Chronik

9. August 1961

In der Zeit vom 9. August 1961, 8.00 Uhr, bis 10. August 1961, 8.00 Uhr, werden im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde 1.926 Flüchtlinge registriert.

Volks- und Transportpolizei verstärken ihre Kontrollen in den S- und U-Bahn-Zügen nach West-Berlin und nehmen zahlreiche Fluchtverdächtige fest.

Unter strengster Geheimhaltung beginnt die stabsmäßige Vorbereitung des Einsatzes von bewaffneten Kräften für den 13. August:

1. Im Ministerium für Nationale Verteidigung wird eine kleine, aus dreizehn Offizieren bestehende "operative Gruppe" gebildet und unter dem Vorwand einer größeren Übung ins Gästehaus der Nationale Volksarmee in Wilkendorf bei Strausberg verlegt. Aufgabe der operativen Gruppe ist es, unter Ausschaltung aller eigentlich dafür Verantwortlichen bis zum 12. August alle für den Einsatz von zwei Divisionen erforderlichen Befehle, Verlegungs-, Transport- und Versorgungspläne, Karten und Nachrichtenverbindungen vorzubereiten. Die beiden Divisionen sollen als zweite Sicherungsstaffel in einer Tiefe von rund 1.000 Metern von der Grenze eingesetzt werden: die 8. Motorisierte Schützendivision aus Schwerin (8. MSD) mit einem Bestand von rund 3.150 Soldaten, 100 Panzern und 120 Schützenpanzerwagen soll in Berlin selbst im Zusammenwirken mit der Volks- und Grenzpolizei Durchbrüche an der Sektorengrenze verhindern helfen; die 1. Motorisierte Schützendivision aus Potsdam mit einem Bestand von rund 4.200 Soldaten, 140 Panzern und 200 Schützenpanzerwagen soll Durchbrüche am sogenannten Außenring von West-Berlin vereiteln.

In beiden Divisionen wird bereits am Nachmittag des 10. August Alarm ausgelöst. Mit Einbruch der Dunkelheit beginnt, gegenüber allen Beteiligten als Übung getarnt, der Abmarsch aus den Kasernen in die befohlenen Stellungen ("Konzentrierungsräume").

2. Die wichtigste Aufgabe obliegt jedoch nicht der NVA, sondern dem Ministerium des Innern: Die Sicherungskommandos der Ost-Berliner Volkspolizei sollen in Verbindung mit der Bereitschaftspolizei, der Transportpolizei sowie den "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" die erste Sicherungsstaffel an der innerstädtischen Sektorengrenze bilden. Auch im Ministerium des Innern ist deshalb eine "operative Gruppe", bestehend aus sieben Offizieren, gebildet worden, die in einer Schule der Deutschen Volkspolizei in Biesenthal bei Berlin den Einsatz aller bewaffneten Kräfte des MdI vorzubereiten hat. Diese "operative Gruppe" arbeitet die Einsatzbefehle des Innenministers, die Pläne zur Sperrung der Grenzübergänge zu West-Berlin, zur Sperrung der S- und U-Bahn-Verbindungen sowie die Pläne zum Einsatz aller Kräfte und Mittel des DDR-Innenministeriums aus.

Das SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" veröffentlicht die "Erste Anordnung zur Durchführung des Magistratsbeschlusses vom 4. August 1961 über Zahlungen im demokratischen Berlin durch Personen, die in Westberlin einer Beschäftigung nachgehen". Laut Paragraph 1 haben "Personen mit Wohnsitz in der Hauptstadt der DDR (demokratisches Berlin), die in Westberlin arbeiten, (...) ihre a) Mieten aller Art, b) Pachten für Grundstücke, c) Abgaben für Strom, Gas, Wasser sowie d) öffentliche Gebühren (wie Telefon, Rundfunk, Fernsehen, Müllabfuhr, Straßenreinigung, Entwässerungsgebühren, Kfz-Steuern, Hundesteuern, Wasserstraßenabgabe, Pflichtversicherung und Verwaltungsgebühren aller Art) in DM DBR (Westmark) zu entrichten". Diese Verpflichtung, so wird ferner angeordnet, "besteht auch dann, wenn eine Wohngemeinschaft mit einem Familienmitglied besteht, das zu den in 1) genannten Personen gehört". Wer gegen diese Vorschriften verstößt, wird laut § 3 "nach § 9 der Wirtschaftsstrafordnung vom 2. August 1950 in der Fassung der Änderungsverordnung vom 14. Dezember 1953 bestraft, sofern nicht nach anderen Bestimmungen eine höhere Strafe verwirkt ist." Die Anordnung wird rückwirkend zum 1. August 1961 in Kraft gesetzt.

