Chronik

6. Juni 1961

Washington: Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten berichtet John F. Kennedy in einer Rundfunk- und Fernsehansprache über den "sehr umfassenden und offenen Meinungsaustausch" mit Chruschtschow in Wien. Das Ultimatum des sowjetischen Ministerpräsidenten verschweigt er: es habe keine Unhöflichkeiten, keine Temperamentsausbrüche oder Drohungen oder Ultimaten gegeben. Offenbar will Kennedy die Öffentlichkeit nicht beunruhigen.

An zwei "sehr sachlichen und nüchternen Tagen", so der Präsident, habe man über die Probleme gesprochen, die beide Länder trenne. Chruschtschow und er hätten "völlig verschiedene Auffassungen von Recht und Unrecht, von dem, was eine innere Angelegenheit und was Aggression ist; und vor allem haben wir völlig verschiedene Auffassungen davon, wo die Welt jetzt steht und wohin sie geht."

In Ost-Berlin wertet das SED-Politbüro das Treffen Chruschtschows mit Kennedy in Wien aus und beschließt, einen "deutschen Friedensplan" zu entwerfen, der in der ersten Juliwoche von Walter Ulbricht in der Volkskammer vorgestellt werden soll.

Daneben erörtert das Politbüro das Ergebnis der Regierungsverhandlungen zwischen der DDR und der UdSSR über Wirtschaftsfragen, bei denen die sowjetische Seite einer Erhöhung ihrer Warenlieferungen an die DDR zugestimmt, den Kreditrahmen der DDR dafür erweitert und das Versprechen gegeben hat, im Falle eines Abbruchs der Handelsbeziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten zusätzliche Hilfe bei der Versorgung mit Materialien für den Zeitraum zu gewähren, der für die Umstellung der Industrie der DDR erforderlich ist.

Im Politbüro kursiert dazu ein Papier, das die Motive der sowjetischen Seite erhellt. Danach hat der stellvertretende sowjetische Ministerpräsident Anastas Mikojan ausgeführt, dass man sich gegenüber Westdeutschland einen Bankrott der DDR nicht leisten dürfe.

Die DDR sei das Land, "in dem sich entscheiden muss, (...) dass der Kommunismus auch für Industriestaaten die höhere, bessere Gesellschaftsordnung ist". Mikojan: "Wenn der Sozialismus in der DDR nicht siegt, wenn der Kommunismus sich nicht hier als überlegen und lebensfähig erweist, dann haben wir nicht gesiegt. So grundsätzlich steht für uns die Frage. Deshalb können wir auch bei keinem anderen Land so herangehen. Und das ist auch der Grund, dass die DDR bei Verhandlungen oder bei Krediten an erster Stelle steht."