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Chronik 1961

Überblick

In der Nacht vom 12. auf den 13. August gab Walter Ulbricht als SED-Parteiführer und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze in Berlin. Im Einverständnis mit der Sowjetunion, wenige Tage zuvor in Moskau eingeholt, und mit Rückendeckung der sowjetischen Truppen in der DDR wird das letzte „Schlupfloch" versperrt, durch das der Parteidiktatur noch zu entkommen ist: Am frühen Morgen des 13. August beginnen bewaffnete Grenzpolizisten mitten in Berlin das Straßenpflaster aufzureißen.

Asphaltstücke und Pflastersteine werden zu Barrikaden aufgeschichtet, Betonpfähle eingerammt und Stacheldrahtverhaue gezogen. Wenige Tage später, in der Nacht vom 17. zum 18. August, beginnen Bautrupps, den Stacheldraht durch eine Mauer aus Hohlblocksteinen zu ersetzen. Am 24. August 1961 wird der erste Flüchtling, der 24jährige Schneider Günter Litfin, von DDR-Grenzwächtern bei einem Fluchtversuch von Ost- nach West-Berlin erschossen.

Die Mauer zementierte die politische Spaltung Deutschlands und Europas; sie wurde weltweit zum Symbol für den Kalten Krieg, der die Welt politisch in eine östliche und eine westliche Hemisphäre spaltete - und zum Symbol für den Bankrott einer Diktatur, die ihre Existenz nur durch die Einmauerung der Bevölkerung zu sichern vermochte.

Als die Mauer 1961 in Berlin errichtet wurde, war Deutschland bereits seit sechzehn Jahren ein geteiltes Land. Nach der Kriegsniederlage, die der nationalsozialistischen Diktatur ein Ende bereitete, war das Deutsche Reich 1945 in vier Besatzungszonen eingeteilt worden. Berlin wurde unter gemeinsame Verwaltung der Vier Mächte gestellt und ebenfalls in vier Sektoren aufgeteilt.

Weil die Sowjetunion auch über das Ende des Krieges hinaus ihre militärisch errungenen Machtpositionen mit Gewalt und diktatorischen Mitteln ausbaute, brach die Anti-Hitler-Koalition schnell auseinander. Auf den von den Nationalsozialisten entfesselten Zweiten Weltkrieg folgte der Kalte Krieg. In Berlin erreichten die Spannungen in der vom 24. Juni 1948 bis 12. Mai 1949 andauernden Blockade durch die Sowjetunion einen ersten Höhepunkt. Die Westmächte versorgten das bedrohte West-Berlin über eine Luftbrücke. Für die West-Berliner verwandelten sich die westlichen Siegermächte in Schutzmächte. 1949 entstanden mit der Bundesrepublik und der DDR zwei deutsche Teilstaaten: im Westen ein demokratischer Verfassungsstaat mit einer pluralistischen Institutionenordnung, im Osten die kommunistische Diktatur der SED, beruhend auf einer Gleichschaltung der bürgerlichen Parteien und Gewerkschaften und der Unterdrückung jeglicher politischen Opposition.

Beschlüsse der SED zum beschleunigten Aufbau des Sozialismus, Rentenkürzungen, Preiserhöhungen für Lebensmittel und schließlich die Erhöhung der Arbeitsnormen lösten den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 aus, der in Forderungen nach freien Wahlen und Wiedervereinigung seinen Höhepunkt fand. Sowjetische Soldaten und Panzer eilten dem SED-Regime zu Hilfe und schlugen den Aufstand blutig nieder. Nach dem 17. Juni 1953 verstärkte sich die Fluchtbewegung aus der DDR dramatisch. In den Folgejahren schwoll sie mit jeder Repressionsmaßnahme und jedem politischen Ereignis, das die Spaltung Deutschlands vertiefte, erneut an: 1955 nach der Unterzeichnung des Warschauer Pakts, 1956 nach der Gründung der Nationalen Volksarmee, 1957 mit der Verschärfung des Kampfes gegen die Kirchen, 1960 mit der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Und wegen der Verschärfung der Kontrollen und des Ausbaus der Sperranlagen an der innerdeutschen Grenze flüchteten die meisten Menschen über West-Berlin.

Mit einem Ultimatum hatte der sowjetische Parteiführer und Vorsitzende des Ministerrates, Nikita Chruschtschow, am 27. November 1958 die zweite Berlin-Krise ausgelöst. Falls die Westmächte nicht innerhalb von sechs Monaten in Verhandlungen über einen Friedensvertrag und die Umwandlung West-Berlins in eine "Freie Stadt" träten, so seine Drohung, werde die Sowjetunion einen einseitigen Friedensvertrag mit der DDR abschließen und alle ihre Rechte und Verantwortungen gegenüber Berlin, insbesondere die Kontrolle der Verbindungswege zur Bundesrepublik zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft an die DDR-Regierung abtreten. Dieses Ultimatum lief darauf hinaus, den Viermächte-Status der Stadt aufzukündigen, die Westmächte aus West-Berlin zu vertreiben und dadurch die DDR zu stabilisieren. Doch die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich gaben dem Druck nicht nach.

Zur Enttäuschung der SED-Führung setzte Chruschtschow sein Ultimatum mehrfach aus. Der sowjetische Parteiführer schien vor der angekündigten Konfrontation und ihren unvorhersehbaren Folgen zurückzuschrecken, die das Risiko einer nuklearen Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten bargen.

