Chronik

12. August 1961

In der Zeit vom 12. August 1961, 8.00 Uhr, bis 13. August 1961, 8.00 Uhr, werden im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde rund 2.400 Flüchtlinge registriert.

In einem Telegramm an die US-Botschaft in Bonn bringt der amerikanische Außenminister Dean Rusk seine Besorgnis über die Möglichkeit eines Aufstandes in der DDR, eines neuen "17. Juni", zum Ausdruck. Er bittet den US-Botschafter um einen Bericht, was die Bundesregierung darüber denkt und was sie tut, um eine Explosion in Ostdeutschland zu verhindern. Er erinnert daran, dass sich die Außenminister in Paris einig gewesen seien, nichts zu unternehmen, was die Situation verschärfen könne.

In der Bundesrepublik beginnt an diesem Wochenende die heiße Phase des Wahlkampfes für die Bundestagswahl. Wahltermin ist der 17. September 1961. Die SPD hat Willy Brandt als Kanzlerkandidaten gegen Konrad Adenauer aufgestellt. Adenauer spricht an diesem Abend auf einer Wahlkampfveranstaltung der CDU in Lübeck. Angesichts der Fluchtwelle aus der DDR warnt er vor einer Panikstimmung und spielt die Krise, auch die Uneinigkeit des Westens, herunter.

Anders Willy Brandt: Während einer Wahlkampf-Veranstaltung der SPD in Nürnberg ergeht er sich in düsteren Andeutungen: "Welche Angst hat diesen Strom ansteigen lassen? (...) Die Antwort auf diese Frage heißt: weil die Sowjetunion einen Anschlag gegen unser Volk vorbereitet, über dessen Ernst sich die wenigsten Menschen klar sind. Weil die Menschen in der Zone Angst haben, dass die Maschen des Eisernen Vorhangs zuzementiert werden. Weil sie fürchten, in einem gigantischen Gefängnis eingeschlossen zu werden."

Unter strenger Bewachung stellen Ost-Berliner Druckereien bereits am Nachmittag den vom SED-Politbüro festgelegten Beschluss des Ministerrates, der förmlich noch nicht gefasst ist, als Flugblatt her.

Zu 16.00 Uhr hat Walter Ulbricht als Staatsrats-Vorsitzender, Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates und Parteichef die Mitglieder des Ministerrates und des Staatsrates in das Gästehaus des Ministerrates am Döllnsee, rund 80 Kilometer außerhalb von Berlin, zu einem "Beisammensein" eingeladen. Alfred Neumann, als Mitglied des Politbüros in alle Pläne eingeweiht, berichtete 1996 über das Treffen: "Wir waren am Vorabend der Abriegelung zum Döllnsee eingeladen. Das war am Wochenende. Die Vertreter der Blockparteien waren auch da. Nachmittags gab es Kaffee bei Ulbrichts, und Abendbrot gab's da auch. Das Interessante war, dass keiner wusste, warum wir zusammenkamen. Der Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann, wir hatten gerade Kaffee getrunken, kam zu mir: 'Sagen Sie einmal Neumann, warum sind wir heute am Döllnsee?' Es war nichts bekannt. Götting, Gerlach, alle waren sie da. Keiner wusste was. Ich antwortete: 'Ich habe keine Ahnung.' Es war ja nicht meine Sache, die Leute zu informieren. Dann ging es weiter mit Plätscher, Plätscher, Witze erzählen und Musik hören. Zu einer bestimmten Zeit sagte Ulbricht: 'Aufgrund der Volkskammerbeschlüsse werden heute Nacht zuverlässige Sicherungen an der Grenze vorgenommen. Es war vor 12 Uhr. Die genaue Zeit weiß ich nicht mehr. Honecker war nicht dabei. Er war beim Stab."

Der für die Grenzschließung eingerichtete Einsatzstab tagt im Polizeipräsidium der Ost-Berliner Volkspolizei. Am Abend werden allen politisch und militärisch Verantwortlichen die Befehle zur Abriegelung der Grenze von Erich Honecker, Sekretär des Nationalen Verteidigungsrates und Einsatzleiter der Aktion, übergeben. Alle Befehle sind unter größtmöglicher Geheimhaltung von einem kleinen Kreis Eingeweihter erarbeitet worden. Die wichtigsten Befehle, die an die Ersten Sekretäre der Bezirke Berlin, Potsdam und Frankfurt (Oder) gerichtet sind, hat Walter Ulbricht als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates selbst unterzeichnet.

