Chronik
15. August 1961
Am Übergang Invalidenstraße (Sandkrugbrücke) und einigen anderen zentralen Straßenübergängen stellen Pioniereinheiten der Volkspolizei quer über die ganze Straßenbreite Betonplatten (1,20 x 1,40 m Größe), wie sie im Wohnungsbau verwendet werden, als Absperrung auf. Um 8.00 Uhr wird für die gesamte Schutz- und Bereitschaftspolizei West-Berlins, insgesamt 13.000 Beamte, die "Große Alarmstufe" ausgelöst. "Große Alarmstufe" bedeutet Tag-und-Nacht-Dienst ohne Unterbrechung für jeden einzelnen Beamten; Erholungspausen werden in den Einsatzgruppen festgelegt.
Der 19jährige Volkspolizist Conrad Schumann flüchtet an der Sektorengrenze Bernauer/Ecke Ruppiner Str. über den Stacheldrahtverhau nach West-Berlin.
Das SED-Politbüro tagt von 10.00 bis 14.30 Uhr und beschließt: "1. Die Maßnahmen zur vorläufigen Sicherung der Grenzen nach Westberlin sind im wesentlichen durchgeführt. Es ist erforderlich, schon jetzt einen Plan für den weiteren Ausbau der Grenzsicherung in der zweiten Etappe auszuarbeiten. Verantwortlich für die Ausarbeitung: Genosse Maron, Genosse Honecker, Genosse Hoffmann. 2. Ausarbeitung eines exakten Planes für den Übergang zu einer regulären Grenzsicherung. Der Plan ist von den Genossen Seifert, Beater und Riedel bis Montag, 21.8.1961, auszuarbeiten."
Sondersitzung des Bundeskabinetts in Bonn: Es werden Gegenmaßnahmen beraten, aber die Bundesregierung, gibt der Regierungssprecher nach der Sitzung bekannt, wird "trotz des Anhaltens der Provokationen nichts unternehmen, was zu unübersehbaren Folgen führen könnte." Kanzleramtsberater Horst Osterheld berichtet über die Stimmung im Kanzleramt: "Der Kanzler hatte von Gegenmaßnahmen gesprochen. Und alle Welt rechnete damit. Aber zwischen den drei Weltmächten, der Bundesregierung und Berlin war für den Fall der gewaltsamen Absperrung Ost-Berlins von West-Berlin keine Gegenmaßnahme vorbereitet, und zwar einfach deshalb nicht, weil man mit einem solchen Fall nicht gerechnet hatte." Also gab man im Kanzleramt, so Osterheld, die Parole aus: "Ruhe bewahren, ... keinen Funken ins Pulverfaß! Und keiner tat etwas; ‚es lief weich'; auch von höheren Stellen hieß es: Bleibt ruhig in der Zone, bleibt ruhig im Westen. Ruhe als erste Bürgerpflicht war die Parole."
Auf Anweisung ihrer Regierungen protestieren der amerikanische, der englische und der französische Stadtkommandant am 15. August 1961 gegen die "illegalen" Absperrmaßnahmen. Alliierte Verbindungsoffiziere bringen die gleichlautenden Protestschreiben zum sowjetischen Stadtkommandanten, Oberst A. J. Solowjew, nach Berlin-Karlshorst. Eine Forderung, die Abriegelung aufzuheben und den Stacheldraht zu beseitigen, ist in dem Brief nicht enthalten.
Auf die Ankündigung von Bundeskanzler Konrad Adenauer auf einer Wahlkampfveranstaltung in Regensburg am Vorabend, auch eine Kündigung des Interzonenhandelsabkommens mit der DDR als Gegenmaßnahme in Erwägung zu ziehen, droht der Ministerrat der DDR, dass in diesem Falle die Zufahrtswege von und nach West-Berlin gefährdet sein könnten: "Es ist offensichtlich, dass die westdeutsche Bundesregierung mit einem solchen Schritt bewusst auch einen Schlag gegen Westberlin führen würde."
