Chronik

16. August 1961

Nachdem am 14. und 15. August viele Menschen durch den Teltowkanal nach West-Berlin geschwommen sind, bringen Vopos am heutigen Mittwoch Suchlichter und Maschinengewehre in Position. Gleiches geschieht am Griebnitzsee. Die West-Berliner Polizei beobachtet am Abend, dass hinter der Mauer aus Betonplatten, die am Vortag an der Sandkrugbrücke errichtet worden ist, Hohlblocksteine abgeladen werden.

Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (DDR) meldet in einer vertraulichen Information auf der einen Seite Zustimmung zur Grenzabriegelung und "freiwillige" Verpflichtung von Betriebskollekiven mehr zu produzieren. Auf der anderen Seite gebe es aber auch noch eine Reihe "unklarer" Fragen unter den Beschäftigen:

"Wird es zum Krieg kommen? Waren solche harten Maßnahmen notwendig? Mussten es Panzer und Stacheldraht sein? Wird es möglich sein, durch diese Maßnahmen das Einschleusen von Agenten zu unterbinden, da die Westberliner Bevölkerung noch immer das demokratische Berlin ohne besondere Genehmigung betreten kann? Werden sich die Westmächte diese Maßnahmen gefallen lassen? Wird es durch eventuelle wirtschaftliche Gegenmaßnahmen nicht zu Schwierigkeiten in unserer Wirtschaft kommen? Was wird [geschehen], um in Westberlin wohnende Verwandten besuchen zu können?"

Bundeskanzler Konrad Adenauer empfängt in Bonn den sowjetischen Botschafter Smirnow. Dem offiziellen Kommuniqué zufolge versichert der Bundeskanzler, "dass die Bundesregierung keine Schritte unternimmt, welche die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR erschweren und die internationale Lage verschlechtern."

Dieser Satz stößt in der Öffentlichkeit auf Unverständnis. Kanzlerberater Horst Osterheld, der an dem Gespräch teilnimmt, erinnert sich später jedoch auch an folgenden Dialog. Adenauer zu Smirnow: "Er sei in großer Sorge, dass dort oder in der Zone Blut fließen könne. Die Situation sei wahrhaft scheußlich. Die Sowjetregierung möge verhindern, dass etwas passiert, und zur Milderung der Situation beitragen. Smirnow erwiderte, dass die getroffenen Maßnahmen überprüft werden und eventuell nur vorübergehend sein könnten, wenn es zu einer befriedigenden Berlinlösung komme."

Die Bild Zeitung erscheint an diesem Tag mit der Überschrift: "Der Osten handelt - was tut der Westen? Der Westen tut nichts! US-Präsident Kennedy schweigt ..., Macmillan geht auf die Jagd ... - ... und Adenauer schimpft auf Brandt."

Sprecher der Westalliierten in Berlin dementieren eine Meldung, denen zufolge Marschall Konjew die Westalliierten bereits am 10. August über die für den 13. August geplanten Sperrmaßnahmen unterrichtet habe. (Schlagzeile des "Kurier am Abend", der bereits nachmittags erscheint: "Marschall Konjew hatte die Westmächte informiert!") Solche Gerüchte, so die Sprecher der Westalliierten, seien "unverantwortlich und eine völlige Erfindung".

Von 16.00 bis 17.15 Uhr findet am Rathaus Schöneberg eine Protestkundgebung statt, an der sich rund 300.000 Menschen beteiligen. Einrichtungen des öffentlichen Dienstes und große Industriebetriebe wie Siemens, Osram, AEG, Borsig und viele andere ermöglichen ihren Beschäftigten die Teilnahme, teilweise rücken die Belegschaften der Betriebe geschlossen an.

Vor dem Schöneberger Rathaus werden Transparente mit folgenden Parolen gezeigt: 70 Stunden ohne Tat - weiß der Westen keinen Rat? - Papierne Proteste stoppen keine Tanks - Wir verlangen einen Wirtschaftsboykott - Werden wir vom Westen betrogen? - München 1938 = Berlin 1961?

Willy Brandt appelliert in seiner Rede unter anderem "an alle Funktionäre des Zonenregimes, an alle Offiziere und Mannschaften: Lasst euch nicht zu Lumpen machen! Zeigt menschliches Verhalten, wo immer es möglich ist, und vor allem, schießt vor allem nicht auf eure eigenen Landsleute!"