Im Frühjahr 1961 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der DDR rapide, die Versorgungsprobleme nahmen zu. Die Zahl der Flüchtlinge wuchs von Tag zu Tag. Die DDR blutete aus, ihr Ende schien nahe. Ulbricht drängte auf einschneidende Maßnahmen, Chruschtschow jedoch mahnte immer noch zur Zurückhaltung. Entscheidungen sollten erst nach seinem Gipfeltreffen mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 3. und 4. Juni 1961 in Wien getroffen werden. Der sowjetisch-amerikanische Gipfel nahm einen frostigen Verlauf. Chruschtschow wiederholte sein Ultimatum, setzte eine neue Frist bis zum Jahresende 1961. Kennedy wies das Ultimatum zurück, warnte vor einem bevorstehenden kalten Winter. Die zweite Berlin-Krise trat in ihre heiße Phase.

Die im Januar 1961 beginnende Dokumentation der Ereignisse in Form einer Chronik erlaubt es, sich in eine Handlungskonstellation hinein zu versetzen, in der einige wenige der Handelnden vielleicht ahnen, aber keiner genau weiß, was auf sie zukommen wird. Und niemand konnte sich in den Tagen unmittelbar nach dem 13. August 1961 vorstellen, daß 28 Jahre, zwei Monate und 28 Tage vergehen würden, bevor mit dem Fall der Mauer die Überwindung der Teilung und die Symbiose von Einheit und Freiheit in Deutschland wieder möglich wurde. Weniger anzeigen
  • Januar

     
    • 1961

      1. Januar

      Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin: Durchgangsstation für Hunderttausende von DDR-Flüchtlingen; Aufnahme 1958 (Foto: Bundesregierung, Fotograf: Gert Schütz)
      Im Jahr 1960 flüchteten 199.188 Menschen aus der DDR, davon drei Viertel (152.291) über die noch offene Sektorengrenze von Ost- nach West-Berlin. Auch im Januar 1961 hält der Flüchtlingsstrom an: 16.697 Menschen aus der DDR treffen im Westen ein; davon sind 47,8 Prozent Jugendliche unter 25 Jahren. Der Flüchtlingsstrom aus der DDR bis Ende 1960, 17. Februar 1961
    • 1961

      5. Januar

      Konrad Adenauer
      In Bonn begeht Bundeskanzler Konrad Adenauer seinen 85. Geburtstag. Bischof Otto Dibelius überbringt dem Kanzler die Glückwünsche der Evangelischen Kirche und spricht dabei die ernste Lage in Berlin an.


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    • 1961

      11. Januar

      Dr. Eugen Gerstenmaier, Bundestagspräsident und Mitbegründer des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen Deutschlands; Aufnahme 25. Januar 1961
      Das Presseamt beim Ministerpräsidenten der DDR teilt mit, dass die DDR-Regierung die Durchführung des für den Sommer geplanten gesamtdeutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin ablehnt und als Provokation betrachtet. Mehr
    • 1961

      19. Januar

      V. Parteitag der SED in der Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle (v. l. n. r.: Heinrich Rau, N.S. Chruschtschow, Walter Ulbricht und Otto Grotewohl); Aufnahme 10. Juli 1958
      Die wirtschaftliche Krise der DDR macht den Beschluss des V. SED-Parteitages aus dem Jahr 1958 zunichte, die Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus unter Beweis zu stellen: Bis 1961 sollte der Pro-Kopf-Verbrauch bei allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern in der DDR den in der Bundesrepublik erreichen und übertreffen. Mehr
    • 1961

      20. Januar

      John F. Kennedy wird nach der gewonnenen Präsidentschaftswahl in das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten eingeführt; Aufnahme 20. Januar 1961
      John F. Kennedy tritt das Amt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an. Der Kernsatz seiner Antrittsrede bezieht sich auf das Verhältnis zur Sowjetunion: „Let us never negotiate out of fear, but let us never fear to negotiate." Mehr
    • 1961

      21. Januar

      DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann und Walter Ulbricht während einer gemeinsamen Übung der sowjetischen Streitkräfte und der NVA (v. l. n. r: Rodion J. Malinowski, Heinz Hoffmann, Walter Ulbricht und der Andrei А. Gretschko); Aufnahme 7. Juni 1961
      SED-Chef Walter Ulbricht fordert Verteidigungsminister Heinz Hoffmann auf, mit dem Oberkommandierenden der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) militärische Sicherheitsfragen im Hinblick auf eine weitere Zuspitzung der Lage in Berlin und an der Westgrenze abzuklären. Mehr
    • 1961

      25. Januar

      Das KPdSU-Zentralorgan „Prawda" veröffentlicht eine Rede von Nikita Chruschtschow, in der er erneut androht, einen separaten Friedensvertrag mit der DDR abzuschließen, um „den Splitter – das Besatzungsregime in Westberlin – aus dem Herzen Europas zu entfernen." Die Sowjetunion will der DDR in diesem Zusammenhang die staatliche Souveränität übertragen und ihr somit die Kontrolle über alle Verkehrswege nach West-Berlin überlassen.
    • 1961

      26. Januar

      Die Deutsche Akademie für Landwirtschaft veranstaltet in Leipzig eine zweitägige wissenschaftliche Tagung über „Offenstallhaltung" von Rindern nach sowjetischem Vorbild. Zu diesem Zeitpunkt steckt die DDR-Landwirtschaft in einer schweren Krise. Täglich sterben im Durchschnitt 720 Rinder. Mehr
    • 1961

      31. Januar

      In einem Artikel des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland" nimmt Walter Ulbricht zu dem Staatsrats-Beschluss vom 30. Januar 1961 über die weitere „Entwicklung der Rechtspflege" in der DDR Stellung. Mehr
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