Chronik
Januar 1961
Im Jahr 1960 flüchteten 199.188 Menschen aus der DDR, davon drei Viertel (152.291) über die noch offene Sektorengrenze von Ost- nach West-Berlin. Auch im Januar 1961 hält der Flüchtlingsstrom an: 16.697 Menschen aus der DDR treffen im Westen ein; davon sind 47,8 Prozent Jugendliche unter 25 Jahren.
5. Januar: In Bonn begeht Bundeskanzler Konrad Adenauer seinen 85. Geburtstag. Bischof Otto Dibelius überbringt dem Kanzler die Glückwünsche der Evangelischen Kirche und spricht dabei die ernste Lage in Berlin an.
11. Januar: Das Presseamt beim Ministerpräsidenten der DDR teilt mit, dass die DDR-Regierung die Durchführung des für den Sommer geplanten gesamtdeutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin ablehnt und als Provokation betrachtet. Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier bezeichnet als Hauptgrund für diese Absage die Furcht der SED, "dass eine der letzten und wichtigsten Klammern, die die Menschen in den getrennten Teilen Deutschlands zusammenhält, nämlich die Einheit der Evangelischen Kirche, der von der SED bewusst herbeigeführten Spaltung unseres Vaterlandes geistig entgegenwirkt."
19. Januar: Die wirtschaftliche Krise der DDR macht den Beschluss des V. SED-Parteitages aus dem Jahr 1958 zunichte, die Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus unter Beweis zu stellen: Bis 1961 sollte der Pro-Kopf-Verbrauch bei allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern in der DDR den in der Bundesrepublik erreichen und übertreffen. SED-Chef Walter Ulbricht teilt dem sowjetischen Parteiführer Nikita Chruschtschow mit, dass dieser Plan gescheitert sei. Das vorgesehene wirtschaftliche Wachstum werde nicht erreicht. Die DDR falle noch weiter hinter die Bundesrepublik zurück, was die "Republikflucht" nicht vermindern werde. Ulbricht bittet die sowjetische Führungsmacht um eine Kredithilfe in Höhe von 800 Millionen DM. Wenn dies nicht möglich sei, würde "in der Versorgung und in der Produktion eine so ernste Lage eintreten, dass wir vor ernsten Krisenerscheinungen stehen würden". Um bei der "friedlichen Lösung der West-Berlin-Frage und der Herbeiführung eines Friedensvertrages" endlich voran zu kommen, schlägt der SED-Chef Chruschtschow eine propagandistische Offensive der DDR vor. Dazu gehört auch ein Brief, mit dem sich Ulbricht als DDR-Staatsratsvorsitzender Ende März direkt an US-Präsident John F. Kennedy richten möchte. In seinem Antwortschreiben vom 30. Januar 1961 verweist Chruschtschow hinsichtlich des ökonomischen Hilferufes auf die laufenden Verhandlungen beider Seiten. Diplomatische Schritte zur Vorbereitung von Friedensvertrags-Verhandlungen dagegen, macht er Ulbricht unmissverständlich klar, seien ausschließlich Angelegenheit der Sowjetunion. Nur wenn es den Sowjets nicht gelingen werde, "mit Kennedy zu einer Verständigung zu kommen", seien die Vorschläge der DDR eventuell "unter gewissen Umständen" gefragt. Bis Kennedy jedoch seine Position in der Deutschlandfrage abgesteckt habe, bedürfe es einiger Zeit.
20. Januar: John F. Kennedy tritt das Amt als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an. Der Kernsatz seiner Antrittsrede bezieht sich auf das Verhältnis zur Sowjetunion: "Let us never negotiate out of fear, but let us never fear to negotiate."
21. Januar: SED-Chef Walter Ulbricht fordert Verteidigungsminister Heinz Hoffmann auf, mit dem Oberkommandierenden der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) militärische Sicherheitsfragen im Hinblick auf eine weitere Zuspitzung der Lage in Berlin und an der Westgrenze abzuklären. Ulbricht möchte vor allem wissen, in welchem Umfang die SED im Krisenfall mit militärischer Unterstützung der Roten Armee rechnen kann und welche weiteren Maßnahmen an der Grenze seitens der GSSD für erforderlich gehalten werden. Zugleich befasst sich die Verwaltung Operativ des DDR-Verteidigungsministeriums mit Planungen im Hinblick auf eine "Sicherung der Staatsgrenze".
25. Januar: Das KPdSU-Zentralorgan "Prawda" veröffentlicht eine Rede von Nikita Chruschtschow, in der er erneut androht, einen separaten Friedensvertrag mit der DDR abzuschließen, um "den Splitter - das Besatzungsregime in Westberlin - aus dem Herzen Europas zu entfernen."
26. Januar: Die Deutsche Akademie für Landwirtschaft veranstaltet in Leipzig eine zweitägige wissenschaftliche Tagung über "Offenstallhaltung" von Rindern nach sowjetischem Vorbild. Zu diesem Zeitpunkt steckt die DDR-Landwirtschaft in einer schweren Krise. Täglich sterben im Durchschnitt 720 Rinder. Hintergrund ist vor allem die 1960 nahezu abgeschlossene Zwangskollektivierung: Von den einst 850.000 bäuerlichen Privatbetrieben in der DDR sind Anfang 1961 nur noch etwa zwei Prozent übrig geblieben. Am gleichen Tag wird in West-Berlin die Grüne Woche eröffnet und es werden Vergleiche zwischen der Agrarpolitik in Ost und West gezogen. Nach all dem Leid, dass den Bauern in der DDR durch die brutale Enteignung angetan worden sei, so Bundesernährungsminister Schwarz in seiner Eröffnungsrede, müsse der Westen alles tun, um ihre "Hoffnung auf Befreiung nicht verglimmen zu lassen."