Auf einer Informationskonferenz erläutern hohe Beamte vor amerikanischen Journalisten - ausländische Korrespondenten sind ausgeschlossen - die Haltung der Kennedy-Administration zur Schließung der Sektorengrenze und geben drei Grundregeln für die künftige Verhandlungsposition der USA bekannt: "1. Schließung des Fluchtweges durch die sowjetzonalen Behörden sei kein Anlass zum Krieg. Es gäbe verschiedene Länder, so die Sowjetunion, die seit langem Auswanderung blockierten, ohne dass dies bisher ein Kriegsgrund gewesen sei. 2. Der Abschluss eines Separatfriedens zwischen der Sowjetunion und der Zone sei gleichfalls keine Kriegsursache, solange dadurch der freie Zugang nach Westberlin nicht bedroht und die Freiheit der Westberliner nicht gefährdet werde. 3. Die Vereinigten Staaten würden sich auf keinen Fall an der Legalisierung der Teilung Deutschlands beteiligen. Diese Erklärung wird so ausgelegt, dass Washington keinen Friedensvertrag mit den beiden Teilen eines gespaltenen Deutschlands unterzeichnen werde." Wirtschaftliche Gegenmaßnahmen werden als wirksamste Form der Vergeltung betrachtet, aber zum jetzigen Zeitpunkt als verfrüht angesehen. Deshalb werde man der Bonner Regierung nicht erlauben, einseitige Maßnahmen zu ergreifen ("But the Bonn government will not be permitted to take unilateral action.").
Amtliche westalliierte Sprecher teilen am Abend mit, dass Truppenbewegungen der sowjetischen Armee rings um Berlin festgestellt worden seien. Die sowjetischen Streitkräfte seien ‚zur Westberliner Grenze' gebracht worden.
Entgegen bis dahin verbreiteter Befürchtungen in der Kennedy-Administration geben amerikanische Geheimdienste die Einschätzung ab, dass mit einem Aufstand der DDR-Bevölkerung zum gegenwärtigen Zeitpunkt kaum zu rechnen sei.
Pressestimmen-West:
Unter der Überschrift "In der Falle" beklagt Conrad Ahlers in der "Frankfurter Rundschau", dass der Westen überrascht worden sei. Anlass zur Besorgnis sei, dass die westlichen Außenminister immer noch über kein Konzept für Verhandlungen mit der Sowjetunion verfügten. "So stehen wir nun vor dem Scherbenhaufen einer Politik die den Menschen in der DDR die Freiheit und den Deutschen die Wiedervereinigung bringen sollte. (...) Wirkungsvolle Maßnahmen wie (...) Wirtschaftssanktionen wird man kaum wagen können, um nicht die Gefahr einer neuen Berliner Blockade heraufzubeschwören. Der Westen sitzt in Berlin in einer Falle, die jeden Augenblick zuschlagen kann. Als Ausweg bleiben nur Verhandlungen. (...) Es ist jetzt nicht mehr nur eine Frage der Vernunft, sondern auch der Moral, dass alles versucht wird, um das Geschehene wieder rückgängig zu machen, nachdem die bisherige Politik uns an den Rand der Katastrophe gebracht hat."
Auch das "Westdeutsche Tageblatt" (Dortmund) wirft die Frage auf, ob eine Handelsblockade eine geeignete Gegenmaßnahme des Westens sein könnte. Da sie unter Umständen die Spannungen innerhalb der DDR erhöhe, wäre zu prüfen, ob die Bundesregierung es überhaupt verantworten könne, zu einer solchen Verschärfung der Lage beizutragen. Dann folgt ein weiteres Gegenargument: "Durch eine Handelsblockade würde unter Umständen aber auch gerade herbeigeführt, was vermieden werden soll: Die ‚DDR' würde nämlich dem Ostblock wirtschaftlich noch stärker als bisher in die Arme getrieben. (...) Die Auswirkungen einer Wirtschaftsblockade würden ausschließlich die Zonen-Bürger treffen. Auf dem Rücken der Schuldlosen müsste dann nämlich ein Kampf ausgetragen werden, der auf anderen Ebenen auszukämpfen wäre. Die Bundesregierung sollte sich daher davor hüten, das Los der Bevölkerung in der Sowjetzone durch ihr Vorgehen zu verschlechtern. Bonn kann sich drehen und wenden, wie es will: die Versäumnisse der Vergangenheit, keine Verhandlungen über das Schicksal Berlins geführt zu haben, wirken sich jetzt aus. Der Westen muss die Initiative wiedergewinnen. Durch eine Wirtschaftsblockade erhält er sie kaum zurück, sondern verhärtet nur die Fronten."


