Chronik

8. November 1989 (Mittwoch)

In Ost-Berlin wird eine dreitägige Sitzung des SED-Zentralkomitees eröffnet, zu deren Beginn das Politbüro geschlossen zurücktritt.

In der Debatte des Bundestages zur Lage der Nation macht Bundeskanzler Helmut Kohl seinen am Tag zuvor bereits von Rudolf Seiters über Alexander Schalck an die SED-Spitze übermittelten Forderungskatalog öffentlich: Wenn die SED auf ihr Machtmonopol verzichte, unabhängige Parteien zulasse und freie Wahlen verbindlich zusichere, sei er bereit, "über eine völlig neue Dimension unserer wirtschaftlichen Hilfe zu sprechen."

Schäuble,  Bundesminister des Innern

Nachdem das SED-Zentralkomitee einen entsprechenden Beschluss des Politbüros bestätigt hat, gibt DDR-Innenminister Friedrich Dickel bekannt, dass die Bürgerrechtsbewegung Neues Forum nun doch als Vereinigung zugelassen wird.

Mehr als 40.000 DDR-Bürger sind in den vergangenen Tagen über die CSSR in die Bundesrepublik ausgereist. Der Druck der CSSR auf die DDR nimmt ultimative Formen an. DDR-Botschafter Ziebart wird in Prag zur Entgegennahme eines Ersuchens in das tschechoslowakische Außenministerium einbestellt. Bei der Regierung der CSSR und im ZK der Kommunistischen Partei, so hält ihm der stellvertretende CSSR-Außenminister Sadovsky vor, stapelten sich Anfragen und Eingaben der Bevölkerung aus Nord- und Westböhmen, in denen Unverständnis darüber geäußert werde, dass die Ausreise von DDR-Bürgern in die BRD seit dem 3. November über das Territorium der CSSR abgewickelt werde.

Ziebart telegrafiert unverzüglich nach Berlin: "'Ausgehend von diesem Druck' in den beiden genannten, aber auch anderen Bezirken der CSSR bat Genosse Sadovsky 'im Auftrag der Regierung der CSSR und der Abteilung Internationale Politik des ZK' das Ersuchen zu übermitteln, die Ausreise von DDR-Bürgern in die BRD 'direkt und nicht über das Territorium der CSSR' abzuwickeln."

In der "Aktuellen Kamera" des DDR-Fernsehens richtet die Schriftstellerin Christa Wolf am Abend einen Appell an alle Ausreisewilligen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen und in der DDR zu bleiben: "Wir bitten Sie, bleiben Sie doch in Ihrer Heimat, bleiben Sie bei uns! Was können wir Ihnen versprechen? Kein leichtes, aber ein nützliches und interessantes Leben. Keinen schnellen Wohlstand, aber Mitwirkung an großen Veränderungen. Wir wollen einstehen für Demokratisierung, freie Wahlen, Rechtssicherheit und Freizügigkeit.

Unübersehbar ist: Jahrzehnte alte Verkrustungen sind in Wochen aufgebrochen worden. Wir stehen erst am Anfang des grundlegenden Wandels in unserem Land. Helfen Sie uns, eine wahrhaft demokratische Gesellschaft zu gestalten, die auch die Vision eines demokratischen Sozialismus bewahrt. Kein Traum, wenn Sie mit uns verhindern, dass er wieder im Keim erstickt wird. Fassen Sie zu sich und zu uns, die wir hier bleiben wollen, Vertrauen."

Unterzeichnet von Christa Wolf, Ulrich Plenzdorf, Stefan Heym, Volker Braun, Ruth Berghaus, Christoph Hein, Kurt Masur, Bärbel Bohley (Neues Forum), Erhard Neubert (Demokratischer Aufbruch), Uta Forstbauer (Sozialdemokratische Partei), Hans-Jürgen Fischbeck (Demokratie Jetzt), Gerhard Poppe (Initiative Frieden und Menschenrechte), erscheint der Appell am nächsten Morgen, dem 9. November 1989, auf der ersten Seite des "Neuen Deutschland".