Chronik

7. Juni 1961

Im Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin berichtet ein 31-jähriger: "Wir, meine Frau und ich, beide wissenschaftliche Assistenten am Institut für X der Hochschule Y, besaßen nie eine marxistische Einstellung und waren aus diesem Grunde in unserer beruflichen Weiterentwicklung stets gehemmt.

Wir wurden beide gezwungen, an marxistisch-philosophischen Zirkeln für wissenschaftliche Assistenten teilzunehmen. Zur Diskussion aufgefordert, konnten wir es nicht mit unserem Gewissen vereinbaren, im vom Zirkelleiter gewünschten marxistisch-materialistischen Sinne zu den aufgeworfenen Problemen Stellung zu nehmen. Obwohl wir uns bemühten, so vorsichtig wie möglich zu diskutieren, wurden wir beide in einer Versammlung der Fakultätsgruppe der SED als Verfechter religiös-idealistischer Anschauungen angeprangert.

Ende März 1960 wurde ich aufgefordert, an Agitationseinsätzen auf dem Lande zur beschleunigten Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften teilzunehmen. Ich habe dieses Ansinnen aus Gewissensgründen strikt zurückgewiesen. Ebenso lehnte ich es zwei Wochen später ab, Handwerker zum Beitritt zur PGH aufzufordern.

Ich habe in Erfahrung gebracht, daß ab Ende Mai 1961 eine Überprüfung aller wissenschaftlicher Assistenten, die länger als vier Jahre im Dienst sind, durchgeführt werden soll, mit dem Ziel, alle nicht ‚linientreuen' Parteilosen aus ihrer Stellung zu entfernen. Dieser Überprüfungsaktion habe ich mich durch die Flucht aus der Ostzone entzogen."