Chronik

29. August 1961

Gedenkstein für Roland Hoff in Berlin-Lichterfelde - an dem Ufer, das er nicht erreichte. Im Westen blieb der Name des Getöteten lange Zeit unbekannt, Aufnahme 2004

Der 27-jährige Roland Hoff springt gegen 14.00 Uhr im Süden Berlins, zwischen Teltow und Lichterfelde, in den Teltowkanal, um nach West-Berlin zu flüchten. Als er die Mitte des Kanals erreicht hat, beschießen ihn Grenzpolizisten. Roland Hoff erleidet einen tödlichen Kopfschuss und versinkt im Wasser. In West-Berlin, wo der Vorfall beobachtet wird, bleibt die Identität des Getöteten lange Zeit unbekannt.

Inschrift auf dem Gedenkstein für Roland Hoff in Berlin-Lichterfelde, Aufnahme 2004

Das SED-Politbüro beschließt Maßnahmen zu "Fragen der Verteidigung der DDR", die in den folgenden Wochen und Monaten nach und nach umgesetzt werden. Dazu gehören unter anderem ein Gesetzentwurf zur Verteidigung der DDR, ein Gesetzentwurf zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Ausweisung von Personen an der innerdeutschen Grenze sowie die Befestigung der innerstädtischen Sektorengrenze in Berlin gegen Panzervorstöße.

Ein geflüchteter Potsdamer Grenzpolizist berichtet in einem RIAS-Gespräch über die Praxis des Schießbefehls bei den Einheiten der Grenzpolizei.

Mauer und Todesstreifen mitten durch eine Straße: Die Sebastianstraße in Berlin-Kreuzberg

In Berlin-Kreuzberg wird die Sebastianstraße von einer Mauer durchschnitten, der Fahrweg wird zum Todesstreifen. Die Häuser Sebastianstraße 1-3 gehören zu Ost-Berlin, die Fenster im Erdgeschoss sind bereits zugemauert. Die gegenüberliegenden Häuser der Sebastianstraße 81-87 gehören dagegen zu West-Berlin, doch bereits der Gehweg, den die Bewohner noch benutzen dürfen, gehört zum sowjetischen Sektor.

Zugemauerte Tür eines Ost-Berliner Hauses an der Sektorengrenze zwischen Treptow und Neukölln

Im Südwesten Berlins, zwischen dem Kontrollpunkt Dreilinden und dem Zehlendorfer Kleeblatt, roden DDR-Pioniere den Wald und schaffen einen Todesstreifen, wie man ihn bisher nur von der innerdeutschen Grenze kennt.

In West-Berlin nimmt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt zu den jüngsten Äußerungen von Nikita Chruschtschow Stellung. Der Kreml-Chef hatte sich in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Drew Pearson zur Berlin-Frage geäußert. Für Brandt ist deutlich, dass Chruschtschow nach wie vor West-Berlin von der Bundesrepublik abkoppeln und den Einfluss der westlichen Schutzmächte neutralisieren will. Brandt ruft die West-Berliner noch einmal ausdrücklich zur Besonnenheit auf, damit die Sektorengrenze nicht zu einer ständigen Quelle von Zwischenfällen werde, was wiederum von der Ostseite zum Nachteil West-Berlins genutzt werden könne.

Der West-Berliner Innensenator Lipschitz äußert sich zu den vom Senat eingeleiteten Kontrollmaßnahmen an der Sektorengrenze und den in diesem Zusammenhang ausgesprochenen Besuchsverboten gegenüber unerwünschten Besuchern (wie Karl-Eduard von Schnitzler, Friedrich Karl Kaul u.a.) aus Ost-Berlin und der DDR.

In einem Schreiben an US-Präsident John F. Kennedy plädiert Bundeskanzler Konrad Adenauer für nichtmilitärische Gegenmaßnahmen als Reaktion auf den Mauerbau, vornehmlich für Wirtschaftssanktionen. Verhandlungen mit der Sowjetunion kann er wenig abgewinnen. – Kennedy dagegen hebt in seinem Antwortbrief vom 5. September 1961 die amerikanische Bereitschaft zu Verhandlungen hervor: "Da wir unserer selbst sicher und in unserer Entschlossenheit fest sind, teile ich nicht die Auffassung, daß wir Verhandlungen ablehnen sollten, weil dies als Zeichen unserer Schwäche ausgelegt werden könnte."

Eine Einschätzung aus dem Londoner Foreign Office zeigt, worum es der britischen Regierung nach dem Mauerbau vornehmlich geht: Verhandeln, ohne bei einer diplomatischen Niederlage im Nachhinein einen Gesichtsverlust zu erleiden bzw. der Nachgiebigkeit bezichtigt werden zu können: "It is already more than clear that nobody is going to fight for Berlin", heißt es in dem Papier. "We are going to negotiate about Berlin. (...) What would be fatal for the United Kingdom would be if a humiliating diplomatic defeat for the West could be laid at our door by American opinion. I foresee a real danger of this, if we let it be seen that we are not going to fight for Berlin."

Pressestimmen Ost:

In der "Tribüne", der Tageszeitung des FDGB, verteidigt John Heartfield die Schließung der Grenzen als notwendigen Schritt zur Sicherung des Friedens. Er spricht Walter Ulbricht Dank aus "für die Sicherungsmaßnahmen, die zum Schutze des ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates veranlaßt wurden." - Im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" verteidigen die Historiker E. Engelberg, Jürgen Kuczynski und H. Scheel in einem Brief an Walter Ulbricht den Mauerbau als "unumgänglich". Der Erfolg des 13. August werde der DDR "den noch größeren Erfolg" des Friedensvertrags-Abschlusses in diesem Jahr eintragen.