Chronik
25. August 1961
Die Sperranlagen zwischen dem brandenburgischen Umland und West-Berlin werden stetig ausgebaut, die erste Stacheldrahtsperre um einen zweiten, manchmal auch dritten Stacheldrahtzaun erweitert. Häuser in Grenznähe werden geräumt und dem Erdboden gleichgemacht. Es entstehen erste Formen eines Todesstreifens – so an der Zonengrenze im Süden Berlins zwischen Kleinmachnow und Zehlendorf sowie im Norden bei Reinickendorf.
Zwei Unterwachtmeister der Ost-Berliner Volkspolizei, die an diesem Tag nach West-Berlin flüchten, berichten über ihren Einsatz am 13. August und an den Tagen danach – und über den Schießbefehl. Einer der beiden war am 13. August 1961 Schütze auf einem Schützenpanzerwagen in der Eberswalder Straße, etwa 100 Meter von der Sektorengrenze entfernt; der zweite wurde an verschiedenen Stellen im Norden Berlins eingesetzt, um Löcher auszuheben, Betonpfähle zu setzen und daran Stacheldraht anzubringen.
Am Nachmittag flüchtet ein Grenzpolizist vor den Augen eines RIAS-Reporters nach Neukölln. Der Reporter interviewt den Flüchtling unmittelbar nach seinem "Sprung über die Mauer".
Drei Angehörigen der DDR-Seegrenzpolizei gelingt die Flucht über die Ostsee. Sie bringen ein Schnellboot während einer Patrouillenfahrt unter ihre Kontrolle, laufen den Hafen von Travemünde an und bitten um politisches Asyl.
Der DDR-Ministerrat setzt eine Verordnung zur "Aufenthaltsbeschränkung" in Kraft. Danach kann eine "Aufenthaltsbeschränkung" ausgesprochen werden, "wenn die Fernhaltung von Personen von bestimmten Gebieten und Orten im Interesse der Allgemeinheit geboten ist oder die öffentliche Sicherheit und Ordnung bedroht ist." Durch eine "Aufenthaltsbeschränkung" wird Verurteilten der Aufenthalt in bestimmten Orten und Gebieten entweder untersagt oder vorgeschrieben. Sie können zudem verpflichtet werden, eine vorgeschriebene Arbeit aufzunehmen oder zu einer "Arbeitserziehung" eingewiesen werden. - In den folgenden Wochen berichtet die DDR-Presse über die ersten Verfahren. Sie werden zumeist dadurch eingeleitet, dass Parteifunktionäre öffentlich eine Diffamierungskampagne und einen "Volkszorn" gegen politisch missliebige Menschen entfachen, die anschließend per Gerichtsbeschluss deportiert und zu Zwangsarbeit verpflichtet werden.
Die Alliierte Kommandantur in West-Berlin veröffentlicht ihren am Vortag gefertigten Befehl, der die "Einrichtung sowie den Betrieb von Büros zum Zwecke der Ausgabe von Genehmigungen zum Betreten des Sowjetsektors von Berlin" in den Westsektoren der geteilten Stadt verbietet.
West-Berliner Polizeibeamte in Zivil beginnen an den Sektorenübergängen mit der Kontrolle aller Personen, die aus dem Ostsektor kommen. Ziel ist es, "unerwünschten Personen", insbesondere SED-Propagandisten und Agenten, den Zutritt nach West-Berlin zu verwehren.
Angesichts fortdauernder Anschläge auf den von der DDR betriebenen Schienenverkehr in West-Berlin fragt die West-Berliner Boulevardzeitung "Nachtdepesche": "Anschläge auf die S-Bahn! Steckt Pankow dahinter?" Innensenator Lipschitz erklärt unmissverständlich, dass jede mutwillige Beschädigung und Transportgefährdung von der West-Berliner Polizei hart verfolgt werde, egal wer dahinter stecke. Nach Übergriffen auf Angehörige der sowjetischen Besatzungsmacht in West-Berlin appelliert der Innensenator zudem an die Bevölkerung, Disziplin und Würde zu bewahren.