Um 0.00 Uhr wird für die gesamte Nationale Volksarmee der Befehl "Erhöhte Gefechtsbereitschaft" erteilt. 3.150 NVA-Soldaten der 8. Motorisierten Schützendivision in Schwerin setzen sich mit 100 Kampfpanzern und 120 Schützenpanzerwagen in Richtung Stadtmitte in Bewegung. Ihr Gefechtsstand ist der Magerviehhof in Friedrichsfelde. 4.200 Mann der 1. Motorisierten Schützendivision in Potsdam mit 140 Panzern und 200 Schützenpanzerwagen marschieren an den Außenring um West-Berlin. Die Truppen haben den Auftrag, im Hintergrund eine zweite Sicherungsstaffel in einer Tiefe von 1.000 Metern zur Grenze zu bilden und Durchbrüche zu den Sektorengrenzen zu verhindern.

Um 1.30 Uhr wird für alle Dienststellen der Ost-Berliner Volkspolizei Gefechtsalarm Stufe II ausgelöst. Die 1. Brigade Bereitschaftspolizei und das Sicherungskommando Berlin, zusammen mehr als 10.000 Mann, bilden die erste Sicherungsstaffel. Sie erhalten den Befehl, mit Ausnahme von 13 Kontrollpunkten für den Personen- und Kraftfahrzeugverkehr alle Sektorenübergänge pioniermäßig zu sperren und Stacheldrahtverhaue entlang der Sektorengrenze zu ziehen.

Um 1.11 Uhr verbreitet ADN eine Erklärung der Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten. Der entscheidende Passus lautet: "Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR, an alle Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Vorschlag, an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühltätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers zuverlässig der Weg verlegt und rings um das ganze Gebiet Westberlins, einschließlich seiner Grenze mit dem demokratischen Berlin, eine verlässliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle gewährleistet wird."

Ergänzend sendet ADN kurze Zeit später den Text eines Ministerrat-Beschlusses vom 12. August 1961. Darin heißt es: "Zur Unterbindung der feindlichen Tätigkeit der revanchistischen und militaristischen Kräfte Westdeutschlands und Westberlins wird eine solche Kontrolle an den Grenzen der DDR einschließlich der Grenze zu den Westsektoren von Groß-Berlin eingeführt, wie sie an den Grenzen jedes souveränen Staates üblich ist. Es ist an den Westberliner Grenzen eine verläßliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle zu gewährleisten, um der Wühltätigkeit den Weg zu verlegen. Diese Grenzen dürfen von Bürgern der DDR nur noch mit besonderer Genehmigung passiert werden. Solange Westberlin nicht in eine entmilitarisierte neutrale Freie Stadt verwandelt ist, bedürfen Bürger der Hauptstadt der DDR für das Überschreiten der Grenzen nach Westberlin einer besonderen Bescheinigung."

Beide ADN-Meldungen werden kurze Zeit später im DDR-Rundfunk zusammen mit einer "Bekanntmachung des Ministeriums des Innern der DDR über den Zugang nach Ost-Berlin" verlesen und seit den frühen Morgenstunden in Ost-Berlin als Flugblätter an die Bevölkerung verteilt.

Erst im Jahr 2001 wird bekannt, was der Bundesnachrichtendienst an diesem Tag vermeldete. Wie "Der Spiegel" am 6. August 2001 berichtete, geht aus Ost-Berlin folgende Meldung in Pullach ein: "Am 11. August 1961 hat eine Konferenz der Parteisekretäre der parteigebundenen Verlage und anderer Parteifunktionäre beim ZK der SED stattgefunden. Hier wurde u.a. erklärt:

1. Jetzt könne nur der harte Weg beschritten werden. Man rechne mit den 'üblichen Protesten' vonseiten des Westens und eventuellen wirtschaftlichen Sanktionen, gegen die man aber die notwendigen Gegenmaßnahmen ergriffen habe. Man rechne außerdem stark mit dem passiven Widerstand der Bevölkerung in der SBZ und vor allem in Ost-Berlin. Dagegen würden Verordnungen erlassen werden, diesen Widerstand mit allen Mitteln zu brechen.

2. Die Lage des ständig steigenden Flüchtlingsstroms mache es erforderlich, die Abriegelung des Ostsektors von Berlin und der SBZ in den nächsten Tagen - ein genauer Tag wurde nicht angegeben - durchzuführen und nicht, wie eigentlich geplant, erst in 14 Tagen."
Ob der BND freilich diese Information unverzüglich an den Bundeskanzler oder die Bundesregierung weitergab und, falls ja, sie von irgendjemand zur Kenntnis genommen wurde, ist bis heute nicht bekannt.