung des Kommandeurs der II. GA, Oltn. W(...), eine Frau C(...), Gertrud, geb.(...) 1912, wohnh.(...), und teilte mit, daß sie durch einen Brieg ihrer Tochter aus Westberlin, Namens Elke, geb. (...) 1944, wohnh. Berlin-(...), aufgefordert wurde, an heutigen Abend gegen 19.00 Uhr, durch Überwinden der Drahtsperre, illegal nach Westberlin zu flüchten.

Oltn. W(...) schlußfolgerte aus den Darlegungen, daß es sich hier um eine gut vorbereitete Provokation des Gegners handeln kann, und verständigte seinen Stab, wobei er befahl, daß der 1. Zugführer der 4. Kp., Oltn. G(...) sich mit einem Posten an den angegebenen Ort der evtl. Schleusung zu begeben hat und dort einen Hinterhalt zu beziehen. Er selbst begab sich mit der Frau Ch. Zur Dienststelle, von wo aus er den Stab der GB über die bevorstehenden Handlungen verständigte und seinen Entschluß meldete. Anschließend begab sich Oltn. W(...) mit der Frau C(...) und seinem Fahrer, als Sicherungsposten, in die Nähe der vorbereiteten Schleusstelle, wo er der Frau C(...) Instruktionen zur Gewährleistung des Zusammenwirkens gab.

Entsprechend der Verabredung rief die Frau am Zaun stehend und eine Person innerhalb der Sperre bemerkend, daß verabredete Losungswort "Wo soll ich denn durch". Daraufhin antwortete eine männliche Person innerhalb der Sperre mit leiser aber betonter Stimme "halten Sie die Schnauze, das werden sie schon sehen". Frau C(...) erkannte auf der Westseite zwei männliche und eine weibliche Person, ihrer Meinung nach die Freundin ihrer Tochter, Namens Monika. Der in der Sperre stehende Provokateur schnitt mit einer Drahtschere die Drähte der Sperre auseinander. In dieser Zeit sprang Oltn. W(...) aus seiner Deckung auf und rief den Provokateur an: "Halt stehen bleiben Deutsche Grenzpolizei"!

Nach dem Anruf, der vom Provokateur an einer Entfernung von ca. 8 m erfolgte, wurde von westlicher Seite geschossen. Dem Klang nach aus einer Pistole. Wer oder von wem der Schuß abgegeben wurde, konnte Oltn. W(...) nicht feststellen. Daraufhin erwiederte Oltn. W. aus seiner Pistole M Nr. 0789 das Feuer auf den ihm am nächsten stehenden Provokateur.

Unmittelbar nach Beginn des Feuerüberfalls verspürte Oltn. W(...) einen Schlag am linken Oberschenkel, worauf er annehmen mußte, daß er durch eine Kugel des Gegners getroffen ist. Nachdem er sein Magazin mit 7 Schuß auf die am und im Drahtzaun stehenden Provokateure abgegeben hatte nahm er von seinem Sicherungsposten die MPi und schoß einen Feuerstoß paralell zur Grenze auf einen dunklen Punkt im Drahtzaun. Kurz vorher bemerkte Oltn. W., wie der im Zaun stehende Provokateur sich zu Boden fallen ließ und liegen blieb.

Die zur Sicherung eingesetzten Grenzposten, eröffneten aufgrund des Feuergefechts ebenfalls auf die Provokateure das Feuer, wobei sie bestrebt waren, das westliche Gebiet nicht zu gefährden. Entfernung vom Standort der Grenzposten bis zur Grenzlinie ca 8 – 10 m. Insgesamt wurden bei diesem Feuergefecht 34 Schuß aus der MPi und 9 Schuß aus der Pistole M abgegeben.

Nachdem sich die Provokateure von unserem Territorium in das westliche Hinterland zurückzogen und das Feuer eingestellt. Durch Oltn. G(...) wurde dem Gen. Oltn. W. Erste Hilfe geleistet und zum Wagen gebracht, von wo aus er sich selbständig zur Dienststelle begab. Oltn. G(...) sicherte mit einem Postenpaar weiterhin den Tatort. Nachdem sich die Provokateure in das westliche Hinterland zurückzogen und weitere Handlungen des Gegners am Tatort nicht beobachtet wurden, begab sich Oltn. G. zur Drahtsperre, um die dort liegende Person herauszuholen. Da die Person keine Lebenszeichen mehr von sich gab, wurde sie unverzüglich zum Stab der GA transportiert.

Von Herrn Karl-Heinz D(...), prakt. Arzt, (...), wurde der Tod infolge Durchschuß der Herzkammer festgestellt und ein Totenschein ausgestellt. Das Projektil – 9 mm-K-Patrone wurde links in Höhe der 9. Rippe entfernt. Bei dem Toten handelt es sich um den:

Dieter Wohlfahrt, geb. 27.5.1941 in Berlin
Student z.Zt. TU Berlin-West
wohnh. Berlin-Wilmersdorf, Hildegardstr. 20
österreichischer Staatsangehöriger

In den Taschen des Toten wurden vorgefunden:

25 Schuß Pistolen-Munition, Kal. 6,35 mm in einer Schachtel, dav. 4 Patronen mit Gas-Projektil
1 Magazin mit 6 Schuß, Kal. 6,35 mm
1 Plastikbombe (vermutlich)
1 Pistolenunterschnalltasche
1 Spez.-Schneidezange
- Reisepaß Nr. 422-22 352-61 Rep. Österreich
1 Führerschein Nr. 34760
1 Ausweis TU Berlin-Charlottenburg Nr. A 1318
1 Schlüsselbund
10 Franc NF (Frankreich)
140,- DM West

In unmittelbarer Nähe des Tatortes wurden gefunden:

1 Fausthandschuh
1 gr. Drahtschere (50 cm für Draht bis 60 kg) Marke Nowa
1 Pistole, Marke R & F, Kal. 6,35 mm, Nr. 8936 mit einem Magazin, im Magazin befand sich ein Schuß ein weiterer Schuß in der Patronenkammer.

Aufgrund der Pulverrückstände im Lauf ist offensichtlich, daß aus dieser Waffe geschossen wurde. Die Pistole befand sich in einwandfreien technischen Zustand, war übermäßig eingefettet.

Durch den Arzt wurde die Überführung des Toten in die Leichenhalle veranlaßt. Die Totenscheine wurden vom Staatsanwalt des Kreises Nauen, Gen. H(...), übernommen und liegen mit der Freigabebescheinigung zur Abholung in der Staatsanwaltschaft Nauen bereit.

Die ersten Untersuchungen wurden unter Leitung des Stellv. für PA des Kommandeurs der Grenzbrigade und Stabschef der Grenzbrigade organisiert. Im Ergebnis wurden folgende Maßnahmen festgelegt:

1. Übergang zum verstärkten Grenzdienst im Bereich des Verbandes

2. Neuorganisierung des Grenzdienstes ab 03.00 Uhr am 10.21.1961, zur Verhinderung der Ausdehnung von Provokationen auf das Territorium der DDR.

Quelle: BArch, DY 30/IV 2/12/74, Bd. 1, Bl. 91-96