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Berichte von freigekauften DDR-Häftlingen

„Gott sei Dank gab es die Möglichkeit des Freikaufs" von Ellen Thiemann, 1975 von der Bundesrepublik freigekauft


Gratwanderer zwischen den Welten, des Teufels Advokat, Menschenhändler, der Vertraute Honeckers, Handlanger der Stasi – was ist im letzten Jahrzehnt nicht alles über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel geschrieben worden. Als ich am 20. Dezember 1972 verhaftet wurde und einen Tag später im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen landete, hatte ich noch keine Ahnung von der Existenz seines Anwaltsbüros.

Genauso wenig wusste ich damals von der bereits gängigen Praxis, Menschen aus der DDR gegen harte Währung in die Freiheit ausreisen zu lassen. Das erfuhr ich erst Anfang 1973 von einer politischen Mitinhaftierten in unserer kargen Gefängniszelle. Und ihrer Empfehlung verdanke ich auch die Wahl meines Anwaltes. „Warum muss es denn ausgerechnet Dr. Vogel sein? Es gibt genügend andere Anwälte. Aber ausgerechnet der!" brüllte mich mein Stasi-Vernehmer hasserfüllt an. Allein diese Reaktion zeigte mir aber, dass Vogel genau der Richtige war.

Erst im Gerichtssaal am 22. Mai 1973 begriff ich das hinterhältige, skrupellose Zusammenspiel zwischen der Staatsanwältin und dem Richter, die mich auf Geheiß der Stasi-Schergen zu drei Jahren und fünf Monaten strengem Strafvollzug wegen geplanter Republikflucht verurteilten. Während der gesamten Haft konnte ich nicht ein einziges Mal mit Vogel allein sprechen. Also bedurfte es seines professionellen anwaltlichen Geschickes, sich mit wenigen Worten und Augenzwinkern zu verständigen. Was auch geschah.

Als ich am 29. Mai 1975 endlich die DDR-Folterkammern (Schlafentzug, Isolationshaft, Psychopharmaka/Drogen, Doppelzwangsarbeit) verlassen durfte, begab ich mich schnellstens zu Wolfgang Vogel. Er war so anständig, mir durch Gebärden zu verstehen zu geben, dass sein Büro verwanzt sei. Irgendwo auf einer Landstraße außerhalb Berlins stiegen wir aus seinem Wagen und dann sagte er: „Jetzt können wir reden". Es ging um die Ausreise mit meinem Sohn nach Köln. [...]

Nach meiner Entlassung klärte mich Wolfgang Vogel über den Freikauf auf. Meine Meinung dazu ist klar und unverändert. Der Menschenhandel zwischen beiden deutschen Staaten an sich war verwerflich. Die DDR-Nomenklatura hatte sich dadurch eine immense Einnahmequelle geschaffen, um in Saus und Braus prassen zu können. Und sie bauten im Laufe der Jahre das korrupte Geschäft mehr und mehr aus. Man bespitzelte, verurteilte und verkaufte für Milliarden von Westmark seine unliebsamen Bürger an den verhassten deutschen Staat. Wie schizophren!

Aber nicht Wolfgang Vogel war für diese absurde Praxis verantwortlich, sondern die SED-Machthaber und Mielkes Stasi-Schergen. Dem Anwalt stand nur die Vermittlerrolle zwischen Ost und West zu. Aber: Wer jemals hinter die Mauern von DDR-Gefängnissen geblickt hat, wer deren abscheuliche Foltermethoden kennen lernte, deren Missachtung jeglicher Menschenrechte, konnte nur schlussfolgern: Gott sei Dank gab es die Möglichkeit des Freikaufs. Einzig und allein das Wissen, irgendwann die ersehnte Freiheit auf diesem Wege erlangen zu können, hat viele vom Selbstmord abgehalten.

Leider nicht alle. Dass Wolfgang Vogel mit seiner humanitären Arbeit auch Geld verdiente, ist unbestritten. Das stand ihm schließlich zu. Für die Freiheit hatten wir einen weit höheren Preis gezahlt – mit unserer doppelten Unfreiheit. Ich werde das den Machthabern des Unrechtsstaates DDR mein Leben lang nicht verzeihen. Aber auch nicht vergessen, was der Mensch Wolfgang Vogel für uns tat.

„Was wäscht mir den Schmerz aus den Wörtern?"
von Matthias Storck, 1980 von der Bundesrepublik freigekauft


Himmel bleibt Himmel. Tor bleibt Tor. Wachturm bleibt Wachturm. Aber schon beim Schnee wird es schwierig: Schnee bleibt nicht Schnee. Und ausgerechnet im Schnee von gestern wusch ich meine Wörter. Aber Wahrheit bleibt Wahrheit und Bus bleibt Bus. Jedenfalls im Gedächtnis.