Der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Ernst Lemmer, weist auf einer Pressekonferenz in West-Berlin sowjetische Angriffe auf sich und das von ihm geführte Ministerium entschieden zurück. Lemmers Erklärung bezieht sich auf die sowjetische Note an die US-Regierung vom 23. August 1961. Darin heißt es: "In Westberlin betätigt sich seit längerer Zeit der Bonner Minister für sogenannte gesamtdeutsche Fragen, Lemmer, der seine Residenz dort aufgeschlagen hat, wo Provokationen verschiedenster Art vorbereitet werden und von wo die Leitung der Wühltätigkeit gegen die Deutsche Demokratische Republik und gegen andere sozialistische Länder erfolgt. Aus der deutschen Bundesrepublik werden nach Westberlin Revanchisten, Extremisten, Wühlagenten, Spione und Diversanten eingeschleust."
Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" veröffentlicht einen handschriftlichen Brief Albert Schweitzers an SED-Chef Walter Ulbricht. Darin bedankt sich Schweitzer für Ulbrichts Glückwunschschreiben zur Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Charité der Ost-Berliner Humboldt-Universität. Ulbricht hatte dem Arzt in seinem Schreiben vom 20. Juli 1961 auch seinen "Friedensplan" vorgestellt. Schweitzer antwortet, er sehe, dass auch Ulbricht "der Idee der Ehrfurcht vor dem Leben sympathisch" gegenüberstehe.
Gegen diese Formulierung wendet sich der Vorsitzende des Kuratoriums Unteilbares Deutschland, Dr. Schütz, in einem Brief an Albert Schweitzer: "Lassen Sie nicht die Verächter des Friedens und die Spötter gegen Christentum und Menschlichkeit mit einem mißbrauchten Segenswort von Ihnen durchs Land ziehen."
Der Brief aus dem afrikanischen Lambarene trägt das Datum des 9. August 1961. Albert Schweitzer konnte zu diesem Zeitpunkt also noch nichts vom Mauerbau und den ersten tödlichen Schüssen (24. August 1961) wissen - und schon gar nicht ahnen, in welcher Weise ihn die DDR-Presse instrumentalisieren würde.
Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard eröffnet am Vormittag in West-Berlin die "Rundfunk-, Fernseh- und Phono- Ausstellung". In seiner Rede gibt der Minister ein Bekenntnis der Bundesregierung zu Berlin ab. Über die Parteien hinweg sollte in Berlin deutlich werden, dass alle Deutschen für Recht und Freiheit einstehen.
In der Sporthalle des Zentralen Clubs der Jugend und Sportler in der Ost-Berliner Stalinallee hält SED-Chef Walter Ulbricht eine Rede zum Thema: "Wie geht es weiter in Berlin?" Mit den "Schutzmaßnahmen des 13. August", so Ulbricht, sei "den militaristischen Agenturen und Kriegsprovokateuren, die Westberlin zu einem zweiten Sarajewo machen wollten, ein eisernes Halt geboten" worden. Nachdem nun mehr als zweieinhalb Jahre seit dem sowjetischen Friedenvertrags-Vorschlag ("Chruschtschow-Ultimatum") vergangen seien, sei es nicht mehr möglich, den Abschluss eines Friedensvertrages weiter hinauszuschieben.
West-Berlin habe gegenwärtig keinen rechtmäßigen Status - weder einen völkerrechtlichen noch staatsrechtlich begründeten. Der ehemalige Viermächtestatus für Berlin existiere schon lange nicht mehr. Die Bundesrepublik zähle "unter den Bedingungen der amerikanischen Besatzung und seines militaristisch-klerikalen Regimes zu den gesellschaftlich rückständigsten Ländern Europas".
Der britische Premierminister Harold Macmillan notiert an diesem Tag in sein Tagebuch: "There is actually nothing illegal in the East Germans stopping the flow of refugees and putting themselves behind a still more rigid iron curtain. It certainly is not a very good advertisement for the benefits of Communism – but it is not (I believe) a breach of any of our agreements."
Pressestimmen Ost:
Unter der Überschrift "Verbrecher wollte fliehen" berichtet das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" unter Verfälschung des Sachverhalts über die Tötung des Flüchtlings Günter Litfin am Vortag: "Die Volkspolizei teilt mit: In den Nachmittagsstunden des 24. August wurde auf dem Bahngelände unweit Bahnhof Friedrichstraße eine wegen verbrecherischen Handlungen verfolgte Person mehrmals aufgefordert, sich der Volkspolizei zu stellen. Da sie diesen Aufforderungen nicht nachkam, wurden Warnschüsse abgegeben. Die Mißachtung dieser Warnungen hatte die Abgabe eines gezielten Schusses zur Folge. Daraufhin fiel die Person in den Humboldthafen und ist wahrscheinlich ertrunken."


