Chronik
22. August 1961
Die 58jährige Ida Siekmann springt gegen 7.00 Uhr, nachdem sie einen Teil ihrer persönlichen Habe auf die Straße geworfen hat, aus einem Fenster ihrer in der Bernauer Straße im dritten Stock gelegenen Wohnung und verunglückt dabei tödlich.
Der Eingang der Versöhnungskirche in der Bernauer Straße wird zugemauert. Sie ist eine der Kirchen, deren Gottesdienste bis dahin gleichermaßen von Ost- wie West-Berlinern besucht wurden.
Um 10.00 Uhr tritt das SED-Politbüro zu einer mehr als zehnstündigen Sitzung zusammen. Es bestätigt die Maßnahmen zur Einschränkung der Besuchsmöglichkeiten für West-Berliner, die das Innenministerium im Laufe des Tages bekannt geben wird. Und es bestätigt einen Maßnahmeplan ("Übergang von der 1. zur 2. Etappe") zum systematischen Ausbau der Grenzsicherung. Und schließlich erhält SED-Propagandachef Albert Norden einen Spezialauftrag: Als Antwort auf den Appell Willy Brandts an alle Grenzbewacher, sich nicht zu Lumpen machen zu lassen und nicht auf die eigenen Landsleute zu schießen, soll Norden bei Volkspolizei und Volksarmee dafür Sorge tragen, "dass durch Gruppen, Züge oder Kompanien schriftliche Erklärungen abgegeben werden, die beinhalten, dass sie voll verstanden haben, um was es geht und dass jeder, der die Gesetze unserer Deutschen Demokratischen Republik verletzt - auch wenn erforderlich - durch Anwendung der Waffe zur Ordnung gerufen wird."
Ost-Berlin: Das DDR-Innenministerium (MdI) erlässt drei Bekanntmachungen. Danach dürfen West-Berliner mit Wirkung vom 23. August 1961, 1.00 Uhr, den Ostsektor nur mit einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung betreten. Sie sollen in zwei Zweigbüros des deutschen Reisebüros (der DDR) in West-Berlin (in den S-Bahnhöfen Zoo und Westkreuz) erteilt werden. Die Zahl der Übergangsstellen wird von zwölf auf sieben reduziert: vier für West-Berliner (Chausseestraße, Invalidenstraße, Oberbaumbrücke und Sonnenallee), zwei für Bewohner der Bundesrepublik (Bornholmer Straße und Heinrich-Heine-Straße) und einer für Ausländer, Angehörige des diplomatischen Korps und Alliierte (Friedrich-/Ecke Zimmerstraße). Außerdem weist das MdI an, das West-Berliner sich 100 Meter von der Mauer entfernt halten sollen.
Die Beschränkung der Freizügigkeit von Angehörigen der westalliierten Mächte auf nur noch einen Kontrollpunkt wird von der Kennedy-Regierung als "schwerwiegend" betrachtet. Ein Mitarbeiter des amerikanischen Außenministeriums erklärt dazu in einem Interview: "Niemand ist, wie die Briten schon mehrfach betont haben, gewillt, wegen eines Stempels in den Krieg zu ziehen, aber andererseits (...) muss man vor den Salami-Taktiken der Sowjets und Ostdeutschen auf der Hut sein, jenen Taktiken, die westliche Position in dieser Angelegenheit anzunagen oder auszuhöhlen. Und an irgendeinem Punkt muss man sich entschließen, wo man eine Position bezieht."
Bundeskanzler Konrad Adenauer besucht West-Berlin. Er unterrichtet sich in der Bernauer Straße, am Potsdamer Platz und am Brandenburger Tor über die Sperrmaßnahmen und nimmt an einer Sitzung des Senats teil. Harsche Kritik trägt ihm ein, dass er erst neun Tage nach der Abriegelung in Berlin erscheint. Die Alliierten jedoch, so scheint es, haben ihm von einem früheren Besuch ‚abgeraten'. Auf einer Pressekonferenz erklärt der Kanzler: "Ich bin von zwei Dingen außerordentlich beeindruckt: Erstens von der ausgezeichneten Haltung der Berliner Bevölkerung, und zweitens bin ich sehr beeindruckt davon, dass man mitten durch diese große Stadt eine solche Zone - wie soll ich sie nennen - des Schweigens oder des Todes, wie man sie nennen will - gelegt hat."
Boykott der S-Bahn: Am Abend kommt es in der S-Bahnhalle des Bahnhofs Zoo zu Gewalttätigkeiten einer 500köpfigen Menschenmenge gegenüber S-Bahn-Fahrgästen. Sie werden mit Schmährufen bedacht, man versperrt ihnen den Weg oder nimmt ihnen gar die Fahrscheine ab. Ein Einsatzkommando der Polizei muss einschreiten, um die Ordnung wieder herzustellen.
Pressestimmen-West:
Das "Westdeutsche Tageblatt" (Dortmund) kommentiert unter der Überschrift "Anerkennung der Abriegelung?": "Langsam zeichnet sich damit eine Entwicklung ab, in die die Berlin-Krise des Jahres 1961 vermutlich einmünden dürfte: De-facto-Anerkennung der hermetischen Abriegelung West-Berlins gegen den Osten, um dem Flüchtlingsstrom ein Ende zu bereiten. Damit wäre einer der wesentlichsten Hintergründe der ‚Freie-Stadt'-Forderung erfüllt. Selbstverständlich zulasten der Deutschen, wenn auch nicht jener, denen die Amerikaner ihre Garantie gaben. Diese Entwicklung aber wäre schließlich nichts anderes als die Folge vergangener Versäumnisse, als die Quittung darauf, dass man sich bei uns zu lange nicht um eine Bereinigung und Normalisierung der Dinge auf dem Verhandlungsweg bemühte, sondern sich auf die Stärke unserer Verbündeten, statt auf die Möglichkeiten einer eigenen Politik verließ ..."
DDR-Presse:
Die Tageszeitung das "Neue Deutschland" kommentiert unter der Schlagzeile "Die neue Lage": "Gerade wollten sie, um den Friedensvertrag abzuwehren und dem Revanchekrieg die Bahn freizuhalten, in dieser ‚Zone' aufs Ganze gehen. Sie wollten die Störtätigkeit auf die Spitze treiben, um zu Beginn des Herbstes mit dem offenen Angriff auf die DDR, mit Bürgerkrieg und militärischen Provokationen beginnen zu können. Plötzlich erhielten sie einen mächtigen Schlag auf ihre Menschenhändlerpfoten. Da zeigte ein Arbeiter- und Bauern-Staat seine Stärke und Entschlossenheit. (...) Wir werden in diesem Jahre einen Friedensvertrag abschließen, ob sich nun Bonn daran beteiligt oder nicht. Wir haben darauf hingewiesen, dass wir unsere Souveränitätsrechte, die wir dann ohne jede Einschränkung besitzen, wahrnehmen werden. Das heißt, unser Territorium und unser Luftraum wird dann von niemandem berührt werden können, der nicht mit unserer Regierung entsprechende Verträge abgeschlossen hat. Wer bisher an unsere Festigkeit und Entschiedenheit nicht geglaubt haben sollte, dürfte mit dem 13. August belehrt sein, dass uns niemand einschüchtern und erpressen kann. (...) So wird der Sieg, den die Sache des Friedens am 13. August errungen hat, weitere Siege nach sich ziehen."