Niemals kann ich diesen Bus vergessen. Noch nach über zwanzig Jahren steht er mit laufendem Motor auf dem Gefängnishof im Schneematsch vor dem geschlossenen Eisentor, beschattet von vier Wachtürmen unter dem offenen Winterhimmel von Karl-Marx-Stadt. Ich steige ein. Ich trage Sommersachen. Nicht gereinigt. Sie riechen nach Mottenkugeln und dem Schweiß der Gerichtsverhandlung vor Monaten nach der U-Haft. Diese Geschichte hört nie auf.

Der Bus hat getönte Scheiben. Mit geschlossenen Augen sehe ich die Sitzpolster vor mir. Ich kann ihr Muster hersagen. Es leuchtet in meinem Gedächtnis. Seltsame Erinnerung, die die Sitzpolster zum Leuchten bringt. Das ist zum Verrücktwerden. Aber zehn Monate nur Grau und Grüngrau schaffen das und noch mehr. Als ich mich nach vierhundertdreißig Tagen das erste Mal in ein Polster fallen lasse, schreit der Rücken auf: Die Erinnerung schmerzt. Sitzen ist eben nicht gleich Sitzen.

Der Bus hat eine Klimaanlage, eine Kaffeemaschine und gedämpfte Musik. Der Duft nach frischem (West)-Kaffee tötet sofort die Erinnerung an den letzten (Ost)-Kaffee: Endlose Verhöre mit voller Blase. Nein, Kaffee ist eben nicht gleich Kaffee. Die Wörter bleiben an der Vergangenheit kleben. Das ist es. Du wachst plötzlich auf. Mitten im Leben. Und vergisst die falschen Dinge. Die Wahrheit verschwimmt dir. Die Erinnerung verschmiert. [...]

Tine ist anders, obwohl ich mit ihr verlobt bin. 430 Tage lang ist sie hinter anderen Türen anders fremd geworden. Ohne mich. Aber sie trägt noch ihr geblümtes Sommerkleid, dessen Blumen im Gerichtssaal blühten: unvergesslich bunt bei einem verbotenen Kuss in Handschellen. Die Staatsanwältin schrie dazwischen. Selbst der Anwalt, Vogels Adlatus Hartmann, empörte sich lauthals. Die Bewacher rissen uns auseinander. Seitdem ist Blume nicht mehr gleich Blume und Anwalt nicht mehr gleich Anwalt. So ein Kuss im Gerichtssaal ist teuer.

Im gedämpften Licht des Busses sieht der von der DDR autorisierte Menschenhändler Wolfgang Vogel einem Menschenfreund zum Verwechseln ähnlich. Er kam, um uns zum Stillschweigen zu vergattern: „Wenn Sie im Westen nur ein Sterbenswörtchen über diesen Freikauf verlieren, wird kein Bus mehr diesen Gefängnishof verlassen. Dafür werde ich ganz persönlich sorgen", sagt er. Wörter, die lange in der Seele nachbrennen.

Als abschreckendes Beispiel nennt er den freigekauften Schriftsteller Jürgen Fuchs, weil der die verordnete Verschwiegenheit über das dunkle Geschäft durchbrach. Er hatte geschrieben, dass die DDR-Gefängnisse sich immer dann mit aufsässigen Landeskindern füllten, wenn die Kassen des maroden Staates sich bedrohlich leerten. Das Schwerste am Schweigen ist das Aufhören.

Der Anwalt verlässt im dunkelblauen Mercedes den Gefängnishof. Vogel ade, Freikauf tut weh! Als unser Bus im Dunkel das halbe Land verließ, war Mauer noch Mauer, Westen noch Westen und Karl-Marx-Stadt noch Karl-Marx-Stadt. Das alles ist zum Glück endlich vorbei. Inmitten meiner kindlich trotzigen Freude darüber habe ich aber nicht zu buchstabieren verlernt, was ich vierzehn Monate lang im VEB-Knast auf den Leib geschrieben bekam: Arrest bleibt Arrest und Knüppel bleibt Knüppel. Bautzen bleibt Bautzen und Unrecht bleibt Unrecht.

Diese Geschichte hört nie auf. Bis auf den heutigen Tag. Und Vogel bleibt Vogel. Selbst wenn wider Erwarten aus Osten Westen und (in Ausnahmefällen!) aus Wasser Wein wird. Aber was wäscht mir den Schmerz aus den Wörtern? Solange ich das nicht weiß, werde ich vorsichtshalber alles behalten. Denn „der Kampf des Menschen gegen die Macht", bleibt, wie Milan Kundera einmal gesagt hat, „der Kampf des Gedächtnisses gegen das Vergessen."

Quelle: Hans-Hermann Hertle, Die Berliner Mauer – Monument des Kalten Krieges, Bonn 2007, S. 118-120