Chronik

10. November 1989 (Freitag)

Seit den frühen Morgenstunden berichten die Westmedien, insbesondere Rundfunk und Fernsehen, unaufhörlich über die unerhörten Begebenheiten der Nacht: den Mauerdurchbruch am Grenzübergang Bornholmer Straße und an anderen Grenzübergängen sowie über die nächtliche Jubelparty auf dem West-Berliner Kurfürstendamm.

Am Brandenburger Tor, 10.11.1989

08.00
Aufgrund des Massenandrangs scheitert an den Berliner Übergängen der Versuch, ab 8.00 Uhr - wie in der Nacht öffentlich angekündigt - zu einem kontrollierten Reiseverkehr zurückzukehren. Gleichzeitig bilden sich überall in der DDR vor den Volkspolizeikreisämtern lange Schlangen. Entgegen der ursprünglichen Absicht werden die Visa in den Personalausweis gestempelt, ein Reisepass ist nicht erforderlich. Kurz nach Mitternacht begann der Ansturm auf die Grenzübergänge zwischen der DDR und der Bundesrepublik; am Tag werden sie von Trabis überflutet.

Am Grenzübergang Helmstedt/Marienborn (1)


Auf Befehl von Egon Krenz wird eine "operative Führungsgruppe" aus leitenden Mitarbeitern der Sicherheitsapparate, des Ministerrates und des ZK-Apparates gebildet; zur "Beherrschung der unter den gegenwärtigen Bedingungen bestehenden komplizierten sicherheitspolitischen Situation in der DDR und dem sich daraus ergebenden Erfordernis, auf jede weitere Zuspitzung der Lage kurzfristig und angemessen zu reagieren", wie es heißt. Die Schließung der Grenze und ein Einsatz der Armee, so ein Beteiligter später, seien anfänglich erörtert, aber sogleich verworfen worden.

Am Grenzübergang Helmstedt/Marienborn (2)

Über Agenturen und Fernsehbilder dringt die Nachricht vom Fall der Mauer nach Moskau vor. In der sowjetischen Führung ist man empört, fordert von der SED-Führung eine Erklärung. Mit der Mitteilung von Egon Krenz, es sei doch alles mit der Sowjetunion abgestimmt gewesen, gibt sich der sowjetische Botschafter in Ost-Berlin, Wjatscheslaw Kotschemassow, nicht zufrieden. Die DDR-Führung soll Gorbatschow telegrafisch ihre Handlungsweise erklären.

Berlin-Treptow: Öffnung des Grenzübergangs, 10. November 1989

Im Laufe des Vormittags teilt Egon Krenz in einem Telegramm Michail Gorbatschow schließlich mit, dass größere Menschenansammlungen die Ereignisse der Nacht erzwungen hätten, doch seit 6.00 Uhr, fügt er zwar wahrheitswidrig, aber beruhigend hinzu, sei die Kontrolle wieder hergestellt.

09.00
Im SED-Politbüro herrscht an diesem Morgen Günter Schabowski zufolge Katzenjammer-Stimmung. Als Egon Krenz die Frage stellt: "Wer hat uns das eingebrockt?", empfindet Schabowski dies als niederträchtig. Schabowski später dazu: "Ich meine, das ist eine rhetorische Frage, das hat nur einer eingebrockt, das hat Schabowski gemacht. (...) Das kam ja bald so raus, als hätte ich mir das Stück Papier irgendwo geklaut sozusagen, und hätte das verlesen."

