Chronik

29. Juni 1961

Notaufnahmelager Marienfelde (Durchgangsheim)

Im Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin berichtet eine 20-jährige Fotografin über ihre Fluchtgründe: "1941 wurde ich in W. geboren. Mein Vater war Drogist und ist 1944 in Russland gefallen. Es war eine sehr schwere Zeit für meine Mutter, aber auch für meinen Bruder und mich. Noch als ich ein Schulkind war, begann man zu organisieren. Das heißt, 100 Prozent der Klasse sollten in den 'Jungen Pionieren' organisiert sein. Als ich aus der Schule war, begann es mit der FDJ, später mit der Partei, Gewerkschaft.

War man - wie ich - nicht organisiert, gab es keine Prämien, keine Reisen. Was aber den Zustand ganz besonders erschwerte, war, dass es kein Arbeitsmaterial gab. Mit überlagerten Papieren und Filmen, mit alten Apparaten musste gearbeitet werden.

Bundesnotaufnahmelager Marienfelde, Essensausgabe

Zu jeder Belegschaftsversammlung wurde aber propagiert: '1965 werden wir Westdeutschland überholen.' Das gleiche Bild in den Geschäften: keine Butter, kein Fleisch, Wurst, Obst. Die einfachsten, zu einem normalen Leben gehörenden Dinge sind nicht da. Überall aber Propaganda, jedes Wort, was gesprochen wird, muss genau überlegt sein, weil der Arbeitskollege vielleicht anders denkt und man Unannehmlichkeiten bekommen kann. Dieser Zustand war für mich einfach unerträglich. Deshalb habe ich die sowjetische Besatzungszone verlassen."