Chronik

Februar 1989

Todesanzeige von Chris Gueffroy

3. Februar: Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Björn Engholm hält sich vom 31. Januar bis zum 3. Februar in der DDR auf. Im Mittelpunkt eines Gesprächs mit Erich Honecker stehen neben den internationalen Beziehungen die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen der DDR und Schleswig-Holstein. Honecker hebt hervor, dass sich beide deutsche Staaten von der Anerkennung der Realitäten, der Achtung der Souveränität, der Nichteinmischung und der Berücksichtigung legitimer gegenseitiger Interessen leiten lassen sollten. In diesem Sinne sollten strittige Fragen wie die Respektierung der DDR-Staatsbürgerschaft, die Festlegung der Elbgrenze sowie die Existenz der Erfassungsstelle Salzgitter gelöst werden.

Chris Gueffroy

Honecker und Engholm sprechen sich für die Aufnahme "normaler Beziehungen" zwischen der Volkskammer und dem Deutschen Bundestag aus. Beide bezeichnen einen Ausbau der Zusammenarbeit zwischen der DDR und Schleswig-Holstein als wünschenswert. Engholms Vorschlag, die Stadt Kiel in den grenznahen Verkehr einzubeziehen, wird seitens der DDR positiv aufgenommen.

5. Februar: Gegen 21.00 Uhr nähern sich der 20jährige Chris Gueffroy und der 21jährige Christian Gaudian im Ost-Berliner Stadtbezirk Treptow der Grenze zu Neukölln, die an dieser Stelle der Teltowkanal bildet.

Die Berliner Mauer: Am Reichstag (2)

Chris Gueffroy, der im Mai 1989 zur Armee eingezogen werden soll, was ihm widerstrebt, hat einen Traum: zu reisen und Amerika zu sehen, bevor das Leben vorbei ist. Von einem Freund, der seinen Wehrdienst bei den Grenztruppen in Thüringen ableistet, haben er und Christian Gaudian Ende 1988 gehört, der Schießbefehl sei ausgesetzt; geschossen werden dürfe nur noch auf Fahnenflüchtige und bei Angriffen auf Grenzsoldaten. Beide gehen davon aus, ihnen werde schon nichts passieren.

Die Berliner Mauer: Am Reichstag

Von einer Gartenkralle haben sie den Stiel entfernt und ein Seil daran gebunden. Mit diesem Wurfanker wollen sie die letzte Barriere vor dem Teltowkanal, an dieser Stelle ein Streckmetallgitterzaun, überwinden. Bei drei Grad minus kriechen sie fast drei Stunden durch Schrebergärten, bevor sie gegen 23.40 Uhr die Hinterlandmauer erreichen. Es gelingt ihnen, die Mauer unerkannt zu übersteigen. Das nächste, nur fünf Meter entfernte Hindernis ist der Signalzaun. Zwar kommen sie hinüber, doch lösen sie dabei optischen Alarm aus; die Grenzsoldaten werden auf sie aufmerksam.

Die Berliner Mauer: Todesstreifen zwischen Haus der Ministerien und Gropiusbau

Chris Gueffroy und Christian Gaudian rennen auf den Streckmetallzaun, das letzte Sperrelement, zu, als sie von einem Postenpaar unter Beschuss genommen werden. Sie versuchen, den Schüssen zu entkommen, indem sie am Zaun entlang von den Soldaten weglaufen. Vergeblich versuchen beide abwechselnd, dem jeweils anderen mit einer Räuberleiter über den Zaun zu verhelfen. Die Flucht vor dem ersten treibt sie in die Arme eines zweiten Postenpaares. Schüsse peitschen durch die Nacht, schlagen Funken am Stahlzaun. Chris Gueffroy sackt zusammen, fällt zu Boden und liegt leblos vor seinem Freund, der ebenfalls, von einem Geschoss am Fuß getroffen, stürzt.

Chris Gueffroy stirbt innerhalb weniger Minuten. Ein Brustschuss hat ihm den Herzmuskel zerrissen. Christian Gaudian wird am 24. Mai 1989 durch das Stadtbezirksgericht Berlin-Pankow wegen versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts im schweren Fall zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.

Stacheldrahtzaun mit elektrischer Alarmanlage - ein Element des ungarischen

Der Tod des 20jährigen führt zu internationalen Protesten gegen den Schießbefehl und die Berliner Mauer. Die westlichen Alliierten protestieren und bezeichnen die Schüsse als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Die Schüsse auf Chris Gueffroy und Christian Gaudian sind die letzten Todesschüsse an der Berliner Mauer.

6. Februar: In Warschau beginnen die Gespräche zwischen der Regierung und der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" am Runden Tisch.

11. Februar: Das Zentralkomitee der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP) beschließt, das Machtmonopol der kommunistischen Partei aufzugeben und zum Mehrparteiensystem überzugehen. Auch soll der "Eiserne Vorhang", der Stacheldraht an der ungarisch-österreichischen Grenze, abgebaut und durch eine normale Grenzsicherung ersetzt werden.

Die letzten sowjetischen Truppen verlassen Kabul: Winkender Soldat vor dem Abflug, 13.2.1989

15. Februar: Der letzte sowjetische Soldat verlässt Afghanistan. Staats- und Parteichef Nadjibullah hat Afghanistan zur Fortsetzung des Kampfes gegen die Mudjaheddin seit dem 5. Februar unter Kriegsrecht gestellt.

16. Februar: Eine vierköpfige Familie aus Potsdam flüchtet mit ihrem Auto auf den Parkplatz der Ständigen Vertretung, durchbricht eine Sperre und verletzt dabei einen DDR-Volkspolizisten.

Der ungarische

21. Februar: Der tschechoslowakische Schriftsteller und Bürgerrechtler Vaclav Havel wird in Prag wegen "Rowdytums" zu einer neunmonatigen Haftstrafe verurteilt. Er hatte bei der Demonstration zum Gedenken an die Selbstverbrennung Jan Palachs versucht, Blumen auf dem Prager Wenzelsplatz niederzulegen. Im Mai wird Havel auf Bewährung freigelassen. - Leipziger Oppositionsgruppen wie der "Arbeitskreis Gerechtigkeit" und die "Arbeitsgruppe Menschenrechte" hatten gegen die Inhaftierung Vaclav Havels protestiert.