Berlin-Treptow: Öffnung des Grenzübergangs, 10. November 1989

Für lange Diskussionen bleibt jedoch keine Zeit, denn um 9.00 Uhr beginnt der dritte Beratungstag des SED-Zentralkomitees. Die erst zurückgetretenen und dann wieder neu gewählten Mitglieder des Politbüros, so wird gleich zu Beginn der Sitzung kritisiert, würden wegen ihrer Verantwortung für die katastrophale Lage, zu der sie sich ja auch bekannt hätten, von der Basis nicht akzeptiert. Erst als Hans-Joachim Böhme, Hans Chemnitzer, Werner Walde und Inge Lange im weiteren Verlauf der Tagung ihren Rücktritt aus dem Politbüro bekanntgeben, flaut die Personaldebatte ab.
Währenddessen bricht eine Debatte über die Ursachen für die wirtschaftliche Krise aus.

Mit der wirtschaftlichen Misere der DDR, die im SED-Zentralkomitee erstmals offengelegt wird, werden die DDR-Bürger bei ihrem ersten Besuch im Westen unmittelbar konfrontiert: In langen Schlangen warten sie in Sparkassen, Banken und Ämtern auf die Auszahlung des Begrüßungsgeldes in Höhe von 100 D-Mark, um sich irgendetwas kaufen zu können. Der Umtauschkurs der DDR-Mark in West-Mark liegt bei zehn zu eins; ihr in der DDR auskömmliches Monatseinkommen von 1.000 Ost-Mark schmilzt, in den West-Berliner Wechselstuben umgetauscht, auf den bescheidenen Betrag von 100 D-Mark zusammen.

Das Brandenburger Tor am 10.11.1989: kein Platz mehr auf der Mauerkrone

Gegen 10.00 Uhr, unter dem Druck der sowjetischen Nachfragen, sieht sich Egon Krenz zu einer Stellungnahme zum Fall der Mauer veranlasst: "Genossen, ich bitte um Verständnis. Ich weiß nicht oder ob viele den Ernst der Lage erkannt haben. Der Druck, der bis gestern auf die tschechoslowakische Grenze gerichtet war, ist seit heute Nacht auf unsere Grenze gerichtet. (...) Der Druck war nicht zu halten, es hätte nur eine militärische Lösung gegeben, Genossen, damit wir uns einig sind, durch das besonnene Verhalten unserer Grenzsoldaten, unserer Genossen vom MdI, vom MfS, ist die Sache mit großer Ruhe bewältigt worden (...).

Danach verlesen der stellvertretende Stasi-Chef Rudi Mittig und Ex-ZK-Sekretär Kurt Hager ihre vorbereiteten Beiträge; der eine über die Lage der DDR aus der Sicht des MfS, der andere über seine Verantwortung, die Wende und die Gefahr einer Konterrevolution.

Die dann einsetzende Diskussion über ein Aktionsprogramm der SED mündet in einen Streit über die persönliche Verantwortung der ZK-Mitglieder für die desaströse wirtschaftliche Lage. ZK-Mitglieder des ZK, die nicht im Wirtschaftsbereich tätig sind, lehnen die Übernahme jeglicher Schuld rundheraus ab und machten geltend, sie seien jahrelang belogen worden. So auch Karl Kayser, der Generalintendant der Städtischen Theater Leipzig.

Schließlich unterbricht Egon Krenz die immer stürmischer werdende Schuld- und Verantwortungsdiskussion mit Informationen über die aktuelle Lage in der DDR: Es breiteten sich "Panik und Chaos" aus.

Hektisch wird danach das SED-Aktionsprogramm und die Einberufung einer SED-Parteikonferenz beschlossen. Mit dem Aufruf, an die Kampfplätze zu gehen, wird die Tagung kurz nach 13.00 Uhr abgebrochen.

Catenhusen

13.00
Die Führung erteilt dem Kommando der NVA-Landstreitkräfte den Befehl, die 1. Mot- Schützendivision (Potsdam) und das Luftsturmregiment-40 (Lehnitz) - zwei im Stadtkampf ausgebildete und mit modernster Kriegstechnik ausgerüstete NVA-Eliteeinheiten - in "Erhöhte Gefechtsbereitschaft" zu versetzen. Die schwere Kampftechnik dieser Einheiten – darunter nicht nur Panzer, sondern auch Artillerie – wird gefechtsbereit gemacht, Munition auf Lkws verladen. Mitglieder der politischen und militärischen Führung der DDR erklären dies im Nachhinein als falsche Umsetzung des Befehls und der damit verfolgten Absichten.

