Chronik
23. August 1961
Um 11.05 Uhr flieht ein 30jähriger Arbeiter, der am Brandenburger Tor auf der Sperrmauer Blumenschalen aufstellen sollte, im Schutze eines LKW in den Westteil.
Als Antwort auf das am Vortag verhängte Annäherungsverbot an die Mauer nehmen in den Nachmittagsstunden amerikanische, britische und französische Streitkräfte in allen Sektoren Sicherungs- und Streifendienst mit Panzern und Geschützen entlang der Sektorengrenze auf. Die Bewegungen der Westalliierten werden von der Volkspolizei minutiös erfasst.
Der Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert ersucht in einem Schreiben den West-Berliner Senat, "dem Deutschen Reisebüro die Möglichkeit zu geben, in Westberlin zwei Zweigstellen zu errichten, die Anträge zum Betreten des demokratischen Berlins entgegennehmen und die Genehmigungen dem Antragsteller aushändigen." Ein solches Verfahren erspare den Westberliner Bürgern "unnötige Wege". Das Schreiben wird nicht beantwortet.
Die drei westlichen Stadtkommandanten verurteilen die am Vortage verkündeten DDR-Maßnahmen als illegal. Der Regierende Bürgermeister Brandt macht deutlich, dass der Senat auf West-Berliner Seite keine Einrichtungen dulden werde, die Anordnungen von DDR-Behörden durchführen. Er bezeichnet die neuen Beschränkungen, insbesondere die Reduzierung der Übergänge, als "neue Demütigung" für die Westmächte. Bonner Regierungspolitiker begrüßen, dass die Westalliierten Schutzstellungen an der Sektorengrenze beziehen, sehen aber zugleich keine Möglichkeiten für adäquate Gegenmaßnahmen gegen die endgültige Abriegelung Ost-Berlins, da alles vermieden werden müsse, was der DDR den Vorwand für einen Griff auf die Zugangswege von und nach West-Berlin liefern könne.
Der Landesvorstand der Berliner SPD reagiert auf die teils gewalttätige Schließung von SPD-Büros in Ost-Berlin an den Vortagen durch Kampfgruppen und löst zum Schutz der Anhänger die acht Kreisorganisationen der SPD in Ostberlin mit sofortiger Wirkung auf. Der Beschluss endet mit den Worten: "Wir danken allen. Wir vergessen keinen. Wir vergessen nichts."
Unter der Überschrift "Der großartige Elan unseres Jugendverbandes" veröffentlicht das "Neue Deutschland" den Bericht des Zentralrats der FDJ an das SED-Politbüro über die Kampfappelle, die am 18. August in den Grundeinheiten der FDJ durchgeführt wurden. Die Sofortaufgabe, die das SED-Politbüro der FDJ unter der Parole "Das Vaterland ruft - schützt die sozialistische Republik!" gestellt hat, lautet, möglichst viele Jungen im Alter von 18 bis 23 Jahren für die Nationale Volksarmee zu gewinnen. Weiteres Ziel des "Kampfauftrags" ist, die "Zuversicht von der Sieghaftigkeit des Sozialismus-Kommunismus, die Treue zur Arbeiter-und-Bauern-Macht und den Hass gegen die Todfeinde der Arbeiterklasse, die Militaristen und Faschisten, in das Herz jedes Jugendlichen zu pflanzen."
Am Nachmittag nimmt das SED-Politbüro in der Ost-Berliner Stalinallee einen "Kampfappell" der Berliner "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" ab. In einer Ansprache bezeichnet Walter Ulbricht die "Bonner Methoden der Aggressionsvorbereitung" gegen die DDR unter der Losung des Selbstbestimmungsrechts als identisch mit denen von Hitler und Goebbels. Die nächste Aufgabe sei es, den Friedensvertrag vorzubereiten. Dazu müsse die DDR gestärkt, der Volkswirtschaftsplan erfüllt und die Ernte gut eingebracht werden. Mit dem Aufmarsch beendet der größte Teil der eingesetzten Kampfgrüppler den Grenzdienst und kehrt zurück in die Betriebe. An der Grenze verbleiben jedoch immer noch über 18.000 bewaffnete Kräfte der dem DDR-Innenministerium unterstellten Grenzbrigade, der Ost-Berliner Volkspolizei sowie der Transportpolizei.


