Chronik
August 1989
Anfang August: Dem Entwurf einer Vorlage der ZK-Abteilung Sicherheitsfragen ("Information und Schlußfolgerungen zu einigen aktuellen Fragen der feindlichen Einwirkung auf Bürger der DDR") zufolge haben die DDR-Sicherheitsorgane 160 "feindliche, oppositionelle Zusammenschlüsse", darunter 150 sogenannte kirchliche Basisgruppen, mit insgesamt etwa 2.500 Personen gezählt. Es würden "ca. 25 nicht genehmigte Druck- und Vervielfältigungserzeugnisse mit antisozialistischem Inhalt hergestellt und verbreitet. Dazu wird fast ausschließlich kircheigene oder private Technik verwendet". Zu den Hauptrichtungen gegnerischen Einwirkens gehöre, der DDR "einen permanenten Nachholebedarf, insbesondere bei der Verwirklichung der Menschenrechte zu unterstellen. Darin eingeschlossen ist die anhaltende Diskreditierung der Kommunalwahlen." Als "sozialismusfremde Tendenz" unter Jugendlichen wird die Existenz von 51 Skin-Gruppen (denen ca. 1.000 Jugendliche angehören), von 10 Punk-Gruppen, 32 Heavy-Metals und 9 Grufti-Gruppierungen gesehen.
5. August: Erstmals nimmt die DDR-Regierung offiziell zu den Botschaftsflüchtlingen im DDR-Fernsehen DDR Stellung und bestätigt, dass sie ein Fluchtproblem hat.
7. August: Die SED-Führung kündigt die sogenannte Anwaltszusage auf. Rechtsanwalt Vogel teilt dem Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen mit, dass er Zufluchtsuchenden in den Vertretungen der Bundesrepublik nur noch Straffreiheit bei Verlassen und Rückkehr in die DDR, nicht aber mehr wie bisher eine schnelle positive Entscheidung des Ausreiseantrags zusagen könne. - In einer offiziellen Erklärung des DDR-Außenministeriums wird die Bundesregierung in scharfen Worten wegen der Wahrnehmung von Obhutspflichten für DDR-Bürger einer "groben Einmischung in souveräne Angelegenheiten der DDR" bezichtigt, die eine "typische großdeutsche Anmaßung" sei und zu "folgenreichen Konsequenzen führen" könne.
8. August: Die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, die von rund 130 DDR-Bürgern besetzt ist, wird geschlossen. Am 14. und 22. August folgen die Schließungen der Botschaften in Budapest und Prag, in denen sich 171 bzw. 140 Fluchtwillige aufhalten. Bei nahezu jeder Begegnung mit den Spitzen der SED haben bundesdeutsche Politiker ihr Desinteresse an einer Ausreisewelle aus der DDR betont. Bundesdeutsche Regierungs- und Oppositionspolitiker warnen die DDR-Bürger nun öffentlich vor einer Flucht. In der westdeutschen Öffentlichkeit beginnt eine Diskussion darüber, ob und wie viele Flüchtlinge die Bundesrepublik noch aufnehmen könne oder wolle. - Kanzleramtsminister Rudolf Seiters gibt bekannt, dass bis Ende Juli 46.343 Personen legal aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt sind. Er appelliert an ausreisewillige DDR-Bürger, nicht den Weg über diplomatische Vertretungen der Bundesrepublik zu gehen.
Bis zu 100 DDR-Bürgern gelingt täglich die Flucht von Ungarn nach Österreich, Hunderte werden aber auch noch festgenommen. Mehrere tausend DDR-Urlauber lagern in Budapest bei 35 Grad Hitze am Straßenrand und in Vorgärten und warten auf ihre Fluchtchance.
14. August: Anlässlich der Übergabe erster Funktionsmuster von 32-bit-Mikroprozessoren durch das Erfurter Kombinat Mikroelektronik erklärt Erich Honecker: "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf."