Auch Stasi-Minister Erich Mielke alarmiert alle MfS-Mitarbeiter und erteilt den Befehl: "Aufgrund der Lage haben ab sofort alle Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit bis auf Widerruf in den Diensteinheiten bzw. Einsatzobjekten zu verbleiben."

Momper

Früher Nachmittag
Die für die DDR-Sicherheitsorgane unerträglichste Situation herrscht am Brandenburger Tor, wo Tausende von Ost- und West-Berlinern die Panzermauer besetzt halten. Am frühen Nachmittag finden sich der Regierende Bürgermeister Walter Momper und Willy Brandt am Brandenburger Tor ein; ihrem Versuch, die Menschen zu bewegen, von der Mauer herabzusteigen, ist kein Erfolg beschieden – ebenso wenig wie den Aufrufen der West-Berliner Polizei, die Mauerkrone zu verlassen.

Am Brandenburger Tor: Demonstranten auf der Panzermauer, Grenzsoldaten sichern den Raum.

Später Nachmittag
Über die konkreten Entscheidungsverläufe in Moskau ist bis heute wenig bekannt – allerdings ihr Ergebnis. Am späten Nachmittag erklärt Außenminister Eduard Schewardnadse vor der internationalen Presse, die Sowjetunion betrachte die "Ereignisse in der DDR als eine ureigene Angelegenheit ihrer neuen Führung und ihres Volkes und wünscht ihnen dabei vollen Erfolg." Die "Grenz- und Reiseregelungen" lobt er als eine "richtige und kluge, eine weise Entscheidung." Sein Pressesprecher Gennadi Gerassimow bezeichnet die Einführung neuer Reisebestimmungen als einen "souveränen Akt der Regierung der DDR." Der Beschluss sei in Berlin gefasst worden. Das Wichtigste, um die Stabilität zu bewahren, sei jetzt, betont Gerassimow, dass sich weder der Westen noch die Sowjetunion einmische. Soweit es die sowjetischen Truppen in der DDR betreffe, verfügten diese über ein sehr hohes Niveau an militärischer Disziplin.

Seine politische Devise, erklärt Michail Gorbatschow später in einem "Spiegel"-Interview", habe gelautet: "Man musste die Politik der Situation anpassen." In mündlichen Botschaften an Helmut Kohl und Willy Brandt, George Bush, Francois Mitterrand und Margaret Thatcher ersucht Gorbatschow die führenden Repräsentanten der Bundesrepublik und der Westmächte, eine Destabilisierung der Situation nicht zuzulassen und gemeinsam darauf hinzuwirken, "dass die Ereignisse nicht einen Verlauf nehmen, der nicht wünschenswert wäre."

Schewardnatse

16.30
Im DDR-Fernsehen verliest Innenminister Friedrich Dickel einen Aufruf des Ministerrates an die DDR-Bevölkerung. Die "lieben Bürgerinnen und Bürger" könnten sich auf die Dauerhaftigkeit der neuen Reisemöglichkeiten verlassen und brauchten "keine übereilten Entschlüsse zu treffen", heißt es darin. Es sei mit der kurzfristigen Einrichtung neuer Grenzübergänge zu rechnen.
Auf einer Sondersitzung hat der amtierende Ministerrat kurz zuvor beschlossen, bis zum 14. November zusätzlich sechs innerstädtische Grenzübergänge in Berlin zu schaffen: Jannowitzbrücke (11. November ., 8.00 Uhr), Eberswalder Str. (11. November, 8.00 Uhr), Puschkinallee (11. November, 13.00 Uhr), Potsdamer Platz (12. November, 8.00 Uhr), Wollankstraße (13. November, 8.00 Uhr), Stubenrauchstr. (14. November, 8.00 Uhr). Hinzu kommen vier Grenzübergänge am Berliner Außenring, der Grenze zwischen West-Berlin und dem Bezirk Potsdam: Glienicker Brücke (10. November, 18.00 Uhr), Mahlow (10. November, 8.00 Uhr, erweitert für Kfz), Falkenseer Chaussee (13. November, 18.00 Uhr), Teltow (14. November, 8.00 Uhr, Philipp-Müller-Allee, jetzt Lichterfelder Allee).