In Paris unterrichten Außenminister Dean Rusk und weitere Mitglieder der amerikanischen Verhandlungsdelegation die Botschafter der Vereinigten Staaten in den europäischen Ländern über die Ergebnisse des Außenministertreffens und die Haltung der US-Regierung zur Berlin-Frage. Die Verhandlungen mit der Sowjetunion, so Dean Rusk, könnten im Oktober/November stattfinden. Die Vereinigten Staaten seien jetzt im Begriff, ihre Verhandlungspositionen zu definieren. Das bedeute, den Ausgangspunkt zu fixieren und das anzustrebende Ergebnis abzuschätzen. Jeder Ratschlag sei dabei willkommen. Angesichts der großen Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung, so Rusk, sei es wichtig zu unterscheiden, was lebenswichtige Interessen der Vereinigten Staaten seien und was lediglich wichtige Interessen seien, die es jedoch nicht wert seien, eine bewaffnete Auseinandersetzung - und damit unter Umständen einen Atomkrieg - heraufzubeschwören. Wirklich lebenswichtige Interessen seien a) die Anwesenheit der Westmächte in West-Berlin und b) der freie Zugang zur Stadt. Die Vereinigten Staaten gingen jedoch jetzt nicht mehr von der Vorstellung aus, dass eine Aussetzung ihrer Zugangsrechte unmittelbar den "big bang" eines Atomkrieges zur Folge haben werde. Die bloße Übergabe der Kontrollrechte an die Ostdeutschen etwa werde als solche kein "casus belli" sein. Die militärischen Pläne müssten geändert werden; man wolle die diplomatischen Handlungsmöglichkeiten und zugleich die militärischen Optionen erweitern.

Rusk hebt abschließend hervor, dass sich das strategische Denken der Kennedy-Administration gewandelt habe. Im Protokoll der Besprechung heißt es dazu: "We were now emphasizing the buildup of conventional forces not because we preferred land war in Europe to hydrogen bombs over the US, but because we were trying to force political decisions before we took military action. We had given up the concept of a ‚bigger bang for a buck' because it involves too great a danger for all states that their own as well as enemy territory would be subject to complete devastation. (.....) Notwithstanding Krushchev's threats we wanted also to increase his range of choice by not limiting our own choice to the grim alternatives of nuclear war or complete surrender."

Moskau: Oberst Oleg Penkowskij, Offizier in der Hauptverwaltung für Aufklärung des sowjetischen militärischen Geheimdienstes (GRU) im Generalstab der Sowjetarmee und zugleich als Spion für amerikanische und britische Geheimdienste tätig, erhält in Moskau Kenntnis von der bevorstehenden "Errichtung der Grenzkontrolle" in Berlin, wie Chruschtschow sich ausdrückt. Seine Informationen kann er jedoch erst zehn Tage nach Beginn der Abriegelungsaktion weitergeben, da er über keine Möglichkeiten verfügt, seinen westlichen Führungsoffizieren aktuelle Informationen sofort zu übermitteln. - 1962 wird Penkowskij enttarnt und in Moskau hingerichtet.

West-Berlin: Das "Berlin Watch Committee", das Koordinierungsgremium der amerikanischen Geheimdienste, die in Berlin tätig sind, erörtert mögliche bevorstehende Maßnahmen, zu denen die DDR greifen könnte, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Einzelnen Teilnehmern der Runde liegen Hinweise von Quellen vor, die auf eine kurz bevorstehende Absperrungsaktion schließen lassen; sie gelten jedoch als nicht vertrauenswürdig. Die vorherrschende Meinung ist: Eine Abriegelung der Sektorengrenze ist technisch nicht durchführbar. Als wahrscheinlichste Option betrachtet die Mehrheit der Geheimdienstler eine mit der Schließung der Grenze zwischen der DDR und Ost-Berlin kombinierte Unterzeichnung des Friedensvertrages.