Chronik

Juni 1989

4. Juni: Die chinesische Armee schlägt die Demokratiebewegung in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens blutig nieder und richtet dabei ein Massaker an: die Zahl der Toten wird mit mehreren Tausend angegeben. - Bei den Wahlen zum Sejm, dem polnischen Parlament, und dem Senat, an denen sich die "Solidarnosc" beteiligen darf, erleiden die Kommunisten eine schwere Niederlage. Während für die Wahl zum Sejm vorab eine Aufteilung von 65 zu 35 zugunsten der Kommunisten vereinbart worden war, gewinnt "Solidarnosc" 92 der 100 Sitze im Senat. - In der Sowjetrepublik Usbekistan kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und der schiitischen Minderheit der Meschtscheren, die gewalttätig aufgelöst werden.

8. Juni: Die DDR-Volkskammer wertet das Massaker auf dem Pekinger "Platz des himmlischen Friedens" am 4. Juni als "Niederschlagung einer Konterrevolution".

12. Juni: Der Beitritt Ungarns zur Genfer Flüchtlingskonvention wird rechtswirksam. Danach ist es untersagt, Flüchtlinge in den Staat zurückzuschicken, aus dem sie geflohen sind. Eine Delegation der Stasi erkundigt sich in Budapest besorgt nach den Folgen des Beitritts für DDR-Flüchtlinge. Der ungarische Geheimdienst-Chef Ferenc Pallagi teilt mit, dass DDR-Bürger nach wie vor nicht als Flüchtlinge anerkannt, sondern in die DDR ausgewiesen würden: "Eine Ausreise nach der BRD/Österreich oder einem anderen Staat eigener Wahl wird nicht gestattet."

Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow (3.v.l.) und seine Frau Raissa Gorbatschowa (rechts neben ihm) werden vom Oberbürgermeister Hans Daniels (3.v.r.) im Rathaus der Stadt Bonn empfangen, Juni 1989

12. bis 15. Juni: Während eines Staatsbesuches in der Bundesrepublik schlägt Michail Gorbatschow bei seinen öffentlichen Auftritten Sympathie und Begeisterung der Bevölkerung entgegen ("Gorbimanie"). Es finden intensive Gespräche zwischen dem KPdSU-Generalsekretär und dem Bundeskanzler statt, die eine Vertrauensbeziehung beider Politiker begründen. Michail Gorbatschow und Helmut Kohl unterzeichnen eine "Gemeinsame Erklärung", in der beide Seiten das Recht eines jeden Staates, "das eigene politische und soziale System frei zu wählen" und die "Achtung des Selbstbestimmungsrechtes aller Völker" als unumstößliche Prinzipien ihrer Politik anerkennen.

Bundeskanzler Helmut Kohl gibt zu Ehren des sowjetischen Staats- und Parteichefs, Michail Gorbatschow, ein Abendessen in der Redoute von Bad Godesberg, Juni 1989

13. Juni: In Ungarn beginnen zwischen der Regierungspartei (USAP) und der politischen Opposition Verhandlungen am Runden Tisch über die Abhaltung von freien Wahlen.

20. Juni: Blutige Unruhen in der Sowjetrepublik Kasachstan.

22./23. Juni: In Ost-Berlin tritt das 8. Plenum des SED-Zentralkomitees zusammen. Es wird Kritik am Auftreten Gorbatschows in der Bundesrepublik geäußert, insbesondere wegen seiner Nichtreaktion auf angebliche "Ausfälle" von Bundeskanzler Kohl gegen die DDR; die entsprechenden Passagen werden nicht veröffentlicht. Mangels Diskussionsbeiträgen wird die Tagung weit vor der vorgesehenen Zeit beendet. Mit einem Einschub in den Bericht des Politbüros setzt Honecker einen kuriosen Höhepunkt. Kurz zuvor hatte das Politbüro die Absicht der Stadt Leipzig begrüßt, sich um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele im Jahr 2004 zu bewerben. Honecker verliest dazu im ZK als Kommentar des RIAS: "Also geht doch zumindestens Erich Honecker davon aus, dass die DDR auch noch im Jahre 2004 existiert." Die ZK-Mitglieder schütten sich aus vor Lachen – und Erich Honecker und Egon Krenz lachen lauthals mit.

Gescheiterte Flucht eines 27-jährigen Elektrikers mit einem PKW Marke „Skoda“ am Grenzübergang Mahlow zu Berlin-Lichtenrade, 29. Juni 1989

29. Juni: Mit einem Skoda durchbricht ein 27-jähriger Elektriker drei Schlagbäume am Grenzübergang Mahlow. Als ein Sperrschlagbaum den Frontbereich des Wagens zertrümmert, ist das Fluchtvorhaben beendet. Der Fahrer wird schwer verletzt in das Armeelazarett Potsdam eingewiesen und der Potsdamer Stasi-Bezirkverwaltung überstellt.