17.00
Auf einer Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus treten Walter Momper, Hans-Dietrich Genscher, Willy Brandt und Helmut Kohl vor 20.000 bis 40.000 Teilnehmern als Redner auf. Der Bundeskanzler, von den Anhängern des rot-grünen Senats von West-Berlin gnadenlos ausgepfiffen, betont die Einheit der Nation, erteilt jedoch zugleich radikalen Parolen und Stimmen eine Absage und fordert dazu auf, "besonnen zu bleiben und klug zu handeln." Noch während der Kundgebung rätseln Kanzlerberater Horst Teltschik und Kohl, ob Gorbatschows Botschaft eher "eine Bitte aus Sorge" vor weiteren spontanen Mauerdurchbrüchen oder vielmehr "eine versteckte Warnung" ist.

18.00
Auf einer SED-Kundgebung im Ost-Berliner Lustgarten propagiert Egon Krenz das gerade vom ZK beschlossene Aktionsprogramm, bekennt sich zur neuen Reise-Verordnung und deutet sie als Ausdruck dafür, "dass wir es mit der Politik der Erneuerung ernst meinen, und dass wir allen die Hand geben, die mit uns gemeinsam gehen wollen."

18.00
Die Glienicker Brücke ("Brücke der Einheit") zwischen Potsdam und West-Berlin wird als erster neuer Grenzübergang geöffnet.

nach 18.00
In der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin findet eine Lagebesprechung statt. Gemäß der Moskauer Weisung lässt Armeegeneral Snetkow, der Oberkommandierende der sowjetischen Truppen in der DDR, die Soldaten in den Kasernen, 350.000 Mann.

20.00
Das Geschehen hinter der Bühne ist an diesem Tag noch nicht bekannt. "Tagesschau" und "Tagesthemen" berichten über den Ablauf der Ereignisse.

22.00
Zurück im Bundeskanzleramt in Bonn, telefoniert Helmut Kohl mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und US.-Präsident George Bush und unterrichtet sie über die Ereignisse und die fröhliche Stimmung in Berlin.

West- und Ost-Berliner auf der Mauerkrone am Brandenburger Tor. (1)


nach 22.00
Auf der Panzermauer am Brandenburger Tor mischen sich in den Abend- und Nachtstunden jedoch auch aggressive Töne und Schmährufe in die Jubelstimmung. Unter dem gleißenden Licht der Fernsehscheinwerfer und mit zunehmendem Alkoholkonsum werden die Rufe "Die Mauer muss weg!" lauter und die Versuche energischer, diesem Ziel mit Vorschlaghämmern näherzurücken. Südlich der Panzermauer, in Richtung Potsdamer Platz, wird schließlich im übermütigen Abrisstaumel begonnen, die Mauer aufzumeißeln und ihre Rohrauflagen zu demontieren. Die DDR-Grenzsoldaten reagieren zunehmend nervös.

West- und Ost-Berliner auf der Mauerkrone am Brandenburger Tor. (2)


Von einer "Kontrolle über die Ereignisse" weit entfernt, hält die SED-Führung die NVA-Einheiten auch während der Nacht vom 10. auf den 11. November in "erhöhter Gefechtsbereitschaft". DDR-weit verharren alle MfS-Mitarbeiter in ihren Dienststellen; es gilt nach wie vor "Dienst bis auf Widerruf".