Der Regierende Bürgermeister teilt mit, dass er dem amerikanischen Präsidenten einen Brief geschrieben und in aller Offenheit seine Meinung gesagt habe: "Berlin erwartet mehr als Worte, Berlin erwartet politische Aktionen." Die Moral der West-Berliner hänge von der Moral der übrigen freien Welt ab.

Eine NATO-Ratssitzung, die in Paris anberaumt ist, fällt aus. Ein NATO-Sprecher erklärt, dass der NATO-Rat keine Initiative in der Berlin-Frage ergreifen wolle, da es Sache der interessierten Mitgliedsstaaten, nämlich der drei Westmächte und der Bundesrepublik Deutschland sei, Anträge zu stellen, die sodann vom NATO-Rat zu billigen wären. Berlin allerdings gehöre nicht zum Bereich der NATO.

Die "Fachvereinigung Draht" erklärt, dass im Rahmen des Interzonenhandels in den letzten fünf Jahren aus der Bundesrepublik kein Stacheldraht in die DDR geliefert worden sei. Das Statistische Bundesamt teilt dazu ergänzend mit, dass seit Jahren schon keine Genehmigungen mehr für Stacheldraht-Lieferungen an die DDR erteilt wurden. In den letzten zwölf Jahren sei nur zweimal Stacheldraht geliefert worden, und zwar Ende 1955 und Anfang 1956. Die beiden Lieferungen hätten 30 Tonnen im Wert von insgesamt 24.000 DM umfasst.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund ruft die West-Berliner dazu auf, die S-Bahn zu boykottieren. Innerhalb einer Woche gehen die Fahrgastzahlen um 80 Prozent zurück.

Die Schriftsteller Günter Grass und Wolfgang Schnurre wenden sich in einem offenen Brief an die Mitglieder des Deutschen Schriftstellerverbandes in der DDR. "Stacheldraht, Maschinenpistole und Panzer" seien nicht die Mittel, den Bürgern die Zustände in der DDR erträglich zu machen, heißt es darin. Sie fordern ihre ostdeutschen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen auf, ihren offenen Brief offen zu beantworten, "indem Sie entweder die Maßnahmen Ihrer Regierung gutheißen oder den Rechtsbruch verurteilen." Wer schweigt, werde schuldig, heißt es abschließend.

Pressestimmen-West:

Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt: "Bonn hat bisher keinerlei offizielle Andeutungen gemacht, welcher Art die Reaktion auf die Maßnahmen des Sowjetzonenregimes in Berlin sein werde. (...) Aus den Fanfaren, die trotzdem den ganzen Montag über auf allen Seiten geblasen wurden, kamen denn auch nur Worte, starke und stärkste Worte des Protestes, die dem, was am Sonntag geschah, zweifellos vollkommen angemessen sind - aber eben nur Worte."

Unter der Überschrift "Verlegenheiten" kommentiert Benno Reifenberg in der "Frankfurter Allgemeinen": "Alle Augen richten sich jetzt auf den Westen. Wenn wir richtig sehen, findet sich der amerikanische Präsident durch die westlichen Bundesgenossen nicht zu sofortigen, im Scheinwerferlicht stehenden Taten ermuntert. Gegenmaßnahmen werden nur angedeutet, die wirtschaftlichen zögernd diskutiert. (...) Washington könnte den Beginn der Verhandlungen (mit der Sowjetunion, d. Vf.) an die Voraussetzung knüpfen, dass der erste einseitige Schritt, den Chruschtschow unternommen hat - das Ultimatum enthielt nur die Drohung eines einseitigen Schrittes - rückgängig gemacht würde."

DDR-Presse:

Das "Neue Deutschland" stellt befriedigt fest: "Drei Tage nach unseren richtigen Taten zeigt sich, dass die Maßnahmen sehr gut verstanden worden sind. Man beginnt jetzt überall zu verstehen, dass man das Kräfteverhältnis berücksichtigen muß und dass es an der Zeit ist, sich zu Verhandlungen bereitzufinden. (...) So trägt also die Friedenswacht unserer Sicherungskräfte an den Grenzen der DDR dazu bei, Verhandlungen zu beschleunigen. Mit dieser Tatsache haben wir gerechnet, und deshalb begrüßen wir sie jetzt aus vollem Herzen."