19. August: Das Ungarische Demokratische Forum und weitere ungarische Oppositionsgruppen haben unter Schirmherrschaft des Europa-Abgeordneten Otto von Habsburg und des ungarischen Reformpolitikers Imre Pozsgay, Mitglied des Politbüros der USAP und Staatsminister, zu einem "paneuropäischen Picknick" an die ungarisch-österreichische Grenze bei Sopron geladen, um durch die symbolische Öffnung eines Grenztores und eine "einmalige, okasionelle Grenzüberschreitung" für einen Abbau der Grenzen und ein geeintes Gesamteuropa zu demonstrieren. Über 600 DDR-Bürger stürmen durch ein nur angelehntes Grenztor nach Österreich. Nach wenigen Stunden wird das Tor wieder geschlossen.
Die gefahrlose Grenzüberquerung, so wird später bekannt, wurde durch ein Stillhalteabkommen zwischen Staatsminister Pozsgay, dem Innenminister und dem Chef der Grenztruppen ermöglicht – und ist ein Test, wie die Sowjetunion auf derartige Aktionen reagiert.
21. August: Bei Demonstrationen in Prag anlässlich des 21. Jahrestages der Niederschlagung des "Prager Frühlings" werden mehrere hundert Menschen verhaftet.
22. August: Ein DDR-Bürger wird bei einem Fluchtversuch nach Österreich von einem ungarischen Grenzposten erschossen.
23. August: Hunderttausende gedenken in den baltischen Republiken der Sowjetunion der verlorenen Unabhängigkeit.
24. August: Mithilfe des Internationalen Roten Kreuzes werden über einhundert zufluchtsuchende DDR-Bürger aus der Budapester Botschaft über Österreich in die Bundesrepublik ausgeflogen. - In Polen wird Solidarnosc-Mitbegründer Tadeusz Mazowiecki zum ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten gewählt.
25. August: In Bonn kommen der ungarische Ministerpräsident Miklos Németh und Außenminister Gyula Horn mit Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans Dietrich Genscher zu einem Geheimtreffen auf Schloß Gymnich zusammen. Németh eröffnet das Gespräch mit Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher nach seinen Angaben mit den Worten: "Herr Bundeskanzler, Ungarn hat sich entschieden, den DDR-Bürgern die freie Ausreise zu erlauben. Wir haben uns dazu vor allem aus humanitären Gründen entschieden."
Horst Teltschik zufolge versichert Kohl seinen Gesprächspartnern, die Nachteile auszugleichen, die Ungarn durch eventuelle Vergeltungsmaßnahmen der DDR entstehen würden. Die Bundesregierung gewährt Ungarn im Gegenzug, aber zeitlich versetzt, einen zusätzlichen Kredit über 500 Millionen DM und verspricht die Aufhebung des Visazwangs und politische Hilfe beim angestrebten EG-Beitritt.
26. August: Eine Initiativgruppe, zu der Martin Gutzeit, Markus Meckel, Arndt Noack und Ibrahim Böhme gehören, ruft zur Gründung einer sozialdemokratischen Partei in der DDR auf.
29. August: Auf einer SED-Politbüro-Sitzung herrscht Ratlosigkeit, wie mit der Flüchtlingskrise weiter umgegangen werden soll. Günter Mittag, der den kranken Erich Honecker vertritt, führt aus: "Ich möchte auch manchmal den Fernseher zerschlagen, aber das nützt ja nichts. (...) Die Sache mit Ungarn ist doch nicht zufällig vorbereitet worden. Das ist ein Angriff an der schwächsten Stelle, um auch die DDR in Misskredit zu bringen.
Genosse Mielke könnte eine Stunde und länger erzählen, welche Mittel dafür eingesetzt wurden. Dazu kommt die Frontberichterstattung des Gegners, wie wir das völlig richtig bezeichnet haben. Wir müssen in den Hauptpunkten die Gebrechen des Imperialismus zeigen. Wir müssen entlarven, wo er den Sozialismus unterwühlen will. Aber die Grundlinie ist: Wir tun das souverän und führen keinen Schlagabtausch. Das hat sich bewährt. Wir müssen überlegen, wie wir die Argumentation weiterführen."
31. August: Der ungarische Außenminister Gyula Horn trifft in Ost-Berlin zu Gesprächen mit DDR-Außenminister Oskar Fischer und Günter Mittag ein. Horn kündigt an, dass Ungarn die Flüchtlinge ab dem 11. September ausreisen lassen wird, falls sie bis dahin nicht durch eine Ausreisezusage zur Rückkehr in die DDR bewogen worden sind. Mittag und Fischer lehnen beides ab.


