Chronik
17. Juni 1961
Bonn: In dem diesjährigen Aufruf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland zum 17. Juni heißt es: "Einheit und Freiheit, unter dieses Wort ist der 17. Juni 1961 gestellt. Es ist ein Appell an das deutsche Volk, sich zu Berlin und zu unseren Landsleuten jenseits des Eisernen Vorhanges zu bekennen. Es ist ein Appell, der Welt zu beweisen, daß der moralische Widerstand gegen die Zerreißung unseres Vaterlandes und die Unterdrückung von Millionen unserer Mitbürger stärker und nicht schwächer wird. In einem Augenblick, da die freien Völker und ihre namhaften Vertreter entschiedener denn je für Berlin eintreten, ist es die Pflicht jedes Deutschen, für Einheit und Freiheit zu demonstrieren."
Allein zu der 17. Juni-Kundgebung am Rathaus Schöneberg in Berlin finden sich über 100.000 Berliner aus beiden Teilen der Stadt ein.
Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer hält beim Staatsakt anläßlich des Tages der Deutschen Einheit eine Ansprache im Plenarsaal des Deutschen Bundeshauses, in der er, angesichts der hohen Zahlen von DDR-Flüchtlingen, die sowjetische Deutschlandpolitik für gescheitert erklärt.
Ost-Berlin: In einem 19seitigen internen Brief fordert Walter Ulbricht im Auftrag des SED-Zentralkomitees von den 1. Sekretären der Bezirks- und Kreisleitungen der SED eine "Änderung der Arbeit". Um die DDR politisch und ökonomisch als "Bastion des Friedens" zu stärken, sei von allen Partei- und Staatsorganen eine "angestrengte, zielgerichtete politisch-ökonomische Arbeit" zu leisten. Es gebe nur einen Grundsatz: "Maßstab für die Änderung der Arbeit ist die Erfüllung des Volkswirtschaftsplans in allen seinen Teilen und die Störfreimachung der Wirtschaft. Es ist notwendig, einen entschiedenen Kampf gegen die Republikflucht zu führen."
Der Plan, moniert Ulbricht, sei im ersten Halbjahr 1961 in vielen Positionen der Industrie, Bauwirtschaft und Landwirtschaft nicht erfüllt worden. Dagegen sei jedoch die Kaufkraft im gleichen Zeitraum außerplanmäßig gestiegen. In einigen Bezirken gebe es große Rückstände bei Schlachtvieh und Milch; die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln - Brot, Butter und Fleisch - sowie "Waren des täglichen Massenbedarfs" sei unzureichend.
Der Gegner behaupte - und Teile der Bevölkerung fielen darauf herein - , daß die Vergenossenschaftlichung der Landwirtschaft die Ursache sei. Das aber sei nicht wahr. Die Nichterfüllung des Plans habe vielmehr ihre Ursache in erster Linie darin, "daß mit den Menschen in den LPG und VEG durch die Räte der Kreise und Gemeinden nicht genügend gearbeitet und ihnen nicht genügend geholfen wird, die genossenschaftliche Produktion in Feld und Stall in wissenschaftlicher Weise zu organisieren und so die Vorzüge der genossenschaftlichen Produktion wirksam werden zu lassen."
Ulbricht verlangt, in "kürzester Frist eine gründliche Verbesserung" sicherzustellen. Es sei auch notwendig, "mehr Aussprachen und Versammlungen mit den Werktätigen zu führen". Die Benachteiligung privater Handwerker und Gewerbetreibender sei einzustellen, in der Landwirtschaft ein Kampf für die Bestellung der Felder, den Gemüseanbau und das Einholen der Ernte zu führen. "Wir ersuchen auf Grund dieses Briefes", schließt Ulbricht, "gemeinsam mit den Parteiorganisationen in den staatlichen Organen und der Nationalen Front die notwendigen Aufgaben durchzuführen."


